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Die Grundlagen des Wissens

Burnout Leseprobe: Macht Schule krank?

Woran liegt es, dass bereits Heranwachsende immer früher unter totaler Erschöpfung leiden?

Da sitzen sie dann vor ihm, die Verzweifelten, Überforderten, Höchstbelasteten. Jugendliche, manche erst 13, 14 Jahre alt, die kaum noch schlafen können, die keine Ruhe mehr finden und keine Konzentration.

Die es vor Bauchschmerzen nicht mehr in die Schule schaffen. Die sich selbst nicht mehr wiedererkennen, weil sie so dünnhäutig geworden sind, ständig Weinkrämpfe bekommen und schon bei Kleinigkeiten die Beherrschung verlieren.

Matthias Niggehoff kann ihre seelische Verfassung in ein einziges Wort verpacken: platt. Niedergedrückt von Ansprüchen und Erwartungen, Angst und Stress.

Seit drei Jahren betreibt der Kölner Psychologe eine Praxis für Jugendcoaching und Stressmanagement. Die Beratung, die er anbietet, ist nicht als Therapieersatz gedacht, sondern als Hilfe zur Lebens- und Alltagsbewältigung: mit Motivationstraining, Lern- und Zeitmanagementtechniken, gezieltem Aufbau des Selbstbewusstseins. Mehr Lebensfreude will er vermitteln und Gelassenheit.

Er trifft auf Jugendliche, denen beides abhanden gekommen ist.

Niggehoff ist 30 Jahre alt, sein eigenes Abitur liegt erst elf Jahre zurück, er kann sich noch gut erinnern an den Stress dieser Zeit. Aber bei vielen der Jugendlichen, die er heute coacht, hat der Stress eine neue Intensität erreicht: Immer wieder, sagt Niggehoff, erlebe er Fälle, die alle Kriterien erfüllen für einen regelrechten Burnout.

Dass die Arbeitsbelastung von Schülern zumindest in Stundenzahlen gemessen durchaus vergleichbar ist mit der eines durchschnittlichen Angestellten, ergab 2012 eine Umfrage von UNICEF Deutschland und dem Deutschen Kinderhilfswerk: Mehr als 38,5 Stunden wöchentlich arbeiten Kinder und Jugendliche in Deutschland im Schnitt in der und für die Schule – ein Vollzeitjob. In den Klassen neun bis 13 sind es mehr als 45 Stunden.

„Menschlichere Schulen“ forderte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte auf seinem diesjährigen Kongress in Weimar: Schulische Spitzenleistungen allein machten junge Menschen nicht zufrieden. Den Kongress stellte der Verband unter das Thema „Schule macht krank?!?“

Von „neuen Kinderkrankheiten“ sprechen viele Ärzte. Und meinen damit: Depressionen, Ängste, psychosomatische Störungen (dabei hat die Fachwelt noch vor 30 Jahren darüber debattiert, ob Kinder und Jugendliche überhaupt an Depressionen erkranken können).

Die Studien der vergangenen Jahre zeigen, dass Depressionen unter Heranwachsenden nicht nur viel stärker verbreitet sind als lange Zeit angenommen, sondern auch immer früher auftreten. Die Zahl der Erkrankungen nimmt stetig und deutlich zu, Jugendliche sind inzwischen ebenso häufig betroffen wie Erwachsene. Und: Von der Pubertät an erkranken Mädchen doppelt so oft wie Jungen.

Eine Studie des Hamburger Universitätsklinikums stellte bei mehr als einem Fünftel der untersuchten Kinder und Jugendlichen Hinweise für psychische Auffälligkeiten fest. Bei zehn Prozent der Heranwachsenden fanden die Forscher Anzeichen von Ängsten, mehr als fünf Prozent zeigten Symptome von Depressivität.

Andere Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 18,5 Prozent der Jugendlichen bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter mindestens einmal an einer depressiven Störung erkranken. Eine 2011 veröffentlichte Studie der Leuphana Universität Lüneburg und der Krankenkasse DAK attestierte knapp einem Drittel der rund 6000 befragten Mädchen und Jungen zwischen elf und 18 Jahren zumindest gelegentliche depressive Stimmungen.

Und noch mehr: In einer internationalen Kinder- und Jugendgesundheitsstudie gaben 17,7 Prozent der befragten deutschen Schüler im Alter von elf bis 15 Jahren an, unter Einschlafproblemen zu leiden. 12,8 Prozent klagten über regelmäßige Kopfschmerzen. Häufig genannt wurden zudem Rücken- oder Bauchschmerzen: Beschwerden, in denen sich psychische Erkrankungen bei Kindern oft äußern.

