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Sigmund Freud: Der Archäologe der Seele
Leidenschaftlich, zäh und voller Erkenntnisdrang begibt sich der junge Sigmund Freud 1885 auf unbekanntes Terrain: in die Abgründe des Unbewussten. Er wird zum Psychoarchäologen, der Verschüttetes freilegt und deutet. Bis zur Jahrhundertwende fügt er seine wichtigsten Entdeckungen zusammen – zu einem neuen, revolutionären Bild des Menschen. Erinnerung an einen Mann, der so viele wieder bewegt
Dramatische Szenen im Vorlesungssaal. Hysterische Frauen, sexuelle Posen. Das wird ihn nicht unberührt lassen, den jungen Nervenarzt. Seit ein paar Wochen ist Sigmund Freud in Paris. Es ist Ende November 1885. In seiner Heimatstadt Wien hat er Medizin studiert, sich zum Gehirnanatomen ausbilden lassen. Nun will Freud noch von einem der besten Neurologen der Zeit profitieren, jenem Hysteriespezialisten, dessen Vorlesungen am Pariser Frauenkrankenhaus Salpêtrière in ganz Europa berüchtigt sind: Jean Martin Charcot.
Umstrittener Analytiker der Seele
Die Begegnung mit Charcot soll für Freud eine erstaunliche Entwicklung in Gang setzen. Eine Entwicklung, die ihn in den folgenden anderthalb Jahrzehnten vom begabten Neuroanatomen zum umstrittenen Analytiker der Seele macht. Seine auf 1900 datierte "Traumdeutung" wird eine Zeitenwende markieren: die Geburt der Psychoanalyse, die Eroberung der Seele.
Als Schüler des bekannten Experimentalphysiologen Ernst Brücke und des Gehirnanatomen Theodor Meynert kommt Freud aus einem wissenschaftlichen Klima, in dem es als ausgemacht gilt, dass sich das Seelische demnächst auf das Getriebe des Gehirns reduzieren lassen wird. Nun, in Paris, erlebt Freud den Magier der Psyche. Vor teils großem Publikum versetzt Charcot seine hysterischen Patientinnen in hypnotische Trance, um durch Druck auf bestimmte Körperzonen ein aufregendes Schauspiel zu provozieren: Manche Frauen verfallen in Muskelstarre. Andere verrenken die Glieder, schreien, stöhnen und nehmen anzügliche Haltungen ein.
Hysterie galt fast ausschließlich als Leiden der Frauen
Seit der Antike hatte die Hysterie fast ausschließlich als Leiden der Frauen gegolten, verursacht durch Störungen der Gebärmutter. Erst im 19. Jahrhundert setzt sich zunehmend die Idee durch, es handele sich um eine Erkrankung der Nerven, eine "Neurose". Doch bereits Charcot erkennt, für die damalige Zeit revolutionär, die Macht des Psychischen. Die Hypnose ist der diagnostische Test für die Tatsache der Hysterie. Beide, die anrüchige Methode und die verspottete Krankheit, gewinnen in Charcots Vorlesungstheater eine unabweisbare Realität.
Als Freud Paris Anfang 1886 verlässt, stellt er in einem Aufsatz über die hysterischen Lähmungen eine denkwürdige These auf: Die Hysterie benimmt sich so, als ob es eine Gehirn-Anatomie nicht gäbe - Freuds Wandel ist symptomatisch für seine schicksalsgeladene Zeit. Binnen zweier Jahrzehnte verändert sich das Bild der Welt tiefgreifend. Während Wilhelm Conrad Röntgen mit der Entdeckung der "X-Strahlen" die Wahrnehmung des Körpers erschüttert, revolutionieren Max Planck und Albert Einstein mit der Quantentheorie und der Speziellen Relativitätstheorie die jahrhundertealte Basis der klassischen Physik.
Freud experimentiert mit Hypnose
Zurück in Wien, arbeitet Freud zunächst als simpler Nervenarzt. Es ist eine Zeit, in der es eine psychologische Therapie der Neurosen im eigentlichen Sinn noch längst nicht gibt, die Psychologie als Disziplin erst im Entstehen begriffen ist. Wie seine Kollegen wendet Freud Elektrotherapien und Massagen an - und er experimentiert mit Hypnose. In diesen Jahren beginnt auch die Freundschaft zu jenem Mann, dem Freud wie keinem anderen Triumphgefühle und Zweifel, gesundheitliche Sorgen und gelegentliche Potenzprobleme über anderthalb Jahrzehnte anvertraut: Wilhelm Fließ, namhafter HNO-Spezialist in Berlin.
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