Ein schriller Schrei hallte am 25. September 1780 durch ein Landhaus am Ostufer des Hudson Rivers. Gerade erst war die Familie Arnold in das Anwesen gezogen. Mitten im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg war das Familienoberhaupt General Benedict Arnold zum Kommandeur der nahegelegenen Festung West Point ernannt worden – eines strategisch wichtigen Militärstützpunkts für den Kampf der aufständischen Kolonisten gegen die Briten.
An jenem Morgen war George Washington, Befehlshaber der Kontinentalarmee, gemeinsam mit seinen engsten Vertrauten zur Lagebesprechung beim Frühstück in das Haus der Arnolds eingeladen. Doch als der hohe Besuch eintraf, fehlte vom Hausherrn jede Spur. Lediglich seine Ehefrau empfing die Anführer der Amerikanischen Revolution.
Arnold war wenige Stunden zuvor als Verräter aufgeflogen. Als Washington der 20-Jährigen das berichtete, brach diese in Tränen aus. Vor den Augen der Militärführung verfiel sie in Hysterie: Sie schrie, jauchzte, tobte, wehklagte und flehte um ihr Leben. Sie sprach in Zungen und beschuldigte Washington, Teil einer Verschwörung zur Ermordung ihres neugeborenen Kindes zu sein. Sie sagte, ihr Mann sei von "Geistern" durch die Decke fortgetragen worden. Ihre Hysterie war der letzte Akt im größten Schauspiel ihres Lebens: Die junge Frau hieß Peggy Shippen. Sie ging als Spionin, die beinahe die Amerikanische Revolution zu Fall gebracht hätte, in die Geschichte ein.
Von der verwöhnten Göre zur Königin des Dramas
Margaret Shippen wurde am 11. Juli 1760 in Philadelphia geboren. Ihr Vater war ein angesehener und wohlhabender Richter in Pennsylvania, einer der 13 britischen Kolonien in Nordamerika. Die Jüngste von neun Geschwistern wurde nur Peggy gerufen, die älteren Familienmitglieder, vor allem ihr Vater, verwöhnten das Mädchen. Neben Handarbeiten, Zeichnen und Pianospielen genoss sie eine eher ungewöhnliche Ausbildung, denn der Vater führte die Tochter auch in seine Geschäfte ein.
Peggy wuchs in Philadelphias höheren Kreisen auf, die Stadt war im 18. Jahrhundert ein bedeutendes Handelszentrum am Delaware River. Als Großbritannien Abgaben von seinen nordamerikanischen Kolonien einforderte, rührte sich Widerstand: Philadelphia wurde politisches Zentrum für den Bruch mit der britischen Krone. Wenige Tage vor Peggys sechzehntem Geburtstag versammelten sich Vertreter der Einzelkolonien in ihrer Heimatstadt, um am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung offiziell anzunehmen. Damit eskalierte ein blutiger, langjähriger Krieg.
Als einflussreicher Geschäftsmann versuchte ihr Vater zunächst neutral zu bleiben, vor allem um seine Familie zu schützen. Er war mit Benjamin Franklin und George Washington in Kontakt, hatte aber ebenso gute Verbindungen zur britischen Krone. Für Peggy bedeutete der Krieg den Verlust ihres sorglosen Lebens in der Metropole. Die Familie Shippen floh aufs Land – für die Heranwachsende eine Katastrophe, denn sie stand kurz davor, in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Das Leben auf dem Land beschrieb die junge Städterin in Briefen an ihre Freundinnen als "äußerst schmerzhaft".
Peggy war schon seit ihrer Kindheit "für ihre hysterischen Nervenanfälle" bekannt. Vor allem, wenn eine Person ihren Willen missachtete oder ihr widersprach, reagierte sie schon einmal mit einem rebellischen Tobsuchtsanfall, fiel vor Wut oder Entsetzen sogar in Ohnmacht. Deshalb hatte die Teenagerin den Ruf einer hysterischen jungen Frau, sie war in heutigen Worten eine Dramaqueen.
Eine Verbindung mit Folgen
Als die britische Armee 1777 kurz davorstand, Philadelphia einzunehmen, kehrte die Familie zurück in die Stadt, um ihr Anwesen und Vermögen zu bewahren. Die mittlerweile 17-jährige Peggy galt schnell als "Belle", als die Schönheit unter den höheren Töchtern Philadelphias. Ob Teegesellschaft, Diner, Soiree oder Ball, Peggy schien das Zentrum der Aufmerksamkeit beinahe jeder Veranstaltung der britischen Militärführung zu sein.
Eines Abends lernte sie den in der Stadt stationierten britischen Major John André kennen. Ein aufständischer Soldat aus Washingtons Armee beschrieb den ranghohen Widersacher einmal als "den schönsten Mann, den er je gesehen habe." Tatsächlich zog André die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich, auch die von Peggy Shippen. Sie tanzten, flirteten und waren "enge Freunde". Ihre Liaison galt als offenes Geheimnis.
Nachdem die Franzosen aufseiten Washingtons in den Krieg eingetreten waren, konnten britische Truppen im Frühsommer 1778 Philadelphia nicht mehr halten. Die aufständischen Kolonisten übernahmen das Kommando. Benedict Arnold, ein Generalmajor der Kontinentalarmee, wurde militärischer Befehlshaber der Stadt. Seit Jahren kämpfte der Kaufmann aus Connecticut mit den Aufständischen, hatte Belagerungen und Feldzügen angeführt. Er besaß den Ruf eines kühnen Kommandeurs, des – nach Washington – besten Feldherrn der Kontinentalarmee.
