Vermutlich war dem Schiffseigner, dem Kapitän und der Mannschaft gar nicht bewusst, was für eine Pioniertat sie vor sich hatten, als sie sich im März des Jahres 1816 anschickten, den Ärmelkanal mit dem Schaufelraddampfer "Élise“ zu überqueren. Als erste Menschen mit einem von einer Dampfmaschine angetriebenen Seegefährt überhaupt. Denn eigentlich ging es nur um das Geschäft, um den Abschluss eines Handels. Darum, das in Großbritannien gefertigte Schiff an seinen neuen Dienstort zu überführen: an die Seine.
Die Zeichen dafür standen allerdings denkbar schlecht. Mehrfach schon hatte sich die Überfahrt verzögert. Das Schiff, das London am 9. März 1816 bei günstigem Wetter verlassen hatte, geriet bald in schwere See. Die dann für den 11. März angesetzte Überfahrt musste abgebrochen werden, wegen starker Südwestwinde, wie es im hier wiedergegebenen Bericht des Eigners Pierre Andriel an den zuständigen Marineminister aus demselben Jahr heißt. Und weiter: "Das raue Wetter hielt mehrere Tage an, und erst am 15., um fünf Uhr morgens, segelten wir wieder Richtung Le Havre. Am selben Tag, mittags, peitschte ein starker Südwind die See so heftig auf, dass wir vier der Eisenplatten von den Schaufelrädern verloren; dies zwang uns, Newhaven anzulaufen."
Meuterei lag in der Luft
Aufgeben war für Andriel und seinen Kapitän allerdings keine Option. Am 17. März stießen sie erneut in See. Wieder schlug das Wetter um, peitschte der Sturm das Meer zu tosenden Wellen auf. Das Schiff fuhr, so der Bericht, nur noch auf einem Rad, weil das andere wegen der starken Neigung des Dampfers aus dem Wasser ragte. Die Mannschaft murrte. Sah sich der Gefahr des Ertrinkens ausgesetzt, oder des Feuertodes. Die Matrosen fürchteten, dass die lodernden Kohlen aus den Brennkammern der Dampfmaschine das Schiff ergreifen könnten. Sie wollten umkehren, keinesfalls ihr Leben weiter aufs Spiel setzen. Meuterei lag in der Luft.
Was dann geschah, davon sind mehrere Versionen überliefert. Der offizielle Bericht deutet das Verhalten der Mannschaft nur an. In einer Version der Geschehnisse soll Andriel die Matrosen mit einem Gewehr im Anschlag zu Ordnung und Gehorsam gezwungen haben, in einer anderen soll er ihnen mehrere Flaschen Rum als Belohnung versprochen haben, wenn sie mit ihm gemeinsam weiter gen Frankreich dampfen. Was auch immer sich ereignet hat: Die "Élise" setzte ihre Sturmfahrt Richtung Le Havre fort. Eine Wahnsinnstat.
Das Zeitalter der neuen Antriebstechnik hatte gerade erst begonnen. Seit James Watt, ein Mechaniker aus Glasgow, 1782 erstmals eine effiziente Dampfmaschine entwickelt hatte, war der Siegeszug der revolutionären Technologie nicht mehr aufzuhalten. Sie eroberte Fabriken und Werkhallen, ersetzte dort erstmals die Antriebskräfte der Natur wie Wind oder Wasser, machte die Herstellung von Dingen oder Weiterverarbeitung von Rohstoffen unabhängig.
Schon bald wurden Dampfmaschinen in Transportmittel eingebaut, experimentierten Tüftler mit Schiffsantrieben. Im Juni 1809 gelang die erste Fahrt mit einem Dampfschiff auf dem Meer vor der Ostküste der USA. In Großbritannien verkehrten Schaufelraddampfer auf den großen Flüssen. Eines der Schiffe war die "Margery“.
Der keine 20 Meter lange Schaufelraddampfer erregte wenig später das Interesse eines französischen Geschäftsmanns, der die Passagierschifffahrt auf der Seine revolutionieren und damit Geld verdienen wollte: Pierre Andriel von der 1815 gegründeten Reederei "Pierre Andriel, Pajol et Cie." kaufte kurzerhand die "Margery“ und benannte sie um. Nun musste das Schiff nur noch nach Frankreich gebracht werden. Über den Ärmelkanal.
17 Stunden zwischen Leben und Tod
Wie durch ein Wunder erreichte die "Élise“ am 18. März um sechs Uhr morgens den Hafen von Le Havre – nach 17 Stunden zwischen Leben und Tod, Hoffnung und Bangen.
Die Zeitgenossen feierten die Fahrt als Triumph der neuen Technik. In Paris bereitete man der "Élise“ und ihrer Mannschaft Ende März 1816 einen feierlichen Empfang, begrüßte sie vom Palais des Tuileries, der königlichen Residenz, mit 21 Salutschüssen. Kupferstecher hielten das Ereignis fest. Und selbst Ludwig XVIII. von Frankreich beehrte das Schiff mit einem Besuch.
"Neue Salutschüsse und Rufe 'Es lebe der König!' von der Besatzung, die von der großen Menschenmenge an den Kais widerhallten, kündigten die Durchfahrt unter der Pont-Royal an und feierten die Ankunft dieses Schiffes, das große Vorteile für die Binnenschifffahrt und den Wassertransport verspricht", vermeldet die Zeitung "Le Moniteur Universel" laut dem der französischen Marinegeschichte gewidmeten Portal Trois-Pont am 30. März 1816.
Der technologische Fortschritt, er war nicht mehr aufzuhalten.