Seit Jahrtausenden passieren Schiffe die Säulen des Herkules, zwei Landzungen im Mittelmeer. Antike Mythen erzählen davon, wie Herkules persönlich die Felsen an der Küste errichtet haben soll. Damals markierten sie die Grenze der den Griechen bekannten Welt.
Noch heute flankieren die Landzungen eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Erde: die Straße von Gibraltar, eine 60 Kilometer lange Meerenge, die das Mittelmeer mit dem Atlantik, Europa und Afrika verbindet.
Meeresarchäologinnen und -archäologen der Universitäten Cádiz und Granada haben einen Teil dieser Meerenge untersucht. Drei Jahre lang tauchten sie auf den Grund der Bucht von Algeciras. Ihre Forschung haben sie nach jenem Helden benannt, der die Küstenregion nach der Legende geformt haben soll: "Herkules"-Projekt.
"Das Meer birgt unzählige Geschichten – Geschichten von Menschen, die auf Schiffen reisten, von denen einige sanken", heißt es in einem kürzlich veröffentlichten Forschungsbericht. "Die Erforschung, der Schutz und die Interpretation dieser Stätten sind Aufgabe von Unterwasserarchäologen."
Die Ergebnisse ihrer Unterwasserforschung sind gigantisch: Zwischen dem südlichen Hafen von Algeciras und dem Felsen von Gibraltar konnte das Team 151 archäologische Fundstätten identifizieren, darunter 134 Schiffswracks. Ihre Entdeckungen umfassen zudem ehemalige Ankerplätze und Hafenanlagen sowie einzigartige Objekte wie Flugzeuge oder auch U-Boote. Die Forschenden entdeckten den Großteil dieser Gegenstände in Küstennähe in Tiefen von weniger als zehn Metern.
Knotenpunkt zwischen Mittelmeer und Atlantik
Mehrere Dutzend Wracks begutachtete das Team genauer. Bislang dokumentierten die Forschenden insgesamt 34 Schiffswracks aus unterschiedlichen Epochen der Menschheitsgeschichte. Den ältesten Fund datieren sie auf das 5. Jahrhundert v. Chr., das Schiffswrack "Timoncillo I" aus der Zeit der Punier. Zudem identifizierte das Team 23 römische Schiffe. Die Forschenden fanden zwei Schiffswracks aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., der spätrömischen Zeit. Mehrere Wracks stammen aus dem Mittelalter, einige ordneten die Forschenden der frühen Neuzeit zu. Manche datiere das Team auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges.
Neben den Schiffswracks erfasste das spanische Team auch den Motor und den Propeller eines Flugzeugs aus den 1930er-Jahren. Diese versunkenen Objekte am Meeresgrund halten Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte fest, sie erzählen Handel, Erkundung und Besiedlung in und um eine der strategisch wichtigsten Wasserstraßen der Welt, wie Felipe Cerezo Andreo, Professor für Archäologie an der Universität Cádiz und Leiter des Projektes, dem "Guardian" sagt.
Die größten Funde seien zwei riesige Schiffe aus dem 16. und 17. Jahrhundert, so Cerezo Andreo. Sein Team sei besonders fasziniert von den Wracks der mittelalterlichen Schiffe gewesen, denn diese könnten neue Erkenntnisse über die Seefahrt während der späten islamischen Herrschaft in Südspanien geben.
"Wir haben niederländische, venezianische, spanische und natürlich englische Schiffe – Schiffe praktisch jeder Nationalität –, denn sie alle passierten die Meerenge, sei es auf dem Weg in den Atlantik zum Handel oder auf dem Weg ins Mittelmeer aus Nordeuropa oder anderen Regionen", sagt Cerezo Andreo. "Es gibt wirklich nur wenige Orte im Mittelmeer, die eine solche Konzentration und eine so bedeutende Vielfalt an archäologischen Überresten aufweisen, insbesondere was verschiedene Kulturen oder Nationen betrifft", so der Meeresarchäologe.
