Als im Winter 2021 Archäologen des dänischen Wikingerschiffmuseums einen Tauchgang im Öresund beginnen, wissen sie noch nichts von dem Schatz, der in der Meerenge zwischen Dänemark und Schweden auf sie wartet: Sie wollen dort den Meeresboden untersuchen für Bauarbeiten des neuen, küstennahen Stadtteils Lynetteholm in Kopenhagen. Doch im Svælget-Kanal östlich der dänischen Hauptstadt entdecken sie seltsame Konturen: In 13 Meter Tiefe ruht ein Schiffswrack. Ihren Fund taufen die Forschenden "Svælget 2".
Im Sommer 2023 beginnen die Ausgrabungen. Unter Schlamm und Sand legen die Meeresarchäologen Schicht für Schicht die Überreste des Schiffs frei. Der Sand hatte das Wrack vor den Kräften geschützt, die normalerweise Schiffe in Küstennähe zerstören. Deshalb sind die Überreste der "Svælget 2" außergewöhnlich gut erhalten. Vier Monate lang graben, messen und dokumentieren die Forschenden am Meergrund; dann liegt der Schiffskoloss endlich frei. Schließlich werden alle Teile des Wracks geborgen und in das Wikingerschiffmuseum in Roskilde transportiert, wo das Team den Fund weiter untersucht.
"Superschiff des Mittelalters"
Mehrere Jahre sichten sie jedes Teil des Wracks bis ins Detail, analysieren Materialien sowie Abnutzungsspuren. Die Forschenden erstellen auch ein 3D-Modell des Fundes, das einen Überblick über die Form und die tatsächliche Größe des Schiffs vermittelt. Ende 2025 geben sie erste Ergebnisse bekannt: Bei dem Wrack handelt es sich um eine Kogge, "das Superschiff des Mittelalters", heißt es in der Pressemitteilung des Museums in Roskilde.
Als Handelsschiff verfügte die Kogge über einen Mast mit großem Segel sowie ab Mitte des 13. Jahrhunderts über ein einzelnes mittig angebrachtes Heckruder. Sie wurde vor allem von der Hanse in Nord- und Ostsee genutzt. Ihre Konstruktion ist heute durch wenige Wrackfunde sowie Dokumente bekannt. Der Name leitet sich vom frühgermanischen "Kuggon" oder "Kukkon" ab: "gewölbtes Schiff". Dieser Schiffstyp sei für die wirtschaftliche Entwicklung im 14. und 15. Jahrhundert von zentraler Bedeutung und habe mit seiner enormen Ladekapazität die Handelsmuster verändert, heißt es in der Pressemitteilung. Die Koggen ermöglichten den kostengünstigen Transport großer Gütermengen, denn sie konnten effizient von kleiner Besatzung gesegelt werden. Während der Fernhandel zuvor nur Luxusgüter umfasste, ließen sich nun auch Lebensmittel über große Entfernungen transportieren.
"Meilenstein in der Meeresarchäologie"
Das Superschiff hatte gigantische Maße: Die Kogge war schätzungsweise 28 Meter lang, neun Meter breit und sechs Meter hoch. Das Wrack ist damit die größte jemals gefundene Kogge der Welt. Die Experten des Wikingerschiffmuseums gehen davon aus, dass die "Svælget 2" aufgrund ihrer Größe rund 300 Tonnen Güter transportieren konnte. "Ein Schiff mit einer so großen Ladekapazität ist Teil eines strukturierten Systems, in dem die Kaufleute wussten, dass es einen Markt für die von ihnen transportierten Waren gab", sagt Otto Uldum, der Leiter des Forschungsprojekts um die "Svælget 2". "Es ist ein klarer Beweis dafür, dass mit Alltagsgütern gehandelt wurde. Die Schiffsbauer konstruierten die Schiffe so groß wie möglich, um sperrige Fracht wie Salz, Holz, Ziegelsteine oder Grundnahrungsmittel zu transportieren." Das Schiffswrack "Svælget 2" weise auf diese umfangreichen Handelsstrukturen hin, die Nordeuropa im 15. Jahrhundert miteinander verbanden.