In Gefechten war Arnold mehrfach am linken Bein verletzt worden, infolgedessen dauerhaft gehbehindert und damit kampfunfähig. Deshalb bekam er von Washington eine administrative Position, worüber er durchaus verärgert war. Der Kriegsheld fühlte sich übergangen, Arnold hatte sich eine andere Beförderung gewünscht. Nur wenige Monate nach seiner Ernennung zum Befehlshaber über Philadelphia hielt er um die Hand der schönsten Tochter der Stadt an. Im Frühjahr 1779 heiratete die damals 18-jährige Peggy Shippen Benedict Arnold.
Ein geheimer Plan
Nur einen Monat später kamen schwere Vorwürfe gegen Arnold. Er wurde wegen fragwürdiger Geschäfte als Militärgouverneur angeklagt, was seine Unzufriedenheit noch steigerte. Zu diesem Zeitpunkt schickte seine Ehefrau ihrem alten Bekannten John André einen Brief. Der Kontakt zu dem britischen Offizier war nie vollständig abgebrochen. "Es würde mich sehr freuen, Ihnen hier nützlich zu sein", schrieb sie André, der mittlerweile zum "Spymaster" befördert worden war. Zudem teilte die Freundin aus Philadelphia dem Geheimdienstchef der britischen Armee in Nordamerika die Bereitschaft ihres Ehemannes mit, sich auf die Seite der Briten zu schlagen und so die Sache zu verraten, für die er seit Jahren gekämpft hatte.
Heimlich schickten sie sich durch die Gefechtslinien hindurch Nachrichten: Mit geheimen Codes und unsichtbarer Tinte schmiedeten die drei einen Plan, der den Krieg beenden sollte: Arnold würde seine Position in der Kontinentalarmee aufrechterhalten, um sie für britische Zwecke auszunutzen. Die Idee war, dass Arnold den Befehl über die strategisch wichtige Festung West Point erlangen sollte. In dieser Stellung könnte Arnold dann die Anlage von innen heraus schwächen. Infolgedessen würden die Briten nicht nur die Festung zurückerobern und die Soldaten der Kontinentalarmee festsetzen, sondern im besten Fall auch George Washington selbst gefangen nehmen. Woraufhin die Aufständischen sich den Briten ergeben müssten.
Anfang August 1780 übernahm Arnold das Kommando über West Point. Gemeinsam mit seiner Frau und dem im Frühjahr geborenen Sohn bezog er das Anwesen am Ostufer des Hudson Rivers. So weit lief es nach Plan – noch. Nach einem nächtlichen Treffen zwischen Arnold und André Mitte September musste der britische Geheimdienstchef unerwartet über den Landweg zurück hinter die britischen Linien reiten. Auf dem Weg hielten aufständische Milizen den Verkleideten an. Bei einer Durchsuchung entdeckten sie Papiere in seinem Stiefel, darunter wichtige Dokumente mit Unterschriften von Benedict Arnold sowie Karten der Festung West Point. André wurde als Spion verhaftet, der Coup war enttarnt.
Der letzte Akt der Spionin
Arnold erfuhr am frühen Morgen des 25. Septembers von Andrés Festnahme, verabschiedete sich von seiner Frau und floh über den Fluss zu einem Schiff der Briten. Als Washington und seine Männer eintrafen, inszenierte sich Peggy als gebrochene Frau, die der Verrat ihres Ehemannes innerlich zerriss. Washingtons Männer fielen auf das dramatische Schauspiel herein, offenbar überzeugt, ein so schönes Geschöpf könne nicht Teil der Verschwörung sein. Man ließ sie und ihren Sohn umgehend zu ihrer Familie nach Philadelphia zurückkehren.
Noch im Jahr 1780 wurde John André zum Tod verurteilt und hingerichtet. Peggy Shippen entging einer Strafe. Ein Gericht verbannte sie zwar aus Pennsylvania, doch nicht als Spionin, sondern als Frau eines Verräters: Der Name des kühnen Generals Benedict Arnold wurde aus den Schriften getilgt, fortan galt er als Verräter der amerikanischen Sache.
Schließlich siedelte die Familie Arnold nach London über. Das Königshaus empfing sie mit offenen Armen, inklusive Audienz bei König Georg III. Als Zeichen des Dankes für ihre Spionage erhielt Peggy Shippen 350 Pfund und eine Rente von 100 Pfund Sterling. Diese Zahlungen machten sie zu einer der bestbezahlten Spioninnen der Zeit.
Eine unterschätzte Frau schreibt Geschichte
Shippen starb 1804 in London. In der Geschichtsschreibung ist sie ein Faszinosum: Zu Lebzeiten galt sie als unschuldige Frau, deren Ehemann Washingtons Truppen verraten hatte. Im 18. und 19. Jahrhundert sprachen Historiker ihr jede aktive Beteiligung an der Verschwörung ab, meist aufgrund von Vorurteilen, die Geschlecht und Jugend betrafen.
Erst in den 1920er-Jahren erkannten Historiker die Beweise für Shippens eigentliche Rolle in dem Komplott. Sie entschlüsselten die geheimen Korrespondenzen zwischen John André und Peggy Shippen und erkannten dabei die Geschichte der gerissenen Spionin.
Heute vermuten Forschende, dass sie die treibende Kraft im Hintergrund der Verschwörung war, als Frau des 18. Jahrhunderts maßgeblich unterschätzt. Peggy Shippen nutzte das Stereotyp der hysterischen Frau, um einige der einflussreichsten Männer des Jahrhunderts auszutricksen.