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Altruismus Wie selbstlos ist die Selbstlosigkeit wirklich?

Die helfende Hand
Wer anderen hilft, fühlt sich automatisch besser - psychisch wie physisch
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Steckt hinter dem Altruismus selbstverständliche Nächstenliebe oder doch nur ein berechnender Eigennutz? Und welchen Einfluss haben Geschlecht, Zeit und Stimmung auf unsere Hilfsbereitschaft? Das selbstlose Handeln Einzelner für die Gesellschaft beschäftigt Forscher seit Jahrhunderten

Die Fähigkeit, selbstlos mehr zu geben als man bekommt, haben nicht nur Menschen. Woher die Hilfsbereitschaft für andere kommt und ob sie immer gesund ist, darüber streiten sich bis heute Philosophen und Soziologen.

Das zeigt sich allein schon am Zeitraum der Diskussion mit allen Ausprägungen des Altruismus. Zwar hat der französische Philosoph und  Mathematiker Auguste Comte (1798 – 1857) den Begriff erst 1851 in seinem Werk „Système de politique postive“ geprägt. Die Wortbasis für Altruismus aus dem Lateinischen ("alter" - der eine, der andere) aber steht quasi stellvertretend für die lange andauernde Zeitspanne der Denk- und Definitionsansätze des Gegenbegriffs zum Egoismus.

Verhalten als Menschenfreund

Bereits griechische Philosophen wie Sokrates haben über das Phänomen der Menschenfreundlichkeit nachgedacht und dem Verhalten einen Namen gegeben: Philanthropos - der heutige Philanthrop. Er ist uneigennützig und ein Menschenfreund.

Der Altruismus geht einen Schritt weiter: Ein Altruist nimmt per Definition durch August Comte in Kauf, dass er durch seinen Einsatz für andere einen Verlust erleidet, also einen Nachteil hat.

Der Titan Prometheus in der griechischen Tragödie „Der gefesselte Prometheus“ ist praktisch der Menschenfreund der ersten Stunde.  Vom zeitgenössischen Dichter Aristophanes wird er im 5. Jahrhundert vor Christus als „Philanthropos“ bezeichnet. Immerhin hat Prometheus den Göttern das Feuer gestohlen, um es den Menschen gegeben.

Dass er am Ende der Tragödie mit Blitz und Donner ins griechische Totenreich verdammt wird, macht ihn eigentlich zum Altruisten. Schließlich ist Prometheus mit seinem Platz im schaurigen Hades nicht wirklich der Gewinner der Geschichte.

Warum handeln Menschen überhaupt altruistisch?

Aber: Altruisten sind Menschen, die sich selbstlos für andere Menschen einsetzen. Prometheus hingegen war ein Titan, also aus einem Göttergeschlecht und damit nicht menschlich.

Warum aber helfen Menschen anderen Menschen, ohne etwas dafür zu verlangen? Stattdessen geben oder opfern sie etwas – manchmal sogar sich selbst.

Die Motive, altruistisch zu handeln, können vielfältig sein:

  • Gerechtigkeit: anderen Menschen helfen, die ungerecht behandelt werden
  • Moral: Menschen helfen, weil die Gesellschaft es erwartet
  • Religion: Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe kann Teil des Glaubens sein
  • Selbstverwirklichung: im Ehrenamt etwas für die Gesellschaft tun
  • Wohlwollen anderen Menschen gegenüber
  • Mitleid als Auslöser für Hilfe
  • Zuneigung
  • Dankbarkeit

Die Auflistung zeigt, wie viele Auslöser und gleichzeitig Arten von Altruismus es gibt.  Was die Frage aufwirft, ob reiner Altruismus überhaupt möglich ist oder auch ein eigener Nutzen egoistisch in das selbstlose Verhalten mit hineinspielt.

Der chilenische Biologe und Philosoph Humberto Maturana  beispielsweise kommt in seiner Theorie der Autopoiesis zu dem Schluss, dass altruistisches Handeln existiert – aber im Endeffekt der Nutzen des Handelnden größer wird als der erbrachte Einsatz.

