Am 2. April 1917 fuhr ein ungewöhnlicher Konvoi durch die US-amerikanische Hauptstadt Washington, D. C. In rund 25 Fahrzeugen saßen Frauen, allesamt Anhängerinnen der Wahlrechtsbewegung. Die Insassinnen des offenen Wagens an der Spitze der Kolonne gaben die Richtung vor: das Kapitol.
Vor dem großen weißen Kuppelbau mitten in der Hauptstadt hielten sie an. Aus dem Cabriolet stieg eine Frau in marineblauem Kleid und passendem Hut. Mehr als 3000 Kilometer war sie aus Montana in die Hauptstadt an der US-Ostküste gereist, denn an jenem Montag, dem 2. April 1917, trat Jeannette Rankin ihren neuen Job an: als erste "Congresswoman", gewählt ins Repräsentantenhaus der USA. Und schrieb damit Geschichte.
Ein Mädchen aus Montana
Jeannette Rankin wurde am 11. Juni 1880 auf einer Ranch in der Nähe der Stadt Missoula im Bundesstaat Montana geboren. Ihr Vater war Viehzüchter und ihre Mutter Lehrerin. Jeannette war das Älteste von sieben Geschwistern, fünf Schwestern und einem Bruder.
Die Rankins legten Wert auf die Ausbildung ihrer Kinder. Schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts öffneten sich Universitäten in den Vereinigten Staaten immer mehr für Frauen. So konnte auch ihre älteste Tochter an der Universität Montana studieren. 1902 erhielt sie einen Abschluss in Biologie und unterrichtete eine Zeit lang.
1904 besuchte sie Verwandte in San Francisco. Dort engagierte sie sich ehrenamtlich in einem Nachbarschaftszentrum und fand ihre Berufung: Sozialarbeiterin. 1909 erwarb sie dafür einen offiziellen Abschluss an der New York School of Philanthropy und arbeitete fortan in einem Waisenhaus in Spokane im Bundesstaat Washington.
Gleichzeitig belegte sie weiterhin Kurse in Sozialwissenschaften an der Universität Washington. Sie setzte sich für soziale Reformen ein und lernte die Suffragetten kennen. Schließlich trat Rankin dieser Bewegung bei, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit Demonstrationen, Protestaktionen und zivilem Widerstand für das Frauenwahlrecht einsetzte.
Wo Frauen wählen durften
Denn längst nicht alle Frauen in den USA besaßen das Wahlrecht. Als 1776 die "Founding Fathers" die Unabhängigkeit der 13 Kolonien von Großbritannien erklärten und damit die Vereinigten Staaten von Amerika gründeten, gewährten sie lediglich einer kleinen Gruppe von Frauen das Recht zu wählen. Nur in New Jersey, einer der vormals 13 britischen Kolonien, durften ledige oder verwitwete Frauen ab dem Alter von 21 Jahren wählen, sofern sie die Wohnsitz- und Vermögensvoraussetzungen erfüllten. Und bereits nach wenigen Jahrzehnten wurde ihnen 1808 das Wahlrecht wieder entzogen.
Danach dauerte es ein halbes Jahrhundert, bis das Territorium Wyoming 1869 als erstes Gebiet der USA auch Frauen erlaubte, ihre Stimme abzugeben. Im ausgehenden 19. Jahrhundert gab es einige US-Bundesstaaten, in denen Frauen aus höheren Gesellschaftsgruppen ein "partial suffrage", also ein eingeschränktes Teilwahlrecht zugesprochen wurde. Sie durften unter bestimmten Bedingungen bei spezifischen Entscheidungen ihre Stimme abgeben.
Mit Victoria Woodhull kandidierte bereits 1872 erstmals eine Frau für die Präsidentschaft. Sie wurde jedoch kaum ernst genommen und als "Mrs. Satan" von Teilen der männlichen Wähler verteufelt. Woodhull blieb chancenlos, und Amtsinhaber Ulysses S. Grant wurde schließlich mit großer Mehrheit wiedergewählt.
Das volle Wahlrecht für Frauen blieb eine Besonderheit einiger Bundesstaaten. In weniger als einem Dutzend der damals noch 48 Staaten der USA durften auch Frauen zur Wahlurne gehen, darunter Colorado, Utah, Idaho, Washington, Kalifornien, Arizona, Kansas und Oregon.
1914 wurde in Jeannette Rankins Heimat Montana das Frauenwahlrecht eingeführt. Zwei Jahre später trat die Mittdreißigerin bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus als Kandidatin der Republikaner an. Drei Themen prägten die Kampagne der Sozialarbeiterin: Im Zentrum standen Reformforderungen für bessere Lebensbedingungen und die Einführung des Wahlrechts für Frauen sowie eine Anti-Kriegs-Haltung. Mit ihren Inhalten überzeugte sie die Wählerinnen und Wähler und gewann im November 1916.
Hut oder nicht, das ist hier die Frage
Doch bevor Rankin ihr Mandat im April 1917 antrat, war sie Ehrengast verschiedener Gruppierungen der Frauenwahlrechtsbewegung in einem Hotel in Washington, D.C. Bei einem Frühstück wurde Rankin hofiert und gefeiert. Anschließend begleitete der Konvoi der Suffragetten Rankin zu ihrem neuen Arbeitsplatz im Kapitol. Der mehr als 80 Meter hohe Kuppelbau beherbergt bis heute beide Kammern des US-Kongresses; im Nordflügel des Gebäudes tagt der Senat und im Südflügel das Repräsentantenhaus – Rankins Ziel an jenem Montag.
