Intrusive Gedanken Warum wir uns manchmal vorstellen, schreckliche Dinge zu tun

Ein schwarz angezogener Mann lehnt an einer spiegelnden Wand in Gedanken versunken
Unser Gehirn ist in der Lage, sich ziemlich vieles auszumalen – auch Szenarien, die uns großen Schrecken einjagen
© Zacharie Scheurer/dpa-tmn
Was, wenn ich jetzt das Auto gegen einen Baum lenke? Im vollen Büro plötzlich laut losschreie? Manchmal denken wir Dinge, die uns gruseln und fragen uns: Ist mit mir alles in Ordnung? Eine Psychologin und ein Psychologe erklären, woher solche "intrusiven Gedanken" kommen – und wann sie krankhaft werden

Manche Gedanken schleichen sich an wie ungebetene Gäste. Plötzlich sind sie da – absurd, beunruhigend, manchmal verstörend. Ein flüchtiger Gedanke, das Kind auf dem Arm fallen zu lassen. Der Impuls, beim Autofahren das Lenkrad zu verreißen. Oder das Bild, jemanden zu verletzen, obwohl man ihn liebt.

Solche Einfälle erschrecken, weil sie nicht zu dem passen, wie wir uns selbst sehen und weil sie unsere Werte nicht wiederspiegeln. Doch genau das macht diese Gedanken so mächtig: Sie drängen sich uns auf, ohne dass wir sie wollen – und je mehr wir versuchen, sie zu verdrängen, desto lauter werden sie. Und obwohl fast jeder Mensch solche Gedanken kennt, spricht kaum jemand darüber.

Was sind intrusive Gedanken und sind sie bedenklich?

Im Feld der Psychologie werden solche aufdringlichen, ungewollten und dadurch häufig lästigen Fantasien als "intrusive Gedanken" bezeichnet. Die Bilder und Gedanken, die sich ins Bewusstsein drängen, werden von Betroffenen als beunruhigend, peinlich oder sogar verstörend erlebt. 

Sie widersprechen häufig den eigenen Werten – etwa aggressive, sexuelle oder katastrophische Szenarien – und fühlen sich gerade deshalb fremd und bedrohlich an.​ Aber sind diese intrusiven Gedanken tatsächlich gefährlich? "Solche Gedanken können einfach kommen und sind auch nicht schlimm", sagt Julia Asbrand, Professorin für Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, gegenüber der Deutschen Presseagentur. "Unser Gehirn produziert sie, sie tauchen auf und verschwinden wieder."

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© Video: GEO

Dass man sich beispielsweise vorstellt, sein Auto gegen einen Baum zu lenken, ist zwar durch den Baum angestoßen, den man in dem Moment sieht. Es heißt aber nicht, dass man sich wirklich das Leben nehmen möchte. Asbrand stellt klar: "Nur weil man etwas denken kann, heißt das nicht, das man es auch wirklich tun wird oder tun möchte. Deswegen würde ich solche Gedanken erst mal nicht zwingend als bedrohliches Signal einordnen. In der Regel erinnert man sich auch nicht an sie, weil man ihnen zu Recht keinen besonderen Wert beimisst."

Ein direkter Hinweis auf verdrängt Wünsche – eine Deutungsweise, die hin und wieder aufkommt – sind intrusive Gedanken nach heutigem Forschungsstand hingegen nicht. Sie sind stattdessen vor allem ein Hinweis darauf, wie das Gehirn mit zufälligen, aufdringlichen Inhalten umgeht – und wie diese bewertet und eingeordnet werden.

Typische Muster intrusiver Gedanken

Eine internationale Arbeitsgruppe hat 2025 mithilfe von Machine Learning zudem fünf typische Muster intrusiver Gedanken beschrieben – je nachdem, wie stark Menschen ihre Gedanken moralisch abwerten, wie intensiv sie körperlich reagieren und wie sehr sie versuchen, ihre Gedanken zu kontrollieren. Die Studie, erschienen im Frühjahr 2025 in Frontiers in Psychiatry, zeigt: Entscheidend ist weniger der Inhalt der Gedanken als der Umgang damit – ob jemand sie als gefährlich einstuft, sich dafür schämt oder sie mit aller Kraft wegdrücken will.

Die Autorinnen und Autoren unterscheiden dabei unter anderem Muster, in denen intrusive Gedanken eher neugierig beobachtet werden, von solchen, in denen sie als moralische Bedrohung erlebt und zwanghaft bekämpft werden.

Haben alle Menschen intrusive Gedanken?