Altruismus: Egoistisch mit eigenem Wohlgefühl

Als Beleg dafür, dass Altruismus ein Stück weit egoistisch ist, wird von Soziologen und Psychologen das eigene Wohlgefühl angeführt. Tun wir anderen Menschen etwas Gutes, fühlen wir uns selbst gut. Der griechische Philosoph Aristoteles hat das so formuliert:

„Der ideale Mensch verspürt Freude, wenn er anderen einen Dienst erweisen kann.“

Tatsächlich gibt es dafür auch einen biologischen Grund. Der Bonner Psychologie-Professor Martin Reuter hat 2010 eine Verbindung zwischen Erbanlagen und Altruismus festgestellt. Er hat rund 100 Studierende für die Ergebnisse in einem Merktest mit fünf Euro belohnt. Das Geld konnten sie anschließend in beliebiger Höhe für einen caritativen Zweck spenden.

Reuter hatte den Studierenden vor dem Versuch Hautzellen entnommen und sich bei der DNA-Analyse auf das COMT-Gen konzentriert. Dieses Gen gibt es in zwei Varianten: COMT- Val und COMT-Met. Sein Versuch hat gezeigt, dass die Probanden mit dem COMT-Val Gen doppelt so viel Geld spendeten, wie die Versuchsteilnehmer mit der COMT-Met-Variante.

Die Hilfsbereitschaft wächst mit höherem Dopaminspiegel

Der Grund dafür ist einfach und biochemischer Natur. Das COMT-Val Gen enthält die Bauanleitung für einen Botenstoff, der in unserem Gehirn produziert wird: Dopamin, auch bekannt als „Glückshormon“. Bei Menschenmit COMT-Val Gen arbeitet das dazugehörige  Enzym bis zu viermal effektiver und sorgt somit für eine entsprechend stärkere Dopamin-Ausschüttung im Gehirn. Das Ergebnis: Wohlbefinden.

Freiwillige bei der Essensausgabe
Wer Menschen in Not hilft und dafür die eigenen Bedürfnisse zurückstellt, handelt im Sinne des Altruismus
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Dieses Gefühl wird auch als „the warm glow“  bezeichnet – das warme Gefühl im Bauch, wenn man anderen etwas Gutes getan hat. Geprägt hat den Begriff der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler James Andreoni in den 1980er-Jahren. Die Querverbindung aus der Biologie des Altruismus in die Ökonomie zeigt auch schon, welche Aspekte und Antriebsmechanismen der Altruismus noch beinhalten kann: Geben und nehmen.

Geben und nehmen: Altruismus in der Wirtschaft

Bezeichnet wird diese Struktur als „Reziproker Altruismus“. Originär stammt dieser Begriff aus der Biologie und der Evolution. Gespiegelt auf die Wirtschaft bedeutet das zum Beispiel eine altruistische Verflechtung von Firmenleitung, Kunden und Mitarbeitern, die auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Ausprägungen stattfindet.

So übernimmt zum Beispiel ein Angestellter die Rolle des Gebers, indem er seine Frühschicht mit einem Kollegen gegen die Spätschicht tauscht – dafür aber keine direkte Gegenleistung erhält. Der Produktionsfluss des Unternehmens wird nicht gestört. Die Ware kann wie bestellt an den Kunden geliefert werden. Benötigt später der gebende Angestellte einmal Hilfe von den Kollegen und bekommt sie, dann ist er in der Position des Nehmenden: reziproker Altruismus, das Prinzip der Gegenseitigkeit.

Altruistisch handeln für die Produktivität

Die Rede ist von mehr menschlichem Miteinander in Wirtschaftssystemen, um die Struktur eines Unternehmens zu stärken. Angesichts des Profitgedankens im Kapitalismus ist das egoistiscee Motiv auf den ersten Blick ein Widerspruch. Die wissenschaftlichen und auch wirtschaftspolitischen Ansätze zeichnen jedoch ein anderes Zukunftsbild.

Tania Singer, Professorin für Psychologie und Gruppenleiterin für Soziale Neurowissenschaften bei der Max Planck Gesellschaft, spricht von „Caring Economics“ – einem Wirtschaftsmodell, das menschliches Miteinander und  Wohlergehen auf Basis von Altruismus als Produktivitätsmotor nutzt. Hier spielen auch Modelle der Verhaltensökonomie als sogenannte Spieltheorie hinein: Wer verhält sich in welcher Situation und aus welcher Motivation wie, um welches Ergebnis für sich und andere zu erreichen?

