Die Einschusslöcher an der Stadtmauer Pompejis sind noch heute zu sehen: kantige Einkerbungen, vier an der Zahl, angeordnet wie ein Fächer. Gleich mehrere solcher Abdrücke weist die Befestigungsanlage der antiken Stadt auf, immer in dem gleichen Muster. Doch was hat diese Löcher verursacht? Für herkömmliche Katapulteinschläge wirken die Beschädigungen zu klein. Handelt es sich also um Spuren von Bogenschützen? Oder von dem katastrophalen Vulkanausbruch, der die Stadt 79. n. Chr. zerstört hat?
Ein Forschungsteam um die Ingenieurin Adriana Rossi von der Universität Vanvitelli in Italien hat die Einkerbungen untersucht und kommt zu einem anderen Ergebnis: Demnach sollen die Löcher von einer tödlichen Waffe stammen, die in kurzer Zeit mehrere Geschosse hintereinander abfeuern konnte – einem Schnellfeuergeschütz, einer Art antikem Maschinengewehr.
Pompeji war durch eine 3,2 Kilometer lange Mauer geschützt
Im Jahr 89 v. Chr., rund 170 Jahre vor dem verheerenden Ausbruch des Vesuvs, wurde Pompeji belagert: Im Bundesgenossenkrieg forderten zahlreiche Städte für ihre Bürger von Rom das vollständige römische Bürgerrecht und probten den Aufstand – so auch Pompeji. Daraufhin zog der römische Feldherr Sulla mit seinem Heer gegen die Stadt, die durch eine 3,2 Kilometer lange, bis zu sechs Meter hohe, von 13 Türmen gesäumte Mauer geschützt war. Große, runde Einschusslöcher an der Befestigungsanlage im Norden zeigen, dass Sulla mit Katapulten vorrückte.
Das Forschungsteam um Adriana Rossi hat nun die kleineren, wenige Zentimeter durchmessenden Einschusslöcher an der Mauer mithilfe von Lasern exakt vermessen und aus Tiefe, Breite und Form geschlossen, mit welcher Waffe Pompeji beschossen wurde: Demnach haben die Römer ein Polybolos eingesetzt, eine spezielle Balliste, wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in dem Fachblatt "Heritage" schreiben. Der Vorteil dieser Waffe: Sie konnte eine Salve von Geschossen in schneller Folge abfeuern. Ihr Einsatz würde auch das fächerförmige Muster der Einschusslöcher erklären, so die Forschenden.
Der Polybolos geht wahrscheinlich auf das 3. Jahrhundert v. Chr. zurück und wurde von dem griechischen Ingenieur Philon von Byzanz maßgeblich weiterentwickelt. Das Gerät war mit einem ausgeklügelten Kettenmechanismus ausgestattet: Ein Soldat drehte an einer Kurbel, spannte dadurch das Geschoss – etwa einen Pfeil oder Bolzen – und löste den Mechanismus aus. Anschließend rutschte aus einem geneigten Magazin über dem Schusskanal, dem Vorratsbehälter, das nächste Geschoss in die Schussrinne. Der Soldat konnte sich also das manuelle Laden nach jedem Schuss sparen.
Zwar ist heute kein Originalgerät dieser Art aus der Antike erhalten, fest steht aber: In jener Zeit war die Insel Rhodos ein Zentrum für Artillerie- und Schiffsbau – und Anfang des 1. Jahrhunderts n. Chr. unterstand sie niemand anderem als Sulla, dem Belagerer Pompejis. "Es ist plausibel, dass Sulla – ein politisch kluger und technisch versierter Feldherr – rhodische Innovationen übernommen oder gefördert haben könnte und während der Belagerung von Pompeji eine verbesserte Mehrschussmaschine einsetzte", schreiben die Forschenden. Vermutlich sollten die Bolzen Pompejis Verteidiger auf der Mauer treffen, vor allem Bogenschützen. Demnach handelt es sich bei den Einschusslöchern in der Mauer um Fehltreffer.
Pompeji hielt der Belagerung nicht stand
Allerdings ist das Studienergebnis nicht unumstritten. Der Althistoriker Prof. Boris Dreyer, der über die antiken Fernschusswaffen auch experimentell forscht, sieht in Pompeji für den Einsatz eines Polybolos keinen notwendigen Beleg: "Der Polybolos ist ein sehr gut nachvollziehbarer theoretischer Entwurf, dessen praktischer Einsatz im Feld nirgendwo belegt ist." Stattdessen geht Dreyer davon aus, dass die Römer Scorpiones einsetzten, ihr Standard-Torsionsgeschütz. "Diese können, empirisch dokumentiert, etwa zwölf Schuss pro Minute abgeben, ohne über ein selbstnachladendes Magazin wie der Polybolos zu verfügen", sagt der Historiker. "Die Spuren unterschiedlicher Schusskaliber in der Mauer von Pompeji können auch Spuren dieser gut auch archäologisch belegten Scorpiones gewesen sein."
Fest steht: Pompeji konnte Sullas Belagerung zwar einige Wochen oder Monate standhalten, musste schließlich aber kapitulieren. Die Folgen für die Stadt waren schwerwiegend: Pompeji wurde als Kolonie in das römische Imperium eingegliedert. Bald hielt die römische Oberschicht Einzug in der Stadt. Sie brachte Wohlstand mit sowie ihre eigenen religiösen Bräuche, aber auch architektonische Vorlieben. Der Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79. n. Chr. bereitete der Stadt ein jähes Ende: Pompeji wurde verschüttet, mehr als 2000 Menschen starben.