Fast jeder Mensch erlebt solche mentalen "Einschüsse", weil das Gehirn fortlaufend Möglichkeiten, Risiken und extreme Szenarien durchspielt – ein Mechanismus, der ursprünglich dazu dient, mögliche Gefahren zu antizipieren und Lösungen zu entwickeln. "Der Mensch ist ein kreatives Wesen und kann sich sehr vieles vorstellen", so Julia Asbrand. Mit Blick auf die Evolution eine wichtige Fähigkeit. Wenn wir uns angsteinflößende Situationen vorstellen können, können wir sie vorab durchspielen und Lösungen entwickeln. Denn Angst hat die Funktion, uns zu beschützen.

Das kann bei Eltern zum Beispiel der Gedanke sein, seinen Kindern etwas anzutun. "Gerade, weil man seine Kinder liebt und nicht möchte, dass ihnen etwas zustößt, ist dieser Gedanke für Eltern natürlich sehr belastend", erklärt Asbrand.

Wissenschaftliche Untersuchungen und Befragungen zeigen, dass aufdringliche, tabubehaftete Gedanken überall in der Allgemeinbevölkerung vorkommen. So ergab die internationale Studie eines Forschungsteams um den kanadischen Psychologen Adam S. Radomsky vor einigen Jahren, dass unerwünschte intrusive Gedanken weltweit verbreitet sind. Die Forschenden hatten fast 800 Personen aus 13 verschiedenen Ländern befragt und von mehr als 90 Prozent der Befragten die Rückmeldung erhalten, in den letzten drei Monaten mindestens einen intrusiven Gedanken gehabt zu haben.

Wie unterscheiden sich intrusive Gedanken von normalen Sorgen?

Intrusive Gedanken unterscheiden sich vor allem durch ihren Charakter und ihre Wirkung von normalen Sorgen. Sie tauchen plötzlich, ungewollt und oft in schockierender Form auf, während Sorgen eher bewusstes Grübeln über reale Probleme oder mögliche zukünftige Ereignisse sind. Intrusive Gedanken wirken fremd, tabubrechend oder "nicht ich", normale Sorgen passen dagegen meist zu den eigenen Werten und sind in sich nachvollziehbar.​

Auch die Steuerbarkeit ist verschieden: Intrusive Gedanken drängen sich auf, lassen sich kaum kontrollieren und sind häufig mit starken Emotionen wie Angst, Ekel oder Scham verknüpft. Sorgen sind zwar belastend, aber in der Regel zielgerichtet, lösungsorientiert und können bewusst unterbrochen oder aufgeschoben werden – etwa, indem man aktiv entscheidet, sich später damit zu befassen.

Der Extremfall: Flashbacks

"Es gibt verschiedene Arten intrusiver Gedanken", sagt der Psychologische Psychotherapeut René Noack gegenüber der Deutschen Presseagentur. Er leitet die Tagesklinik für Angst- und Zwangserkrankungen der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik in Dresden.

So gibt es zum Beispiel besonders heftige Intrusionen, die nach traumatischen Erlebnissen auftauchen und als Flashback bezeichnet werden. Das sind Erinnerungen an Ereignisse, die Betroffene immer wieder mit voller Wucht durchleben. Flashbacks sind ein Symptom einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Sie können, müssen aber nicht, durch bestimme Reize ausgelöst werden.

"Man hat zum Beispiel einen Überfall erlebt und läuft dieselbe Straße wieder entlang. Daraufhin kann ein Gedanke an den Überfall ganz plötzlich auftauchen", ergänzt Julia Asbrand.

Psychische Störung: Wann werden intrusive Gedanken klinisch relevant?

Das Auftauchen intrusiver Gedanken ist in einem bestimmten Rahmen also völlig normal. Intrusive Gedanken werden jedoch dann problematisch, wenn sie stark bewertet, bekämpft oder mit einer psychischen Störung wie Zwangsstörung oder posttraumatischer Belastungsstörung verknüpft sind. 

"Eine psychische Störung entsteht dann, wenn man durch die Gedanken langfristig belastet und beeinträchtigt wird", sagt Julia Asbrand. Also etwa, wenn Eltern überlegen, ihre Kinder in Pflege zu geben, weil sie nicht wissen, ob sie mit ihnen weiterhin allein sein können. Professionelle Hilfe ist also dann wichtig, wenn sich intrusive Gedanken gravierend auf den Alltag und Beziehungen auswirken. Denn dann können sie Ausdruck einer Zwangserkrankung sein.