Trotz Profit etwas für die Gesellschaft tun

Die Einbeziehung des Altruismus in die Unternehmenskultur in Deutschland ist inzwischen auch auf der politischen Ebene angekommen. Die Corporate Social  Responsibilty Initiative (CSR) des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales hat eine Wirtschaftsstruktur zum Ziel, in der „der Profit des einen nicht auf dem Schaden des anderen beruht.“ Die mitarbeiterorientierte Personalpolitik ist hierbei ein Faktor.

Soziologie, Psychologie, Philosophie, Biologie, Wirtschaft – Altruismus zieht sich als Thema durch viele Disziplinen und Bereiche. Worauf basiert etwas so grundlegend Vorhandenes?

Kommt der Mensch schon als Altruist auf die Welt?

Biologen gehen heute davon aus, dass Altruismus ursächlich dazu dient, innerhalb einer verwandten menschlichen Gen-Gruppe der eigenen Familie einen Vorteil zu verschaffen: die Verwandtenselektion. Erstmals hat 1957 der britische Evolutionsbiologe John Burdon Haldane davon gesprochen. Damit würde das genetische Überleben der Gruppe gestärkt und gefördert – was in sich aber schon wieder Egoismus birgt.

Die ursprüngliche Evolutionstheorie unterstützt diese Ansicht im Prinzip – wenn auch Charles Darwin zunächst ein Problem mit dem von Auguste Comte formulierten Begriff des Altruismus hatte. Immerhin geht Darwin vom Überleben des Stärkeren aus – der Individualselektion.

Gibt es auch im Tierreich Arten des Altruismus?

Ausschlaggebend dafür ist die Erhöhung der eigenen sogenannten „Fitness“ – also dem Fortpflanzungserfolg - durch das eigene Verhalten. Das Ziel: die eigenen Gene möglichst oft weiterzugeben. Jemandem einen Gefallen zu tun und dabei den Kürzeren zu ziehen – also die eigene Fitness zu schwächen -  entspricht nicht gerade Darwins Idee der Evolution und des Überlebens.

Sprich, altruistische Haubentaucher zum Beispiel wären demnach bereits nach kurzer Zeit ausgestorben. Darwin integrierte den Altruismus deshalb in seine Theorie der Gruppenselektion beim Menschen. Zusammengefasst:

  • Ein Stamm hat viele Mitglieder, die Werte wie Patriotismus, Gehorsam, Treue und Mut besitzen.
  • Sie sind deshalb bereit, sich gegenseitig zu helfen und für das Beste notfalls selbst zu opfern.
  • Das bedingt den Sieg über die meisten anderen Stämme.
  • Die Bedingungen für eine natürliche Zuchtwahl sind erfüllt.

Was aber ist mit Tieren? Gibt es dort Altruismus? Die Antwort lautet: Ja und Nein. Schimpansen sind dafür ein Beispiel. Forscher des Max-Planck-Institutes haben in einem afrikanischen Nationalpark die Adoption von verwaisten Jungtieren in einer Schimpansengruppe beobachtet. Die damit erfolgte Sicherung des eigenen Genpools trägt aber auch wiederum den Faktor der Verwandtenselektion in sich  - und damit auch einen Teil Egoismus.

Hilfe unter Schimpansen nur auf Nachfrage

Andererseits sprechen Forscher der japanischen Kyoto-Universität davon, dass Schimpansen zwar altruistisch handeln können – aber erst auf Bitten eines Hordengenossen, wenn er zum Beispiel ein Werkzeug zur Futterbeschaffung braucht.

Zwei Schimpansen teilen eine Frucht
Auf Bitte ihrer Artgenossen helfen Schimpansen sich gegenseitig
© Ariane Ribbeck - Shutterstock

Noch einen Schritt weiter gehen Biologen der Universität Manchester mit dem Fazit einer Verhaltensstudie in Uganda. Nach Ansicht der englischen Forscher sind Schimpansen die Folgen ihres Handelns völlig egal.

Wo Altruismus im Tierreich nachweislich existiert, sind staatenbildende Völker wie Bienen, Ameisen oder Termiten – wobei die Biologie den Begriff Altruismus nur dann anwendet, wenn das selbstlose Verhalten sich nicht auf die eigenen Nachkommen bezieht.  Bei staatenbildenden Völkern wird von eusozialem Verhalten gesprochen.

