GEO: Frau Rocco, die Gipsabgüsse von Opfern des Vulkanausbruchs von Pompeji im Jahr 79 n. Chr. gelten als Gesichter der Katastrophe. Die ersten Abdrücke hat der Archäologe Guiseppe Fiorelli 1863 hergestellt. Wie ist er auf diese Idee gekommen?
Tiziana Rocco: Es war Intuition. Guiseppe Fiorelli hat eine Grabung in Pompeji durchgeführt und stieß in der Ascheschicht in fünf Meter Tiefe auf 100 Silbermünzen, Goldschmuck und zwei Schlüssel, eingewickelt in ein Tuch. Dann bemerkte er, dass seine Archäologenkelle neben diesen Objekten merkwürdig einsank. Fiorelli steckte seinen Arm in diese Leere und spürte Knochen. Schnell wurde ihm klar, dass es sich um einen Hohlraum handelte, den ein menschlicher Körper in der Ascheschicht hinterlassen hatte.
Und dann?
Dann goss er in Wasser aufgelöstes Gipspulver in die Vertiefung. Nachdem die Masse getrocknet war, entfernten Arbeiter die Asche und legten den Abguss einer männlichen Figur frei.
War die Arbeit mit Gips in Pompeji damals etwas Neues?
Nein. Schon 1856 begannen Wissenschaftler in Pompeji, Gipsabgüsse von Türen und Möbelstücken anzufertigen. In dieser Zeit ließ sich die für Einrichtungsgegenstände verwendete Abgusstechnik nicht ohne Weiteres auf die Opfer des Vulkanausbruchs anwenden. Alle Versuche, solche Abgüsse anzufertigen, schlugen fehl, bis 1863.
Wie sind die Hohlräume in der Ascheschicht entstanden?
In den Jahrhunderten nach dem Vulkanausbruch wurden organische Stoffe wie menschliche Körper, aber auch Holzmöbel in der ausgehärteten Ascheschicht zersetzt. Übrig blieben zum Beispiel Knochen und Zähne – und die Hohlräume, die die verwesten Körper hinterließen. Das heißt, die Gipsabdrücke enthalten die sterblichen Überreste der Menschen.
Kann von jedem Opfer der Vulkankatastrophe ein Gipsabdruck hergestellt werden?
Nein, nur von den Menschen, die vollständig in der ausgehärteten Ascheschicht eingebettet sind. Von denjenigen, die unter der Bimsschicht begraben wurden, lassen sich keine Abgüsse anfertigen, da nach der Zersetzung der Leichen keine Hohlräume zurückbleiben. Wir finden nur ihre Skelette. Bimssteine sind kleine, poröse Fragmente von Vulkangestein, die in der ersten Phase des Ausbruchs vom Vesuv ausgestoßen wurden und in einer Schicht von etwa drei Metern Dicke auf Pompeji herabregneten. Das Gewicht der Bimssteine ließ die Dächer einstürzen und besiegelte damit das Schicksal der ersten Opfer, die im Inneren Schutz gesucht hatten.
Bis heute wurden in Pompeji rund 100 Gipsabdrücke von Opfern des Vulkanausbruchs hergestellt. Wie hat sich die Technik im Laufe der Zeit verändert?
Die ersten Abgüsse wurden aus Gipsflocken hergestellt: Die Flocken wurden in Wasser aufgelöst und in die Hohlräume der Ascheschicht gegossen, bis sie vollständig ausgefüllt waren. Sobald der Gips ausgehärtet war, wurde die umliegende Ascheschicht abgetragen und der Abguss freigelegt. Im 20. Jahrhundert gab es dann verschiedene Experimente, etwa mit Betonabgüssen, die heute noch in Pompeji an Ort und Stelle zu sehen sind. 1984 haben Wissenschaftler einen Abdruck aus Epoxidharz hergestellt, einem Kunstharz.
Wie unterscheidet sich ein Harzabguss von einem aus Gips?
Das Ergebnis war ein transparenter Abguss, bei dem man Knochen und Zähne der Person sehen konnte, die beim Vulkanausbruch ums Leben gekommen war. Das Experiment, durchgeführt an einem weiblichen Opfer, wurde nie wiederholt. Es bot ein dramatisches und verstörendes Bild und das Harz war im Laufe der Zeit vergilbt und wurde undurchsichtig.
