Herbst im antiken Griechenland. Wie jedes Jahr im September pilgern Menschen von Athen zum Heiligtum der Demeter im gut 20 Kilometer entfernten Eleusis, um eine Geschichte nachzuvollziehen, die sich einst in der Welt der Götter zugetragen hat. Es ist eine Geschichte von Trennung und Wiedervereinigung, von Tod und Wiedergeburt, vom Kreislauf der Natur, vom Werden und Vergehen, wild und aufwühlend zugleich.
Sie geht so: Persephone, die Tochter der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, wird beim Blumenpflücken von Hades, dem Herren der Unterwelt, entdeckt, der sich in sie verliebt. Als er Zeus darum bittet, sie heiraten zu dürfen, lehnt der Göttervater ab. Hades entführt das Mädchen daraufhin in das Reich der Toten. Demeter ist außer sich, sucht ihre Tochter überall, lässt aus Wut und Trauer alle Pflanzen auf Erden verdorren – bis sie Persephone nach etlichem Hin und Her in Eleusis findet und in die Arme schließen kann. Mutter und Tochter sind wieder vereint, die Natur erblüht von Neuem. Doch das Ganze hat auch eine tragische Seite. Denn die Zweisamkeit währt nicht für immer. Persephone muss jedes Jahr für einige wenige Monate wieder zurück in die Unterwelt, zurück zu Hades. Bis der Reigen von Neuem beginnt.
All das, vor allem aber die Rettung der Persephone, wird während der mehrere Tage dauernden Mysterien kultisch nachvollzogen.
Dabei geraten die Teilnehmenden in der großen Halle von Eleusis außer sich. Man sagt, kein Mensch, der einmal den jährlich wiederkehrenden Feierlichkeiten zu Ehren der Demeter und ihrer Tochter Persephone beigewohnt hat, sei danach noch der- oder dieselbe wie zuvor. Die Menschen sollen es auch nicht sein. Durch die Teilnahme gehören sie zu den Eingeweihten, haben Erfahrungen gemacht, die sie auf ewig verbinden, die Hoffnung geben und Zusammenhalt verschaffen, sie einweben in den Kreislauf des Lebens und der Jahreszeiten. Doch was genau geschieht im Telesterion, der großen Halle, das weiß kaum jemand. Denn es war bei Androhung des Todes verboten, darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Ein machtvolles Verbot, das über Jahrhunderte, gar Jahrtausende hinweg kaum gebrochen worden ist. Und wenn, dann nur in nebulösen Andeutungen von Zeitgenossen, in die sich viel hineininterpretieren lässt – und eigentlich doch nichts.
Dass im antiken Eleusis Drogen konsumiert wurden, glauben Forschende schon lange
Schon lange haben Forschende vermutet, dass bewusstseinsverändernde Substanzen bei den Feierlichkeiten genommen wurden. Als ein Kandidat unter vielen galt der Getreidepilz Claviceps purpurea, umgangssprachlich als Mutterkorn bekannt.
Der Verdacht liegt nahe: Denn bei den Mysterien spielt "kykeon" eine wichtige Rolle, eine Art heiliges Elixier aus Getreide, zubereitet aus Wasser, Gerste und Minze. Allerdings: Mutterkorn ist extrem giftig und kann nicht nur zu Halluzinationen führen, sondern auch zu starkem Brennen in den Gliedmaßen, Krampfanfällen, Erbrechen und nicht zuletzt zum Tod.
Jetzt ist es einem Team von Forschenden um Romanos K. Antonopoulos und Evangelos Dadiotis von der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen offenbar gelungen, herauszufinden, worum genau es sich bei Kykeon gehandelt haben könnte.
Licht ins Dunkel werfen jüngere archäologische Funde aus einem eleusischen Heiligtum in der antiken griechischen Kolonie von Mas Castellar de Pontós im heutigen Spanien. Hier wurden Spuren des Getreidepilzes entdeckt: in einem für Zeremonien verwendeten Tongefäß und im Zahnstein eines 25-jährigen Mannes, der folglich Mutterkorn konsumiert haben muss.
Das Rätsel um den Rauschtrank der alten Griechen scheint gelöst
Aber wie könnte es den Griechen der Antike gelungen sein, die giftigen Bestandteile des Mutterkorns unschädlich zu machen, und nur die Wirkung des bewusstseinsbeeinflussenden Wirkstoffs zu nutzen, dessen wissenschaftlicher Name LSA (Lysergsäureamid) lautet, einem chemischen Verwandten des LSD?
Dazu haben die Forschenden in umfangreichen Tests eine Methode rekonstruiert, die auch eleusische Priesterinnen und Kultvorsteher hätten durchführen können. Sie ist denkbar einfach: Man kocht die zuvor gesammelten und gemahlenen Getreidepilze in einem Gemisch aus Wasser und Asche. Die so entstehende Lauge neutralisiert quasi das Gift.
Nimmt man etwa 2000 Teilnehmende bei den Mysterien an, so die Forschenden in ihrer Studie weiter, dann wären für einen wirksamen Rauschtrank nur einige Kilogramm Mutterkorn und ungefähr das zwanzigfache dieser Menge an frisch angesetzter Lauge nötig.
Die Forschenden kommen zu dem Schluss: "Diese Mengen hätten leicht beschafft und im geheimen Inneren des Tempels verarbeitet werden können. Etwa ein Gramm Mutterkorn für jeden Eingeweihten hätte ausgereicht."