Einzigartiger Fund Einbalsamiert mit Homer: Forschende entdecken Teile der "Ilias" in römischer Mumie

Papyri wurden gelegentlich in antike Mumien "eingebaut". Im Bild: Eine Mumie aus der Wüstenprovinz Minya, unweit der antiken Stadt Oxyrhynchos
Papyri wurden gelegentlich in antike Mumien "eingebaut". Im Bild: Eine Mumie aus der Wüstenprovinz Minya, unweit der antiken Stadt Oxyrhynchos
© Ahmed Gomaa/XinHua/dpa
In der ägyptischen Ausgrabungsstätte Oxyrhynchos machten Forschende eine sensationelle Entdeckung: eine Mumie – mumifiziert mit Weltliteratur

Bei der Untersuchung eines römischen Grabes im antiken Ort Oxyrhynchos im heutigen Ägypten haben Forschende einen ungewöhnlichen Fund gemacht: In eine Mumie aus römischer Zeit war ein Papyrus mit Teilen von Homers Versepos "Ilias" eingearbeitet. Es handle sich um den ersten Fall überhaupt, bei dem archäologisch untersuchte Mumien mit einem griechischsprachigen literarischen Text ausgestattet worden seien, erklärt das Forschungsteam in einer Pressemitteilung.

Vor rund 1600 Jahren, als der Tote mumifiziert wurde, stand der Ort unter römischer Herrschaft. Doch offenbar war der Papyrus für den Toten so bedeutsam, dass er in das Begräbnisritual einbezogen wurde. Es sei, so heißt es in der Pressemitteilung, im Rahmen des Einbalsamierungsprozesses dem Toten auf den Bauch gelegt worden.

Kein Lesevergnügen, sondern kriminalistisch-literarische Puzzlearbeit: Fragmente der Ilias aus einer römischen Mumie
Kein Lesevergnügen, sondern kriminalistisch-literarische Puzzlearbeit: Fragmente der Ilias aus einer römischen Mumie
© IPOA (University Institute of the Ancient Near East)_UB

Zwar seien schon bei früheren Ausgrabungskampagnen Papyri bei Mumien gefunden worden, heißt es weiter, doch mit überwiegend magischem oder rituellem Inhalt.

Die Entschlüsselung der Papyrus-Fragmente gelang der Restauratorin Margalida Munar und den Papyrologen Leah Mascia und Ignasi-Xavier Adiego im Februar 2026. Demnach gehören die Textbruchstücke zu einer Passage aus dem zweiten von insgesamt 24 Büchern der "Ilias".

Das Werk, das Homer zugeschrieben wird und zu den frühesten literarischen Zeugnissen Europas zählt, ist etwa im achten vorchristlichen Jahrhundert entstanden und handelt vom Trojanischen Krieg. Im sogenannten Schiffskatalog im zweiten Buch beschreibt der Autor die Truppen der Griechen während der Belagerung von Troja. Nach Art eines Chronisten listet er die genaue Anzahl der Schiffe, die Herkunftsorte und die Namen der Anführer.

Ausgrabungen förderten bislang eine Flut von Papyri zutage

Im Rahmen der aktuellen Grabungskampagne untersuchten die Forschenden einen Grabkomplex aus drei Kalksteinkammern. Darin: Mumien aus der Römerzeit in verzierten Holzsarkophagen.

Auch wenn der Kontext des Fundes einzigartig ist: Papyrusfunde sind in den Ausgrabungsstätten des antiken Oxyrhynchos alles andere als eine Seltenheit.

Ein großer Teil der antiken Stadt ist zwar überbaut und kann nicht erforscht werden. Doch haben Archäologen seit der Wende zum 20. Jahrhundert schätzungsweise 400.000 Papyri von bekannten, aber auch von zuvor unbekannten Werken der griechischen Antike entdeckt, etwa von Archilochos und Menander – und christliche Texte wie das Thomasevangelium. Allerdings sind nur rund zehn Prozent aller Funde literarisch. Die meisten überlieferten Schriften sind private Briefe und Einkaufslisten, Steuererklärungen und behördliche Rundschreiben.

Die meisten davon fanden Ausgräber in den Müllhalden vor den Toren der antiken Stadt. Dass sie sich unter einer dünnen Schicht Wüstensand erhalten haben, verdanken sie einer meteorologischen Besonderheit: In diesem Teil Ägyptens regnet es praktisch nie.