Sogar Pflanzen zeigen eine Art Altruismus

Das heißt: Eine Arbeitsbiene bildet keine funktionsfähigen Eierstöcke aus, verzichtet auf Nachkommen, stellt ihr Leben in den Dienst ihres  Bienenvolkes und opfert im Extremfall ihr Leben zum Schutz der Königin, wenn der Bienenstock angegriffen wird.

Warum tut sie das? Durch ihr Verhalten sorgt sie für die bestmögliche Weitergabe der Gene und damit für den Erhalt des Bienenvolkes. Von selbstlosem Verhalten im Sinne von Altruismus kann deshalb keine Rede sein.

Tatsächlich zeigen aber sogar Pflanzen eine Art von Altruismus – basierend auf der Definition, das eine selbst herbeigeführte Einschränkung der eigenen natürlichen Fitness diesem Bereich zuzuordnen ist. Ein Versuch im Jahr 2014 hat gezeigt, dass die Acker-Schmalwand gegenüber verwandten Pflanzen ihre Blattstellung so veränderte, dass die Beschattung der Nachbarpflanze möglichst gering ausfiel. Gleichzeitig verringerte sich die Photosynthese-Möglichkeit für die Acker-Schmalwand und damit der eigene Energieumsatz für das Wachstum – also die eigene natürliche Fitness.

Selbst Bakterien handeln für die Gemeinschaft

Und selbst Bakterien scheinen eine Art uneigennützige Hilfe zu kennen, die im Endeffekt das Überleben der Gruppe stärkt – also Verwandtenselektion im Sinne der Evolutionstheorie. Das haben US-amerikanische Biologen herausgefunden.

In einem Versuch mit einem Antibiotikum haben stärker resistente Bakterien schwächere  Bakterien unterstützt. Sie sorgten für die Produktion eines bestimmten Stoffes als Teil einer Aminosäure und verbesserten damit die Überlebens-Chance der gesamten Bakterienpopulation.

Zusammenleben in der Gruppe bedingt bestimmtes Verhalten. Auch der Altruismus in der menschlichen Gesellschaft ist ein Teil davon. Warum der Mensch sich in welchen Situationen wie verhält und auch gern mal etwas abgibt, ohne direkt davon zu profitieren - das wird als prosoziales Verhalten bezeichnet und ist Teil der Altruismus-Forschung. Die Psychologie-Professorin Anne Böcker-Raettig geht diesem Phänomen in ihrer Arbeit „Why we share our cookies“ nach.

Darin beschäftigt sie sich auch mit der Frage, inwiefern das aktuelle Umfeld das menschliche Verhalten im Sinne von Altruismus beeinflusst.

Hilfsbereitschaft schrumpft unter Zeitdruck

Beispiele dafür gibt es in der Forschung bereits einige. Legendär ist das „Gute-Samariter-Experiment“ der beiden Sozialpsychologen John Darley und Daniel Batson im Jahr 1973. Sie beobachteten Studierende, die auf dem Weg zu einem Seminar waren und aufgrund ihrer Aufgabenstellung unter unterschiedlichem Zeitdruck standen.

Vor dem Uni-Gebäude lag ein hilfloser Mann als Teil des Experiments. Das Ergebnis: Die Studierenden mit dem größten Zeitdruck hatten die geringste Hilfsbereitschaft. Das Erstaunliche: Es waren Theologie-Studierende, die fingierte Vorträge halten sollten. Ein Thema: „Der barmherzige Samariter“.

Frau spendet Blut
Im Sinne des Altruismus: Wer Blut spendet, handelt selbstlos und tut etwas für die Gemeinschaft
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Auch die Stimmung wirkt sich auf die Bereitschaft zum Altruismus aus. Bei einem Versuch im Jahr 1972 wurde in einem Münzfernsprecher eine Münze im Ausgabefach platziert. 84 Prozent derjenigen, die die Münze gefunden hatten, halfen einem Mann seine verlorenen Papiere auf der Straße wieder einzusammeln – aber nur vier Prozent derjenigen ohne Münzfund.