Vor der Tür des Repräsentantenhauses blieb sie kurz stehen, richtete ihr Kleid und nahm ihren Hut vom Kopf. Eigentlich widersprach das der Etikette: Ohne Hut in der Öffentlichkeit zu erscheinen ziemte sich für eine Frau von Stand Anfang des 20. Jahrhunderts nicht. Sobald eine Dame das Haus verließ, setzte sie einen Hut auf. Die bunten, oft prunkvollen Arrangements blieben bei jedweder Aktivität in der Öffentlichkeit – ob beim Einkaufen, Gottesdienst oder Theaterbesuch – auf dem Haupt der Damen.
Doch mit dieser Anstandsregel brach Rankin an jenem Montag. Schon bei ihrer Wahl entbrannte eine öffentliche Diskussion darüber, wie sich die erste weibliche Abgeordnete zu kleiden habe, sagt Farar Elliot, Kuratorin im Repräsentantenhaus, im Interview mit einem US-Fernsehsender. Die Frage des Hutes sei dabei zentral gewesen, so Elliot. Denn männliche Mitglieder des Repräsentantenhauses nahmen ihre Hüte ab, sobald sie den Plenarsaal betraten, so die Kleiderordnung. "Sie nahm sie ihren Hut ab", erklärt Kuratorin Elliot. Denn das hohe Amt fiel mehr ins Gewicht als Rankins Geschlecht, so die damalige Entscheidung des Kongresses.
Eine eingeschworene Pazifistin: Für Frauen und Frieden
Als Rankin den runden Plenarsaal betrat, applaudierten einige Männer der neuen Kollegin. Nach dem Amtsschwur brachte Rankin noch am selben Tag einen Gesetzentwurf ein, der die Verfassungsänderung zur Einführung des Frauenwahlrechts fordert.
Am Abend hielt der damalige US-Präsident Woodrow Wilson eine Rede, in der er sich für den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg aussprach: Deutschlands "uneingeschränkter U-Boot-Krieg" verletze das Völkerrecht. "Die Welt muss für die Demokratie sicher gemacht werden. Ihr Frieden muss auf dem bewährten Fundament politischer Freiheit ruhen", so Wilson. Nach intensiver, mehrtägiger Debatte nahmen die Mitglieder des Repräsentantenhauses die Kriegserklärung an das Deutsche Kaiserreich mit 373 zu 50 Stimmen an. "Ich will zu meinem Land stehen, kann aber nicht für den Krieg stimmen", begründete Rankin ihre Nein-Stimme.
Zwei Jahre blieb sie als Congresswoman in Washington. Sie brauchte schon nach kurzer Zeit ein zusätzliches Büro im Kapitol sowie zwei weitere Assistentinnen, um Hunderte Briefe von Frauen aus dem ganzen Land zu beantworten. Rankin versuchte auf verschiedenen Wegen, die Rechte von US-Amerikanerinnen gesetzlich zu stärken. Mit Erfolg: 1919 beschlossen die Mitglieder des US-Kongresses den 19. Verfassungszusatz, der Wahlrechtsdiskriminierung aufgrund des Geschlechts verbietet. Schon ein Jahr später gaben Tausende US-Amerikanerinnen ihre Stimme bei den Präsidentschaftswahlen 1920 ab.
Doch damit war Rankins Karriere in der US-Politik noch nicht beendet. Sie kandidierte für einen Sitz im Senat, verlor jedoch. Mit einer Anti-Kriegs-Kampagne wurde die bekennende Pazifistin 1940 erneut in das Repräsentantenhaus gewählt – nun aber war sie nicht mehr die einzige Congresswoman. Acht Frauen zogen ins Repräsentantenhaus, eine wurde sogar Senatorin.
Am 7. Dezember 1941 griff Japan aus der Luft den US-Stützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii an. Mehr als 2000 Menschen starben, mehr als 1000 wurden bei dem Angriff verwundet. Am nächsten Tag plädierte Präsident Franklin D. Roosevelt in einer gemeinsamen Sitzung des Senats und Repräsentantenhauses für den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg.
Vor der Abstimmung sollen einige Kollegen versucht haben, die Pazifistin Rankin zu überzeugen, und rieten ihr schließlich, sich zu enthalten. Pfeifen, Grollen und Buhrufe übertönten am 8. Dezember 1941 bei der namentlichen Abstimmung im Plenarsaal Rankins Stimme. Trotzdem war ihr "Nein" zu hören: Mit 388 zu 1 Stimmen nahm das Repräsentantenhaus die Kriegsresolution an. Auch damit ging Rankin in die Geschichte ein.
"Als Frau kann ich nicht in den Krieg ziehen, und ich weigere mich, irgendjemand anderen zu schicken", begründete Rankin ihre Entscheidung. Viele Amerikanerinnen und Amerikaner nahmen ihr diese Haltung übel, schließlich endete ihre parlamentarische Karriere.
Doch auch außerhalb des Kongresses engagierte sich Rankin bis zu ihrem Tod 1973: Sie hielt öffentlich Vorträge, organisierte Demonstrationen und Protestaktionen für den Frieden und für die Frauen. "Ich bin vielleicht die erste Frau im Kongress, aber ich werde nicht die letzte sein", sagte Rankin. Damit behielt sie recht: Seit 1917 haben Hunderte Frauen ein Amt im Senat oder im Repräsentantenhaus eingenommen. Im aktuellen Kongress sitzen insgesamt 535 Mitglieder, davon sind rund 150 Frauen.