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Kuriose Wissenschaft Melvilles Kurve

Sebastian Bernhardsson, Physiker an der schwedischen Universität Umeå, nimmt Autoren mit einer Formel ihren "literarischen Fingerabdruck" ab

Herr Bernhardsson, warum beschäftigt sich ein Physiker mit Romanen?

Eigentlich war unser Thema das komplexe Netzwerk-Muster des Stoffwechsels in einer Zelle. Wir wollten Muster verstehen, das "Null-Modell", also die geringste Menge an Information, die man benötigt, um ein spezifisches Muster zufällig zu generieren. Dafür haben wir nach einfacheren Systemen gesucht, für die viele Daten verfügbar sind. Texte und Bücher sind so ein System.

Was haben Sie beim Lesen entdeckt?

Wir wollten eine theoretische Verbindung zwischen zwei statistischen Mustern in geschriebenem Text finden: die Zahl verschiedener Wörter (N) als Funktion der Gesamtzahl der Wörter (M) und die Verteilung der Worthäufigkeit. Die N(M)- Kurven, die wir für verschiedene Autoren gemessen haben, unterschieden sich deutlich, es gibt also große Unterschiede im Vokabularreichtum. Zum Beispiel benutzte Herman Melville in einem typischen Text gleicher Länge deutlich mehr Wörter als D. H. Lawrence. Alle Bücher eines einzelnen Autors folgten dieser Kurve sehr genau.

Und so lässt sich jeder Autor einwandfrei identifizieren?

Für Auszüge aus einem längeren Buch sind die statistischen Eigenschaften eines Textes tatsächlich immer gleich. Das Schreiben eines Buches ist also ein Prozess, bei dem der Autor Textstücke aus einem riesigen Mutterbuch zieht, dem "Meta-Buch", einer abstrakten Repräsentation des Schreibstils des Autors. Dieses "Meta-Buch" wird von der N(M)-Kurve des Gesamtwerks eines Autors abgebildet. Man kann sich das als den Fingerabdruck des Autors vorstellen.

Kann ein Autor seinen Fingerabdruck denn auch verwischen?

Wir glauben, dass das Muster für einen Autor gilt, der frei und ohne Beschränkungen schreibt. Aber natürlich kann ein Autor sein Wort-Muster bewusst verändern - etwa, wenn er ein Kinderbuch verfasst.

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