Wer sich beobachtet fühlt, hilft eher

Wer von anderen Menschen beobachtet wird, neigt ebenfalls eher zu Altruismus und Hilfsbereitschaft. Hier spielen Begriffe wie Ethik und vor allem Moral eine große Rolle. Wer will schon als schlechter Mensch im Sinne von gesellschaftlichen Werten dastehen und sich der Kritik der anderen aussetzen – obwohl er am liebsten weitergehen würde oder keine Zeit hat?

Abgesehen von Faktoren wie Bevölkerungsdichte – Reizüberflutung in Großstädten scheint zu einem Verlust von Hilfsbereitschaft zu führen (Urban-Overload-Hypothese) – spielt auch das Geschlecht eine Rolle bei prosozialem Verhalten. Die Verfasser einer Schweizer Studie kommen zu dem Ergebnis, dass gelebte Großzügigkeit in den Gehirnen von Frauen eine stärkere neuronale Belohnungsaktivität auslöst. Männer hingegen reagieren der Studie zufolge eher bei egoistischem Verhalten so. Ob diese Reaktionen angeboren oder kulturell bedingt sind, lässt die Studie offen.

Ist das Helfersyndrom angeboren?

Was gleichzeitig die Frage aufwirft:  Kommen wir schon als Altruisten auf die Welt? Ansätze für eine Antwort sind die bereits genannte genetische Veranlagung und die davon abhängige Ausschüttung von Glückshormonen bei guten Taten. Doch was ist mit der sozialen Prägung durch das Umfeld? In Bezug auf Kinder und kindliche Entwicklung zu prosozialem Verhalten gibt es in der Forschung unterschiedliche Ansätze mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

So kommen Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in einem Versuch mit sechs- bis 13-Jährigen zu dem Ergebnis, dass die Hirnentwicklung eine wesentliche Rolle für die Fähigkeit zu fairem Teilen spielt. Messungen der Hirnaktivität zeigten, dass der laterale präfrontale Kortex bei älteren Kindern aktiver war. Dieser Gehirnbereich ist verantwortlich für soziale Entscheidungsprozesse und die Ich-Entwicklung. Die Ausprägung des pränatalen Kortex ist tatsächlich erst nach rund 25 Jahren im Erwachsenenalter abgeschlossen.

Drei Kinder sitzen auf einer Wiese und teilen Äpfel
Schon Kinder handeln altruistisch, wenn sie ihr Essen mit anderen teilen
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Der Psychologe Felix Warneken von der University of Michigan/USA andererseits geht davon aus, dass die Hilfsbereitschaft von Kindern bereits bei der Geburt angelegt ist. Ein Versuch, bei dem Anderthalbjährige bereitwillig ihr Essen teilten, könnte ihm Recht geben.

Dass beide Denkansätze richtig sein könnten, ist das Ergebnis einer Arbeit der Uni Passau. Sie zeigt sowohl angeborenes soziales Verhalten als auch zunehmenden Altruismus mit steigendem Alter und der Sozialisierung von Kindern auf. Dem Verhalten der Eltern als Vorbild kommt dabei eine wichtige Rolle zu.

Uneingennütziges Verhalten kann trainiert werden

Altruismus scheint also auf der einen Seite ein vererbter Teil des Menschen zu sein und wird gleichzeitig während des Lebens erlernt. Kann Altruismus demnach auch trainiert werden? Eine Studie der Universität Würzburg kommt zu dem Ergebnis, dass das möglich ist.

Das Schlüsselwort: Meditation als mentales Training. Über einen Zeitraum von drei Monaten haben die Teilnehmer täglich eine 30-minütige Übungseinheit in ihren Alltag eingebaut, um Eigenschaften wie Mitgefühl, Dankbarkeit und prosoziale Motivation zu trainieren.

Im Ergebnis waren die Teilnehmer im Vergleich zu zwei anderen Probanden-Gruppen großzügiger, hilfsbereiter und haben höhere Beträge an gemeinnützige Organisationen gespendet. Das Fazit der Forscher: Die prosoziale Motivation und das Verhalten der Menschen können durch einfache, kurze und nicht kostspielige mentale Praktiken verändert werden.

Ein Zusammenhang könnte in der Reaktion des Gehirns auf Meditationsübungen und den Aufbau bestimmter Hirnregionen liegen: Der Amygdala – dem sogenannten Mandelkern. Der Amygdala wird auch der Sitz der Empathie zugeschrieben.