Und heute?
Heute verwenden wir für die Abdrücke den gleichen Gips wie Zahnärzte. Er enthält weniger Wasser und ermöglicht schärfere Oberflächen mit klareren Details, etwa was Gesichtsausdruck und Kleidung angeht. Außerdem setzen wir moderne Technik ein. Wenn wir bei Grabungen in der Ascheschicht auf einen Hohlraum stoßen, müssen wir schnell entscheiden, ob wir Gips einfüllen oder nicht.
Wovon hängt diese Entscheidung ab?
Heute kann uns die Technik dabei helfen. Mit einem Glasfaser-Endoskop untersuchen wir das Innere der Hohlräume, um festzustellen, ob sich dort organische Überreste oder die Überreste einer modernen Baumwurzel befinden, die sich in die Ausgrabungsstätte hineingegraben hat. Auf diese Weise wurden 2020 die Abgüsse von zwei Opfern in der Villa von Civita Giuliana angefertigt, von dem sogenannten Diener und seinem Herrn. Und 2022 gelangt es uns, wir 27 Abgüsse von Holzmöbeln aus dem "Haus des Larariums" herzustellen und so neue Einblicke in die Einrichtung der Häuser von Pompeji gewinnen.
Die Gipsabdrücke von Pompeji
In der Großen Palästra in Pompeji zeigt eine neue Dauerausstellung die Geschichte der Gipsabdrücke von den Opfern des Vulkanausbruchs im Jahr 79 n. Chr. Insgesamt sind Abdrücke von 22 Personen zu sehen: Sie kamen in ihren Häusern, im Stadtzentrum Pompejis oder auf den Straßen auf der Flucht vor der Katastrophe ums Leben. Sie wurden von pyroklastische Wellen erfasst – 300 bis 400 Grad heißen Glutlawinen – und starben an Hitzeschock oder Erstickung. Mehrere dieser Wellen trafen Pompeji: Sie rafften sämtliche Personen dahin, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Stadt befanden. Die Abgüsse zeigen Details ihrer Gesichter und ihrer Körperhaltung im letzten Moment ihres Lebens.
Die Gipsabdrücke sind in Pompeji eine Touristenattraktion, aber es gibt auch Kritik. Ist es ethisch angemessen, Opfer des Vulkanausbruchs für Tausende Besucherinnen und Besucher zur Schau zu stellen?
Die Abgüsse sind keine Artefakte wie alle anderen und sollten mit Respekt begegnet werden. Deshalb haben wir die neue Ausstellung unter ethischen Gesichtspunkten konzipiert und gestaltet. Die Besucherinnen und Besucher werden gebeten, sich still und respektvoll zu verhalten. In den ersten Tagen nach der Ausstellungseröffnung haben wir Schulklassen beobachtet: Die Kinder hielten inne, um die Abgüsse zu betrachten. Die Ausstellung ist ein Denkmal für die Opfer, aber auch ein wissenschaftliches Archiv, um zu verstehen, wie es zu dem Vulkanausbruch und der Wiederentdeckung kam. Deshalb stellen wir historische Fotografien der Abgüsse sowie Videos, darunter CT-Scans der Abgüsse, aus. Die Ausstellung zielt darauf ab, mit Hilfe der Wissenschaft Mythen zu widerlegen – zum Beispiel, dass es sich bei den Abgüssen um versteinerte Opfer des Vulkanausbruchs handele.
Und was bedeuten die Abgüsse für Sie persönlich?
Ich spüre bei jedem Abguss, jedem Opfer, Schmerz und Emotionen. Der für mich dramatischste Abguss ist der eines dreijährigen Jungen, der allein in einem Keller des "Hauses des Goldenen Armbands" gefunden wurde. Er streckt die Finger aus, seine Lippen sind geschwollen. Seine Körperhaltung und seine körperlichen Anzeichen deuten auf eine Exposition gegenüber extremer Hitze hin: Die Extremitäten – die Finger seiner linken Hand und die Zehen seines rechten Fußes – sind stark angewinkelt, seine Wirbelsäule ist gestreckt und seine Lippen sind geschwollen. Dies ist wahrscheinlich auf die extremen Temperaturen zurückzuführen. Wenn ich diesen Jungen betrachte, sehe ich die Todesqualen, in denen er gestorben sein muss.