Bundesweit wurden 2012 mehr als 12.000 junge Menschen zwischen zehn und 20 Jahren wegen Depressionen in einer Klinik stationär behandelt – 2004 waren es nur 4176. Diesen Anstieg innerhalb weniger Jahre führt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie vor allem auf eine bessere Diagnostik und Versorgung zurück. Allerdings blieben, so die Experten, viele Erkrankungen nach wie vor unerkannt.

Im Gegensatz zu Schülern mit sogenannten „externalisierenden Störungen“ wie etwa Aufmerksamkeitsdefiziten, Hyperaktivität und Aggressivität (bei denen Betroffene versuchen, Gefühle der Überforderung oder Ohnmacht durch nach außen, von sich selbst weg gerichtete Verhaltensweisen zu überlagern), fallen Kinder und Jugendliche, die unter Depressionen oder Ängsten leiden, in der Schule kaum auf – zumindest nicht negativ. Oft sind sie sogar besonders um Anpassung bemüht: Schüler, die an einer dieser „internalisierenden Störungen“ leiden, strengen sich übermäßig an, ihre Emotionen, ihr Denken, ihr gesamtes Verhalten zu kontrollieren.

Ängste und Depressionen werden häufig erst erkannt, wenn es regelmäßig zu Krankmeldungen kommt oder die Kinder und Jugendlichen den Schulbesuch komplett verweigern, sagt Annette Greiner. Die Vorsitzende des Landesverbandes der Schulpsychologen Nordrhein-Westfalen erlebt in ihrer täglichen Arbeit „eine Menge Kinder in schlechter seelischer Verfassung“. Früher sei man auf psychisch sehr belastete Schüler vor allem an Hauptschulen getroffen, so Annette Greiner, heute gebe es sie genauso am Gymnasium.

Zu den größten Risikofaktoren für die Entstehung von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen zählen Armut und ein Migrationshintergrund der Familie – beides ist an deutschen Gymnasien weitaus seltener anzutreffen als an anderen Schulformen. Umgekehrt aber klagen Gymnasiasten deutlich häufiger als andere Schüler über Stress und Leistungsdruck, die vielen psychischen Erkrankungen vorausgehen.

Im internationalen Vergleich liegt die durchschnittliche Schulstressbelastung in Deutschland nur im Mittelfeld, stellte die Mainzer Psychologieprofessorin Inge Seiffge-Krenke in einer Studie fest. Aber deutsche Jugendliche empfinden die Schule als ihre mit Abstand größte Stressquelle. Im Gegensatz zum Großteil der Befragten aus den 17 anderen untersuchten Ländern stuften sie die Belastung durch Schulstress weitaus höher ein als den möglicherweise durch Eltern ausgeübten Stress.

Dabei kann das nicht an gestiegenen Leistungsanforderungen liegen, so die Schulpsychologin Annette Greiner. Die Deutsche Mathematiker-Vereinigung veröffentlichte 2014 eine Studie, für die Wissenschaftler Klausuren mehrerer Abiturjahrgänge in Hamburg verglichen hatten. Von 2005 bis 2013 sei in Fächern wie Mathematik und Biologie „ein klarer Abstieg in den Anforderungen“ festzustellen.

Gleichzeitig verzeichnet die Kultusministerkonferenz seit Jahren immer bessere Abiturnoten: In Bayern beispielsweise verbesserte sich die Durchschnittsnote von 2,42 im Jahr 2006 auf 2,33 im Jahr 2012, in Nordrhein-Westfalen von 2,66 auf 2,51. Und auch die verkürzte Gymnasialzeit („G8“), für deren Abschaffung Elterninitiativen in mehreren Bundesländern kämpfen, belastet die betroffenen Schüler offenbar nicht zusätzlich: Mehr als 3500 Schüler aus G8- und G9-Jahrgängen erklärten im Rahmen einer Studie der Universität Duisburg-Essen, sie fühlten sich gleichermaßen gestresst.

Wenn die Schulen also nicht mehr von ihren Schülern verlangen: Woher kommt dann der übergroße Leistungsdruck?

Den ganzen Text lesen Sie in GEOkompakt Nr. 40 "Wege aus dem Stress".

Leseprobe: Macht Schule krank?

WENN DAS PENSUM PLATT MACHT: Nicht selten stehen Kinder schon früh unter dem Druck, permanent Höchstleistungen abzurufen – um ihre geistigen Fähigkeiten zu schulen und im Wettbewerb mit anderen zu bestehen. Doch nicht alle kommen mit dem Bildungszwang, der sich zunehmend auch in die Freizeit erstreckt, gleichermaßen zurecht. Einige zerbrechen daran

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GEO KOMPAKT Nr. 40 - 09/2014 - Wege aus dem Stress
GEO KOMPAKT Nr. 40 - 09/2014
Wege aus dem Stress
Wie sich Burnout, Ängste und Depressionen überwinden lassen