Dieser Bereich liegt als Paar angelegt unter der Hirnrinde im Schläfenlappen und ist neben der Angststeuerung auch für Emotionen wie Lust oder Erregung zuständig. Die Altruismusforscherin Abigail Marsh hat nachgewiesen, dass Altruisten eine größere Amygdala haben als Menschen, die weniger hilfsbereit sind.

Es wird davon ausgegangen, dass Altruisten zum Beispiel Besorgnis oder Angst im Gesicht eines Gegenübers stärker wahrnehmen. Gleichzeitig hat Marsh auch entdeckt, dass bei Psychopathen eine kleinere Amygdala vorhanden ist - sie also nicht so stark auf die Angst im Gesicht eines Menschen ansprechen.

Meditation regeneriert Zentrales Nervensystem

Dass Meditation die Amygdala stärkt, haben Forschungen der Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel gezeigt.

Demnach führt schon ein tägliches 45-minütiges Mentaltraining über einen Zeitraum von acht Wochen zu einer Stressreduzierung im Körper. Damit verbunden regeneriert sich im Gehirn insgesamt die Graue Masse als Teil des Zentralen Nervensystems – auch in der Amygdala. Der Mandelkern hat weniger damit zu tun, auf Stress und Angst zu reagieren und kann sich anderen Aufgaben widmen.

Ist aber nun Altruismus etwas grundlegend Positives – sowohl für die Empfänger der guten Tat als auch für die Handelnden? Zumindest was die Altruisten betrifft, gibt es dazu Erkenntnisse. So hat eine großangelegte Studie in den USA mit rund 13.000 Teilnehmern ergeben, dass soziales Engagement wie ein Ehrenamt mit zwei Stunden in der Woche bei über 50-jährigen für ein geringeres Sterberisiko und bessere körperliche Fitness sorgt. Gleichzeitig bescheren gute Taten den Wohltätern generell ein gutes Gefühl und soziale Kontakte.

Altruisten leiden stärker unter Corona-Beschränkungen

Tatsache ist aber auch, dass Menschen mit stark ausgeprägtem Altruismus diesen offenbar ausleben müssen. Das hat die Corona-Pandemie gezeigt. Bedingt durch die gesellschaftliche Isolation war Altruismus in der bisherigen Form in vielen Ländern nicht mehr möglich – so auch in China.

Eine junge Frau hilft einer alten Frau beim Gang über die Straße
Wie wichtig es ist, hilfsbedürftigen Personen in schweren Zeiten zur Seite zu stehen, hat besonders die Coronapandemie deutlich gemacht
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Eine dortige Studie kommt kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen mit ausgeprägtem Altruismus in der Coronazeit stärker unter Angst und Depressionen leiden als Menschen ohne Hang zum Helfen.

Ein zu starkes Helfersyndrom kann krank machen

Ganz ungesund wird es, wenn der Drang zum Altruismus zwanghaft wird,  der sogenannte Pathologische Altruismus – auch bekannt als das Helfersyndrom. Zum einen kann dieser Zwang bei der ständig helfenden Person zu Erschöpfung, Depression, Angst oder Schuldgefühlen führen. Auf der anderen Seite kann übermäßiger Altruismus aber auch bei den „Opfern“ der Hilfsaktion für Schäden sorgen.

Ein gutes und real existentes Beispiel dafür hat unlängst eine Frau in einer deutschen Großstadt geliefert. Sie stand an einer roten Fußgängerampel. Als die Ampel grün wurde, hakte sie kurzerhand eine nebenstehende ältere Dame am Arm unter und brachte sie sicher auf die andere Straßenseite. Das Ergebnis der guten Tat: Eine aufgebrachte alte Dame und eine frustrierte Helferin, denn die gute Frau wollte gar nicht über die Fußgängerampel.

Goethe als Glücksbringer

Ob es den reinen Altruismus gibt oder Motive für Menschenliebe immer auch egoistisch sind, wird wohl weiterhin ein wesentlicher Ansatz der Forschungen, Diskussionen und Gedanken dazu bleiben. Was immer auch die Ergebnisse sein werden – Johann Wolfgang von Goethe hat Altruismus zumindest für sich auf den Punkt gebracht:

„Willst Du glücklich sein im Leben, trage bei zu anderer Glück, denn die Freude die wir geben, kehr ins eigne Herz zurück.“

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