Seit Jahrhunderten ist die Straße von Gibraltar ein Nadelöhr der Seefahrt, denn stellenweise ist die Straße von Gibraltar nicht breiter als 14 Kilometer. Das Gebiet um die von den Forschenden untersuchten Bucht von Algeciras bildete seit Langem einen Zugangspunkt zur Iberischen Halbinsel und zum Mittelmeer, so der Meerarchäologe Cerezo Andreo. "Es ist einer jener Engpässe, die Schiffe schon immer passieren mussten, sei es auf Handelsrouten, auf Entdeckungsreisen oder aufgrund bewaffneter Konflikte", sagt er. In der Neuzeit sei die Bucht Schauplatz eines andauernden Kampfes um die Seeherrschaft über die Meerenge gewesen.
Ein Kanonenboot aus dem 18. Jahrhundert
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stießen bei ihren Untersuchungen der Wracks immer wieder auf Überraschungen. Für den Teamleiter Cerezo Andreo waren die Überreste eines kleinen Kanonenbootes einer der spannendsten Funde: das Wrack der "Puente Mayorga IV". Es handelt sich dem Archäologen zufolge um eine Art Spionageschiff aus dem späten 18. Jahrhundert. Obwohl solche Boote in zeitgenössischen Quellen häufig beschrieben werden, gibt es nur wenige derartige Wracks, die Forschende bislang kaum untersuchen konnten.
Die kleinen Boote wurden für schnelle, unerwartete Attacken gegen britische Linienschiffe rund um Gibraltar eingesetzt. Als Fischerboote mit Netzen getarnt konnten sich solche Boote feindlichen Schiffen relativ einfach nähern, wenn sie nahe genug herankamen, feuerte die Besatzung mit den am Bug montierten Kanonen auf die Feinde. Für solche Überraschungsangriffe war auch die "Puente Mayorga IV" ausgelegt.
Mehrere Jahrhunderte nachdem das Boot auf dem Meeresgrund der Bucht von Algeciras gesunken war, barg sein Wrack einige Schätze für das Team von Cerezo Andreo. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dokumentierten die Überreste der "Puente Mayorga IV" im Detail. Unter anderem erstellten sie eine Photogrammetrie – bei der Vermessungsmethode werden anhand von mehreren Fotografien geometrische Eigenschaften eines Untersuchungsobjektes ermittelt, ohne dass jenes Objekt von den Forschenden berührt werden muss. Aus diesen Daten kreierten die Forschenden im Anschluss ein 3D-Video des Kanonenbootes.
Eine Überraschung am Meeresgrund
Bei den Tauchgängen zur "Puente Mayorga IV" machte der Teamleiter Cerezo Andreo eine weitere Entdeckung: Zwischen Muscheln und Sand fand er ein hölzernes Objekt. Er hielt das Stück Holz für ein auf wundersame Weise erhaltenes Buch. Doch nachdem das Team das Fundstück genauer untersucht hatte, entpuppte es sich als Holzkiste mit einem Hohlraum im Inneren.
Das Team stellte verschiedene Mutmaßungen an: Könnte der Hohlraum etwas mit Spionage zu tun haben, oder hatte der Besitzer, vermutlich ein Offizier, mit dem Objekt vielleicht die Position eines feindlichen Schiffes kartografiert? "Zuerst dachten wir, der Hohlraum hätte als Versteck für geheime Dokumenten gedient", sagt Cerezo Andreo. Doch nach sorgfältiger Prüfung stellte sich heraus, dass die Schatulle einige Holzkämme enthielt.
Einen Teil ihrer Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler online. Zudem arbeitet das spanische Team nach eigenen Angaben mit den Museen in der Region zusammen, wo sie unter anderem die 3D-Videos präsentieren.
Die Menschen hätten oft falsche Vorstellungen von den Wracks, so Cerezo Andreo. Sie erwarteten ein versunkenes Schatzschiff wie die "Unicorn" in Tim-und-Struppi-Comics, doch in der Regel seien die Fundstätten nicht so gut erhalten. "Ihr Zustand kann manchmal etwas enttäuschend sein", erklärt Cerezo Andreo. Mit ihrer Arbeit wollen sie den Menschen auch bewusst machen, dass die Wracks schützenswert sind.
Die Meeresarchäologinnen und -archäologen hoffen, dass die spanische Regierung die historischen Fundstätten in Zukunft besser schützt. Denn Klimawandel und Bauarbeiten in der Bucht gefährden den Erhalt der Wracks.