Interview Römische Antike: "Was Frauen wirklich geleistet haben, kommt oft zu kurz"

Malerei zeigt Frau mit Buch in der Hand
Mit Wachstafelbuch und Stilus: Das "Sappho"-Fresko aus Pompeji zeigt eine junge, gebildete Frau aus der Oberschicht
© Grafissimo / Getty Images
Die Historikerin Lara Jendral beschäftigt sich mit Frauen im alten Rom – und erklärt, wie neue Forschungen alte Klischees widerlegen. Ein Gespräch über Schmiedinnen und Priesterinnen

GEO: Frau Jendral, Sie in der antiken Geschichtsschreibung, aber auch in modernen Filmen und Serien über das alte Rom tauchen Frauen – wenn überhaupt – meist als Ehefrauen, Mütter oder Prostituierte auf. Ein falsches Bild?

Lara Jendral: Jedenfalls ein sehr einseitiges Bild. Klar schrieben die Römer den Frauen als wichtigste Funktion zu, legitime Kinder zu bekommen und so die Familie zu erhalten. Aber auch davon abgesehen spielten Frauen eine tragende Rolle für Staat und Gesellschaft: Was sie wirklich geleistet haben, kommt oft zu kurz.

Nämlich?

Lara Jendral blickt in Kamera
Lara Jendral, Althistorikerin im LVR-Archäologischen Park Xanten, beschäftigt sich mit dem Leben der römischen Frauen in der Colonia Ulpia Traiana, dem römischen Xanten
© Marion Coers

Sie übten Berufe aus und verdienten Geld, genau wie Männer. Und natürlich arbeiteten Frauen nicht nur als Prostituierte. Aus einem Graffito im LVR-Archäologischen Park Xanten, der römischen Stadt Colonia Ulpia Traiana, geht beispielsweise hervor, dass dort eine Frau als Wirtin eine Gaststätte führte. Und es gibt ein interessantes Grab, das aufgrund der dort gefundenen Handwerksgegenstände einem Schmied zugeordnet wurde – bis eine Untersuchung des Leichenbrandes ergab, dass es sich bei der Person um eine junge Frau handelte. In Xanten stellte also eine Schmiedin Gewandnadeln und Schmuck her. Gängig war es auch, dass verwitwete Frauen die Geschäfte ihres verstorbenen Mannes fortführten und zum Beispiel als Händlerinnen tätig waren. Antike Lieferscheine und weibliche Namen auf Gefäßen belegen, dass Frauen etwa mit Olivenöl handelten.

Gab es auch Berufe, die in erster Linie von Frauen ausgeübt wurden?

Ja, das beste Beispiel sind Weberinnen. Kleidung brauchte ja jeder, das war also kein unwichtiger Beruf. Bislang gibt es nur vereinzelte Hinweise darauf, dass auch Männer als Weber tätig waren. In der Geburtshilfe arbeiteten ebenfalls vornehmlich Frauen, etwa als Hebammen. Überhaupt ließen sich im ganzen medizinischen Bereich Frauen vermutlich lieber von Ärztinnen als von Ärzten behandeln.

Die Römer kannten zahlreiche weibliche Gottheiten. Welche Rolle spielten Frauen in der Religionspraxis?

Frauen konnten religiöse Ämter ausüben und Priesterin werden. Was das konkret bedeutete, war regional unterschiedlich. Im Raum Xanten verehrte man die Matronen, ein Kult, der stark von den Kelten beeinflusst war. Auch hier sind Priesterinnen belegt. Aus Texten aus dem griechischen Raum geht hervor, dass Frauen für die richtige Durchführung von Opfern zuständig waren, für die Verwaltung von Ackerflächen, die zu Tempeln gehörten, und die Verteilung von Geschenken aus dem Tempel. Sie sorgten dafür, dass alles am Laufen blieb. Besonders einflussreich unter ihnen waren die Vestalinnen, Priesterinnen der Göttin Vesta.

Kaiserin Livia
Trendsetterin im Römischen Reich: Kaiserin Livia (58 v. Chr. – 29 n. Chr.) stiftete Statuen mit ihrem Ebenbild. Andere Frauen ahmten ihre Frisur nach
© Axel Thünker

Der Hüterin des heiligen Feuers in Rom.

Genau, Vesta war eine der wichtigsten Göttinnen des Staatskults, und die richtige Kultausführung galt als essenziell für das Wohlergehen des Römischen Imperiums. Wenn etwa ein Konsul an die Macht kam, praktizierten die Vestalinnen Opferrituale und hatten dadurch Einfluss auf das Staatsgeschehen.

Inwiefern konnten Frauen zumindest indirekt politische Macht ausüben?

