Logo GEO Wissen
Den Menschen verstehen

Leseprobe: Den Schatten akzeptieren

Jeder Mensch kann sich „Inseln der Souveränität“ in seinem Leben schaffen, sagt die Schweizer Analytikerin Verena Kast.

GEO WISSEN: Frau Professor Kast, souverän auch in schwierigen Situationen reagieren zu können, das wünschen sich viele Menschen. Doch was genau bedeutet eigentlich: Souveränität?

VERENA KAST: Der Begriff hat umgangssprachlich einen guten Klang, ist aber schwer zu fassen und auch kein psychologischer Fachbegriff. Am nächsten kommt ihm der Terminus „Selbstwertgefühl“. Wer souverän ist, hat immer auch ein gutes Selbstwert-gefühl. Das bedeutet: Wenn ich gekränkt werde oder Misserfolg habe, komme ich rasch wieder in die Balance. Wenn beispielsweise der Chef nicht grüßt und man darüber drei Tage lang nachgrübelt, zeugt das nicht von einem hohen Selbstwertgefühl. Normal wäre es, zu denken, „Okay, er hat mich einfach nicht gesehen“ oder „Was ist ihm denn über die Leber gelaufen?“. Dann aber sollte der Vorfall wieder vergessen sein.

Im „Brockhaus“ heißt es als Definition, souverän sei jemand, der „auf Grund von Fähigkeiten sicher und überlegen“ ist.

Das sind weitere wichtige Aspekte. Ich kann nur souverän sein, wenn ich mich kompetent fühle, mir meiner Möglichkeiten bewusst bin. Ich muss mich selbst akzeptieren, einen festen Standort in der Welt gefunden haben. Ich brauche Autonomie, muss ein Stück weit mein eigener Souverän sein, also über meine Angelegenheiten verfügen können. Und ich muss Verantwortung übernehmen für mein Handeln, eine authentische und selbstbestimmte Persönlichkeit sein. Innere Einstellung und Verhalten sollten dabei übereinstimmen, das ist der Aspekt der Integrität.

Das klingt fast so, als würden Sie ein Psychogramm von Karl-Theodor zu Guttenberg erstellen – vor der Plagiatsaffäre.

Er vereint viele der genannten Aspekte in sich. Hinzu kommt, dass er sich, wie er einmal sagte, immer der Möglichkeit des Scheiterns bewusst ist. Auch das gehört zur Souveränität: sich über die eigenen Grenzen klar zu sein, sie zu erkennen. Auch Nein sagen zu können und nicht ohne Weiteres alle an einen herangetragenen Anforderungen zu erfüllen. Jasager sind nicht souverän – ebenso wenig wie Menschen, die sich alles zutrauen. Denn die erkennen die eigenen Grenzen nicht. Das ist egozentrisch oder gar narzisstisch.

Wie kommt es zu einer Selbstsicherheit wie bei zu Guttenberg, die lange Zeit durch nichts zu erschüttern zu sein schien? Ist das eine Frage der Herkunft?

Ich bin keine Adelsexpertin. Eine solche Herkunft muss nicht zwangsläufig zu einem hohen Selbstwertgefühl führen. Es gibt auch arrogante Adelige, wobei Arroganz die Kompensation eines schlechten Selbstwertgefühls ist. Aber sicher hat man in der Familie zu Guttenberg seit vielen Generationen Verantwortung übernommen, Verantwortung auch für andere Menschen. Das ist so eine Art kollektives Erbe. Man kommt aus einer Familie, in der man einfach davon ausgeht, dass man erfolgreich ist. Es gibt sicher nicht so etwas wie ein Gen für Souveränität, aber es gibt genetisch geprägte Persönlichkeitsanlagen, die von der Umwelt geformt werden, etwa durch Erziehung und frühkindliche Erfahrungen. Auf diese Weise lässt sich das Selbstwertgefühl formen.

Woran genau lässt sich die Souveränität eines Menschen erkennen?

Es gibt ganz offensichtlich einen Vitalitätsfaktor, der zu spüren ist. Souveräne Menschen halten ihre Kraft nicht unter Verschluss, sondern strahlen eine Freude an dem aus, was sie tun. Souveränität lässt sich daher auch kaum vorspielen. Einem guten Blender gehen die Leute vielleicht eine Zeit lang auf den Leim, aber nicht ewig.

Hat zu Guttenbergs Souveränität, sein Selbstwertgefühl unter dem Eindruck der Affäre grundsätzlich gelitten?

Menschen wirken unter anderem deshalb souverän, weil wir sie für souverän halten. Diesen Aspekt seiner Souveränität hat er eingebüßt. Wenn er wirklich souverän ist, wird er aus dieser Krise etwas lernen – und dann wohl auch als ein Veränderter daraus hervorgehen. So eine Beschämung hat einen Einfluss auf das Selbstwertgefühl, aber wir alle finden nach einiger Zeit zu unserem habituellen Selbstwertgefühl zurück.

Vom britischen Ex-Premier Tony Blair tauchte während seiner Amtszeit eine handschriftliche Notiz auf, in der Blair dreimal das Wort „tomorrow“ falsch geschrieben hatte. Sein Pressebüro ließ verlauten, das liege an der Handschrift, die sei nicht so genau zu entziffern. Blair räumte dann aber ein, das sei sein Fehler gewesen, er sei Legastheniker. Ist das ein Beispiel für Souveränität?

Absolut. Nicht einen Sündenbock zu suchen, sondern selbst die Verantwortung zu übernehmen, zu seinen Fehlern und Schwächen zu stehen, sich aber dennoch als wertvollen Menschen zu sehen sind Zeichen von Souveränität. Blair hat seine Schwäche akzeptiert, Karl-Theodor zu Guttenberg augenscheinlich noch nicht. Diese „Schattenakzeptanz“ – wie Tiefenpsychologen es nennen – ist aber ganz wichtig für die eigene Persönlichkeit.

Das müssen Sie bitte erklären.

„Schatten“ ist eine Metapher des Tiefenpsychologen C. G. Jung. Sie bezeichnet jene Seiten unserer Persönlichkeit, die wir nicht ohne Weiteres an uns akzeptieren; das können ein jähzorniges Wesen sein oder auch Eigenschaften wie Geiz oder Neid. Demgegenüber steht die „Persona“, unser Ich-Ideal: also unsere Vorstellung davon, wie wir uns gern sehen und wie wir uns anderen präsentieren. Persona und Schatten sind stark durch unsere Eltern geprägt.

Wenn wir lernen, auch unseren Schatten zu akzeptieren, macht uns das selbstsicherer und authentischer. Ich schließe Frieden mit mir selbst, akzeptiere meine Begrenztheit, sehe mich weniger narzisstisch. Das entlastet und nimmt Lebensangst. Die Schattenakzeptanz bringt aber auch ein Mehr an Verantwortung. Wir können nicht länger auf das Böse verweisen, sondern müssen uns die Frage stellen, wo wir selbst destruktiv handeln.

Leseprobe: Den Schatten akzeptieren

Verena Kast, 68, ist Lehranalytikerin am C. G. Jung Institut Zürich und Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie

zurück zur Hauptseite

Aktuelle GEO-Magazine
<< zurück >> vor
nach oben