"Der Fund ist ein Meilenstein für die Meeresarchäologie", sagt Marinearchäologe Uldum. "Es ist die größte Kogge, die wir kennen. Der Fund bietet uns eine einzigartige Gelegenheit, die Konstruktion und das Leben an Bord der größten Handelsschiffe des Mittelalters zu verstehen."
Die Forschenden führten eine dendrochronologische Analyse der Wrackteile durch, bei der die Jahresringe der erhaltenen Holzstücke gemessen und mit Referenzreihen verglichen wurden, um Alter, Fälljahr und Herkunft des Holzes exakt zu bestimmen: Das Team um Uldum vermutet, dass die Kogge um das Jahr 1410 gebaut wurde. Das Holz der "Svælget 2" stammt demnach aus zwei Regionen: Die Planken seien aus pommerschem Eichenholz gefertigt, die Spanten kämen aus den Niederlanden. Aus diesem Konstruktionsmuster schließen die Forschenden, dass das schwere Plankenholz importiert wurde, während die Spanten vor Ort auf der Baustelle geschnitten wurden. Große Mengen Holz seien damals wohl durch Nordeuropa transportiert worden, was auf ein komplexes Handelsnetzwerk hindeute.
Kastell, Kombüse und Kämme an Bord
Die Forschenden entdeckten zudem umfangreiche Überreste eines aus Holz gebauten Heckkastells, eines überdachten Decks, auf dem die Besatzung Schutz suchte und relativ sicher unterkommen konnte. "Es ist kein Komfort im modernen Sinne, aber es ist ein großer Fortschritt im Vergleich zu den Schiffen der Wikingerzeit, die bei jedem Wetter nur offene Decks hatten", so Uldum. Lange Zeit vermutete die Forschung, dass solche Plattformen am Bug oder am Heck für Koggen charakteristisch gewesen seien. Bislang gab es jedoch keine archäologischen Beweise für deren Existenz. "Wir haben zwar zahlreiche Zeichnungen von Kastellen, aber sie wurden nie gefunden, da in der Regel nur der Schiffsboden erhalten bleibt", sagt Uldum. "Dieses Mal haben wir den archäologischen Beweis."
Eine weitere große Überraschung sei die Entdeckung der gemauerten Kombüse des Schiffs, ein frühes Beispiel dieser Art. In der Kombüse konnte die Besatzung über offenem Feuer kochen – nicht ungefährlich auf einem Schiff aus Holz. Die Kochstelle bestand laut den Meeresarchäologen aus etwa 200 Ziegeln und 15 Fliesen. "Das zeugt von bemerkenswertem Komfort und Organisation an Bord. Jetzt konnten die Seeleute warme Mahlzeiten genießen, ähnlich wie an Land, statt der getrockneten und kalten Speisen, die zuvor das Leben auf See dominierten", sagt Uldum. Zudem fanden die Forschenden bemalte Holzgeschirrteile, Schuhe, Kämme, Rosenkränze, Bronzekochtöpfe und Keramikschalen. Diese Funde geben Hinweise auf den Alltag der Besatzung. "Der Seemann brachte seinen Kamm mit, um sein Haar gepflegt zu halten, und seinen Rosenkranz, um seine Gebete zu sprechen", erklärt der Archäologe. Die Besatzung habe ihr Leben an Land auf das Leben auf See übertragen.
Trotz all dieser Erkenntnisse bleibt es für das Forschungsteam ein Rätsel, was genau die "Svælget 2" transportierte, als sie vor der Küste Kopenhagens sank. "Wir haben keine Spuren der Ladung gefunden", so Uldum. Der Leiter des Projekts vermutet, dass der Laderaum des Schiffs beim Untergang nicht abgedeckt war, sodass Fässer mit Salz oder Bündel mit Stoffen weggetrieben sein dürften. Das Fehlen von Ballast deute darauf hin, dass die "Svælget 2" bis zum Rand mit schweren Gütern beladen war.
Derzeit wird das Wrack des Superschiffs im Nationalmuseum in Brede aufwendig konserviert. Danach soll es im Wikingerschiffsmuseum in Roskilde ausgestellt werden, wo die Meeresarchäologen ihre Untersuchungen fortsetzen.