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Tatsächlich gibt es aber Personengruppen, die intrusive Gedanken intensiver und häufiger erleben als andere. "Personen mit einem besonderen Sicherheits- und Kontrollbedürfnis haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sich solche Gedanken verselbstständigen", sagt René Noack. Denn solche Menschen haben es schwerer, sich von den Gedanken zu distanzieren. Lieber gehen sie auf Nummer sicher – und entfernen zum Beispiel alle Küchenmesser aus ihrer Wohnung.

Risikofaktor Stress

Auch Stress kann intrusive Gedanken verstärken – sowohl in Häufigkeit als auch in Intensität. Unter hoher Belastung steht das Gehirn stärker "unter Alarm", richtet die Aufmerksamkeit mehr auf Bedrohungen und schockierende Inhalte und filtert störende Gedanken weniger effektiv heraus.​

Gerade akute oder andauernde, belastende Lebensereignisse gelten als Auslöser aufdringlicher Gedanken, etwa im Kontext von Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsreaktionen. Gleichzeitig werden in Stressphasen vorhandene Sorgen und Vulnerabilitäten eher "angedockt", sodass intrusive Gedanken leichter an bestehende Ängste (z. B. um Gesundheit, Sicherheit von Angehörigen) anschließen und dadurch besonders glaubwürdig wirken.

Schlafmangel fördert aufdringliche Gedanken

Besonders eindrücklich ist, wie sensibel intrusive Gedanken auch auf Schlaf reagieren. Ein Forschungsteam der University of York zeigte 2025: Schlafentzug schwächt die Fähigkeit des Gehirns, unerwünschte Erinnerungen und belastende Gedanken aktiv zu unterdrücken – mit anderen Worten, der innere Filter wird löchrig, und störende Inhalte drängen leichter ins Bewusstsein.

Die Forschenden veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Untersuchung in der interdisziplinären Fachzeitschrift PNAS. Gesunder Schlaf fördert also nachweislich jene Hirnregionen, die intrusive Gedanken aus unserem Kopf halten. Die Erkenntnisse könnten ein neuer Therapieansatz bei Depressionen und Angststörungen in Zusammenhang mit intrusiven Gedanken sein.

Gedankenunterdrückung verstärkt Intrusionen

Wer versucht, diese Gedanken durch aktives "Wegdenken" loszuwerden, stellt schnell fest: Das funktioniert nicht. Im Gegenteil: Gedankenunterdrückung verstärkt intrusive Gedanken, weil das Gehirn paradoxerweise genau das stärker überwacht, was "auf keinen Fall" gedacht werden soll. Dieser Mechanismus wird in der ironischen Prozess-Theorie von Daniel Wegner beschrieben: Um einen Gedanken zu unterdrücken, läuft permanent ein unbewusster Suchprozess im Hintergrund, der genau nach diesem Inhalt scannt – dadurch taucht er häufiger und aufdringlicher im Bewusstsein auf.​

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Hinzu kommt, dass Unterdrückung den Gedanken emotional "aufwertet": Wer sich heftig erschrickt und panisch versucht, eine Intrusion wegzudrücken, verknüpft sie im Gehirn mit starker Angst und Wichtigkeit. So entsteht ein Kreislauf: Intrusiver Gedanke → Erschrecken → aktives Wegdrücken → mehr innere Überwachung → noch häufigeres Auftauchen, was insbesondere bei Angststörungen und Zwangsstörungen gut dokumentiert ist.

Wie sollte man auf intrusive Gedanken reagieren ohne sie zu verstärken?

Und wie können wir dann besser damit umgehen, wenn uns intrusive Gedanken anspringen? "Alle Gedanken, die man hat, sind erst einmal nur Gedanken. Sie dürfen sein", sagt Julia Asbrand. Es kann ebenso helfen, sich klarzumachen, dass die Gedanken wieder verschwinden und Platz machen für andere.

Ähnlich läuft es, wenn in einer Psychotherapie an solchen Gedanken gearbeitet wird: Dort lernen Betroffene vor allem, die Gedanken als unsinnig zu identifizieren. Und sie lernen, sich emotional von ihnen zu distanzieren, beispielsweise indem sie sich ihren Quatsch-Charakter verbildlichen, wie Noack erklärt.

Eine andere Strategie: den Gedanken Raum geben, hinterfragen, wieso man über ein bestimmtes Szenario nachdenkt. Und es einfach mal zu Ende zu denken. "Eltern kommen dann ziemlich sicher darauf, dass sie den Gedanken, ihren Kindern etwas anzutun, denken, weil sie sich um ihre Kinder sorgen und auf keinen Fall möchten, dass ihnen etwas zustößt", sagt Asbrand. Man könne so verstehen, dass man eigentlich gerade genau das Gegenteil tut und seinen Schutzauftrag besonders ernst nimmt.

mit Material der dpa