Die Einschusslöcher an der Stadtmauer Pompejis sind noch heute zu sehen: eckige Einkerbungen, stets vier an der Zahl, angeordnet wie ein Fächer. Gleich mehrere solcher Abdrücke weist die Befestigungsanlage der antiken Stadt auf, immer in dem gleichen Muster. Doch was hat diese Löcher verursacht? Für herkömmliche Katapulteinschläge sind die Beschädigungen zu klein. Handelt es sich also um Spuren von Bogenschützen? Oder schlicht der Witterung?
Ein Forschungsteam um die Ingenieurin Adriana Rossi von der Universität Vanvitelli in Italien hat die Einkerbungen untersucht und kommt zu einem anderen Ergebnis: Demnach stammen die Löcher von einer tödlichen Waffe, die in kurzer Zeit mehrere Geschosse hintereinander abfeuern konnte – einem Schnellfeuergeschütz, einer Art antikem Maschinengewehr.
Pompeji war durch eine 3,2 Kilometer lange Mauer geschützt
Im Jahr 89 v. Chr., rund 170 Jahre vor dem verheerenden Ausbruch des Vesuvs, wurde Pompeji belagert: Im Bundesgenossenkrieg forderten zahlreiche Städte für ihre Bürger von Rom das vollständige römische Bürgerrecht und probten den Aufstand – so auch Pompeji. Daraufhin zog der römische Feldherr Sulla mit seinem Heer gegen die Stadt, die durch eine 3,2 Kilometer lange, bis zu sechs Meter hohe, von 13 Türmen gesäumte Mauer geschützt war. Große, runde Einschusslöcher an der Befestigungsanlage im Norden zeigen, dass Sulla mit Katapulten vorrückte.
Das Forschungsteam um Adriana Rossi hat nun die kleineren, vier bis acht Zentimeter durchmessenden Einschusslöcher an der Mauer mithilfe von Lasern exakt vermessen und aus Tiefe, Breite und Form geschlossen, mit welcher Waffe Pompeji beschossen wurde: Demnach haben die Römer ein Polybolos eingesetzt, eine spezielle Balliste, wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in dem Fachblatt "Heritage" schreiben. Der Vorteil dieser Waffe: Sie konnte eine Salve von Geschossen in schneller Folge abfeuern. Ihr Einsatz würde auch das fächerförmige Muster der Einschusslöcher erklären, so die Forschenden.
Der Polybolos geht wahrscheinlich auf das 3. Jahrhundert v. Chr. zurück und wurde von dem griechischen Ingenieur Philon von Byzanz maßgeblich weiterentwickelt. Das Gerät war mit einem ausgeklügelten Kettenmechanismus ausgestattet: Ein Soldat drehte an einer Kurbel, spannte dadurch das Geschoss – etwa einen Pfeil oder Bolzen – und löste den Mechanismus aus. Anschließend rutschte aus einem geneigten Magazin über dem Schusskanal, dem Vorratsbehälter, das nächste Geschoss in die Schussrinne. Der Soldat konnte sich also das manuelle Laden nach jedem Schuss sparen.
Zwar ist heute kein Originalgerät dieser Art aus der Antike erhalten, fest steht aber: In jener Zeit war die Insel Rhodos ein Zentrum für Artillerie- und Schiffsbau – und Anfang des 1. Jahrhunderts n. Chr. unterstand sie niemand anderem als Sulla, dem Belagerer Pompejis. "Es ist plausibel, dass Sulla – ein politisch kluger und technisch versierter Feldherr – rhodische Innovationen übernommen oder gefördert haben könnte und während der Belagerung von Pompeji eine verbesserte Mehrschussmaschine einsetzte", schreiben die Forschenden.
Pompeji hielt der Belagerung nicht stand
Im Gegensatz zum herkömmlichen Katapult setzten die Römer den Polybolos nicht ein, um Mauern, Türme oder Tore zu beschädigen. Vermutlich sollten die Bolzen Pompejis Verteidiger auf der Mauer treffen, vor allem Bogenschützen. Demnach handelt es sich bei den Einschusslöchern in der Mauer um Fehltreffer.
Pompeji konnte Sullas Belagerung zwar einige Wochen oder Monate standhalten, musste schließlich aber kapitulieren. Die Folgen für die Stadt waren schwerwiegend: Pompeji wurde als Kolonie in das römische Imperium eingegliedert. Bald hielt die römische Oberschicht Einzug in der Stadt. Sie brachte Wohlstand mit sowie ihre eigenen religiösen Bräuche, aber auch architektonische Vorlieben. Der Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79. n. Chr. bereitete der Stadt ein jähes Ende: Pompeji wurde verschüttet, mehr als 2000 Menschen starben.