Agatha Christie ist auf der Flucht. Im Herbst 1928 kauft sie in London ein Ticket für den Orient Express. Die bekannte Schriftstellerin will nur noch weg von England. Ihr untreuer Ehemann hat sie verlassen. Und seit sie zwei Jahre zuvor für elf Tage spurlos verschwand und eine Suchaktion mit 15.000 Beteiligten auslöste, gilt sie in ihrer Heimat als Hysterikerin.
Also reist sie erst nach Istanbul und dann über Damaskus weiter bis nach Bagdad. Allein. Im Orient beginnt sie ihr zweites Leben: Sie entdeckt die Archäologie für sich, findet einen neuen Mann – und Inspiration für einige ihrer berühmtesten Bücher.
Agatha Christie wagt einen Neustart im Irak
Christie, 1890 im beschaulichen Küstenstädtchen Torquay in Südengland geboren, wächst wohlbehütet in einer viktorianischen Villa auf. Aus Langeweile fängt sie an, Kurzgeschichten zu schreiben. Mit 30 veröffentlicht sie ihren ersten Krimi, schon damals mit dem schnauzbärtigen Ermittler Hercule Poirot. Mitte der 1920er-Jahre ist sie eine etablierte Autorin – glücklich aber ist sie nicht. Das liegt vor allem an ihrer gescheiterten Ehe: Ihr Mann betrügt sie mit seiner Golfpartnerin, die Scheidung zertrümmert ihr Selbstvertrauen.
Und so beschließt die Autorin 1928, mit Ende 30, einen Neustart: Auf einer Dinnerparty erzählen Tischnachbarn ihr von den sensationellen Ausgrabungen des Archäologen Leonard Woolley in der antiken Stadt Ur 300 Kilometer südlich von Bagdad.
Christie kennt sich wenig aus mit Altertümern: Als Jugendliche hatte sie ihre Mutter einmal nach Ägypten begleitet, fand die Männer dort aber sehr viel interessanter als alte Grabmäler. Trotzdem lässt sie sich nun von der Orient-Begeisterung anstecken. "Ich wollte herausfinden, was für ein Mensch ich war", schreibt die Autorin später. "Ob ich von anderen Menschen so abhängig war, wie ich fürchtete."
Doch Christie findet schnell ihren Weg. In Bagdad, damals unter britischer Kontrolle, sind ihr zu viele Engländer. Die Ausgrabungen in Ur dagegen, wo Woolley unter anderem das fast 4500 Jahre alte Grab der sumerischen Königin Puabi entdeckt, findet sie faszinierend. "Die Sorgfalt, mit der Töpfe und Krüge aus der Erde geborgen wurden, erfüllte mich mit dem sehnsüchtigen Verlangen, selbst Archäologin zu sein", schreibt sie.
1930 reist Christie zum zweiten Mal nach Ur und lernt Woolleys Assistenten Max Mallowan kennen, der 14 Jahre jünger ist als sie. Er unternimmt Rundfahrten zu antiken Stätten mit ihr – und schließlich, als ihr Wagen einmal im Wüstensand stecken bleibt und sie ausharren müssen, bis Hilfe kommt, verliebt er sich in sie. Sechs Monate später heiraten die beiden in Edinburgh. Ihr Altersunterschied ist ihnen offenbar unangenehm, denn bei der Heiratsurkunde schummeln sie leicht: Agatha Christie macht sich drei Jahre jünger, Max Mallowan fünf Jahre älter.
Ein Archäologe ist der beste Ehemann, den eine Frau haben kann
Fortan hat Christie ein zweites Leben neben ihrer Karriere als Krimiautorin: Jahrelang begleitet sie ihren Mann auf dessen archäologische Expeditionen in den Orient. "Ein Archäologe ist der beste Ehemann, den eine Frau haben kann; je älter sie wird, umso mehr interessiert er sich für sie", stellt sie einmal fest.
Doch Christie ist mehr als einfach die mitreisende Frau eines Archäologen. Bevor Max Mallowan 1933 seine erste eigene Grabung leitet und Tell Arpachiyah nördlich von Ninive untersucht, nimmt sie Unterricht in Geometrie – sie will ein vollwertiges Expeditionsmitglied sein. Mehr und mehr Aufgaben übernimmt sie bei den Ausgrabungen im Irak und später in Syrien: Sie säubert Funde, setzt Keramiken zusammen und katalogisiert alles, was die Grabungsteams aus der Erde holen.
Vor allem aber lernt Agatha Christie zu fotografieren: macht Aufnahmen von den ausgegrabenen Scherben, Schmuckstücken, Ornamenten, Skulpturen und entwickelt diese in einer Dunkelkammer. Es ist eine anspruchsvolle Arbeit in Staub und Dreck – und eine unverzichtbare. Denn mit ihrer sorgfältigen Dokumentation hält die Schriftstellerin die Ergebnisse der Ausgrabungen fest. Nicht selten sind es Christies Fotos, die in Zeitungen von den Expeditionserfolgen im Orient künden.
Für die Autorin sind Archäologie und Kriminalistik zwei Disziplinen, die gut zusammenpassen, geht es doch bei beiden darum, Puzzlestücke geduldig zusammenzusetzen, detektivisch zu arbeiten, Rätsel zu lösen. Kein Wunder, dass die Arbeit im Nahen Osten sie inspiriert.
Zwischendurch schreibt Christie an ihren Romanen: "Mord im Orientexpress" etwa entsteht während der Grabungen in Tell Arpachiyah. Und "Der Tod auf dem Nil" nach ihrer Nilkreuzfahrt 1934. "Mord in Mesopotamien" spielt gar direkt an einer Ausgrabungsstätte im Irak. In jenen Jahren ist Christie besonders produktiv, schreibt bis zu drei Krimis in einem Jahr.
Der Zweite Weltkrieg unterbricht die Expeditionen von Max Mallowan und Agatha Christie jäh: Er geht für die Royal Airforce nach Kairo, sie nach London, arbeitet dort zwischenzeitlich in einer Apotheke. 1949 aber zieht es das Paar wieder in den Orient, diesmal nach Nimrud im Norden des Irak, der einstigen Hauptstadt des Assyrischen Reiches.
Hier entdeckt Mallowan die "Mona Lisa von Nimrud" – eine geschnitzte Frauenfigur aus Elfenbein mit sinnlichen Augen und vollen Lippen. An Christie ist es, das Kunstwerk zu säubern: mit einer feinen Stricknadel, einem Zahnbohrer und einer Portion Gesichtscreme.
Als 1958 nationalistische Putschisten den irakischen König stürzen und ermorden, kehren Christie – mittlerweile 68 Jahre alt – und Mallowan endgültig nach England zurück. Am 12. Januar 1976 stirbt die Autorin, die für ihr literarisches Schaffen mittlerweile von Queen Elizabeth II. den Titel "Dame" verliehen bekommen hatte und damit in den Adelsstand gehoben wurde, an einem Schlaganfall. Ihre Krimis bleiben unsterblich: Mehr als zwei Milliarden Bücher hat sie verkauft, bis heute flimmern die Fälle von Hercule Poirot und Miss Marple über die Kinoleinwände.