Sicher haben Kaiserinnen ihre Männer beeinflusst und in gewisser Weise beraten. Überliefert ist das etwa für Livia, die Frau des Augustus, Messalina, die Frau des Claudius, und Agrippina die Jüngere, die dritte Frau des Claudius. Diese Kaiserinnen waren auch Strippenzieherinnen: Agrippina soll, so heißt es zumindest in den historischen Quellen, ihrem Sohn Nero auf den Thron verholfen haben. Gleichzeitig blieben diese Frauen keineswegs nur im Hintergrund: Livia stiftete Statuen von sich selbst, ihr Antlitz zierte Münzen. Wenn sie eine neue Frisur hatte, ahmten andere Frauen sie nach und verbreiteten den Trend im Römischen Reich. Livia und andere Kaiserinnen waren also weibliche Prominente.

Xanten von oben
© Axel Thünker

Reise in die römische Antike

Der LVR-Archäologische Park Xanten auf dem Gelände der römischen Stadt Colonia Ulpia Traiana ist Deutschlands größtes archäologisches Freilichtmuseum. Nachbauten der Stadtmauern, des Amphitheaters, von Thermen und Handwerkshäusern zeugen vom Alltag der Römer. Das LVR-Römermuseum erzählt die 400-jährige Geschichte von Colonia Ulpia Traiana: Die Stadt ging im 1. Jahrhundert n. Chr. aus einem früheren Legionslager hervor. In ihrer Blütezeit lebten hier mehr als 10.000 Männer, Frauen und Kinder.

Wie hat sich das Bild von der römischen Frau in der modernen Forschung in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Jahrzehntelang hat man sich den Alltag einer römischen Frau ungefähr so vorgestellt: Sie kümmerte sich in erster Linie um ihren Mann und um die Erziehung der Kinder, blieb aber die meiste Zeit zu Hause, außer wenn sie vielleicht mal zum Markt ging. Heute haben wir ein anderes Bild: Wir wissen, dass Frauen in Amphitheatern Gladiatorenspiele verfolgten, Thermen besuchten, Sport trieben, Gesellschaftsspiele spielten und in Tavernen unterwegs waren. Sie nahmen also am öffentlichen Leben teil. Durch neue, vor allem archäologische Untersuchungen wird immer klarer, welche Handlungsspielräume Frauen tatsächlich hatten.

Letztlich lebten die Römer aber trotzdem in einem patriarchalen System. Was bedeutete das für Frauen?

Ehen waren ab zwölf Jahren legal, und die Forschung geht davon aus, dass Mädchen mit 14 oder 15 üblicherweise verheiratet wurden. Das waren keine Liebeshochzeiten: Ziel war es, legitime Nachkommen zu zeugen und den Familienstammbaum weiterzuführen. Das bedeutete auch, dass von der Frau erwartet wurde, dem Mann treu zu sein, ansonsten aber keusch zu leben. Ehebruch konnte dazu führen, dass der Mann seine Frau an deren Familie regelrecht zurückgab; im schlimmsten Fall wurde sie verstoßen. Beim Mann dagegen spielte Treue praktisch keine Rolle: Er konnte sich vergnügen, wie er wollte. Gewisse Rechte innerhalb der Ehe musste sich die Frau erst erarbeiten.

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Und zwar?

Wenn sie drei legitime Kinder zur Welt brachte, wurde sie geschäftsfähig. Das bedeutete, sie konnte – das unterscheidet sich von Region zu Region im Römischen Reich etwas – ihren eigenen Besitz haben oder den von ihr erwirtschafteten Profit frei verwalten. Sie wurde also dafür belohnt, Kinder zu gebären.

Welche Anforderungen stellte die römische Gesellschaft noch an die Ehefrau?

Schriftliche Quellen legen nahe, dass die ideale Ehefrau eine gewisse Grundbildung habe, aber bloß nicht zu viel reden und ihrem Mann unterstützend zur Seite stehen sollte. Ovid beschreibt ausführlich, dass Frauen nicht dick, aber auch nicht zu dünn sein durften, schöne Zähne wichtig seien, sie nicht zu viel Haut zeigen und möglichst lange jung aussehen sollten: Graue Haare galt es mit Färben zu übertünchen. Der weibliche Körper ist also seit mindestens 2000 Jahren ein Thema für männliche Autoren. Und das ist zentral: Wir wissen nicht, ob Ovid einfach seine Meinung niedergeschrieben hat oder ob die Römer allgemein so dachten. Und erst recht wenig über das Selbstverständnis von Frauen.

Das liegt auch daran, dass Texte aus der Antike in erster Linie von männlichen Autoren stammen. Warum eigentlich?

In dem patriarchalen System der Römer hatten Männer einfach mehr Möglichkeiten, schreiben zu lernen. Für uns in der Wissenschaft heißt das, dass wir uns von den Schriftquellen, in denen Frauen kaum auftauchen, nicht fehlleiten lassen dürfen. Erkenntnisse etwa aus der Archäologie und Epigrafik, beispielsweise die Stifterinneninschriften, Weihinschriften oder auch Bleitäfelchen aus Orakelheiligtümern helfen, ein besseres Bild von Frauen in der Antike zu gewinnen, das näher an der historischen Realität ist.