Krieg in Nahost Wer sind die Minderheiten in Iran – und welche Rolle spielen sie?

Ein Protestslogan in kurdischer Sprache wurde 2022 zum Motto der regimekritischen Bewegung in Iran: Jin, Jiyan, Azadî – Frauen, Leben, Freiheit. Hier eine Demonstration in Berlin im Februar 2026
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© Omer Messinger / Getty Images
Im Westen gilt Iran oft als Land der Perser. Doch tatsächlich ist es ein Vielvölkerstaat: Ethnische Minderheiten stellen fast die Hälfte der Bevölkerung – und klagen über massive Diskriminierung

Bewaffnet die CIA iranische Kurden, damit sie gegen das Mullah-Regime kämpfen? Das Weiße Haus dementiert. Doch allein die Gerüchte nähren alte Ängste iranischer Eliten. Die Sorge, dass feindliche Mächte die vielen Minderheiten im Land als "fünfte Kolonne" einsetzen, um das Land zu destabilisieren, ist so alt wie die Islamische Republik selbst. 

Denn Iran ist alles andere als ein homogener Nationalstaat. Zwar gibt der Staat genaue Zahlen nicht bekannt, doch Schätzungen zufolge gehören fast die Hälfte der 90 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner Minderheiten an – Volksgruppen mit unterschiedlichsten Sprachen und Religionen.  

Warum nicht alle Menschen in Iran Perser sind 

Der Anteil der Perser an der Gesamtbevölkerung wird auf 50 bis 60 Prozent geschätzt; sie bilden die größte Volksgruppe. Die persische Bevölkerung lebt vor allem im Zentrum des Landes und hat ihren historischen Ursprung in der südiranischen Provinz Fars. Nach ihr ist auch die Amtssprache benannt: Farsi, Persisch.  

Im 6. Jahrhundert v. Chr. eroberte der persische König Kyros der II. vom heutigen Fars aus die Gebiete des aktuellen Staatsgebiets und schuf das erste persische Imperium. Schon damals vereinte das Reich zahlreiche Ethnien unter seiner Krone.  

Immer wieder verschoben sich Grenzen, Dynastien wechselten. Die persische Sprache jedoch blieb spätestens seit dem 10. Jahrhundert n. Chr. nahezu ununterbrochen Kultur- und Verwaltungssprache – während die vielen Minderheiten im Land weiterhin ihre eigenen Sprachen und Kulturen pflegten. 

Doch als der erste Schah 1925 die Pahlavi‑Dynastie begründete, änderte sich die iranische Minderheitenpolitik. Die Idee: ein moderner Nationalstaat nach westlichem Vorbild – säkular, zentralistisch und homogen. Alle Einwohner wurden zu Persern deklariert, Minderheitensprachen aus Schulen und Medien verbannt.

Reza Pahlavi erster Schah von Persien 1925-1941
Reza Pahlavi war von 1925 bis 1941 der erste Schah von Persien. 1935 ließ er seinen Staat offiziell in Iran umbenennen – Land der Arier. Ein direkter Bezug zur nationalsozialistischen Rassentheorie, die Perser als "reinblütig" ansah 
© SUS / Camera Press / Laif

Auch als im Jahr 1979 die Mullahs den zweiten Schah vom Thron stießen, hielten sie an der Idee des homogenen Zentralstaats fest. Nur sollte dieser sich nun an den strengen Regeln des schiitischen Islams orientieren – über alle Volksgruppen hinweg gehören etwa 90 Prozent der Einwohner des Landes dieser Konfession an. 

Die meisten Perser in Iran sind Schiiten. Der Idealtyp eines modernen iranischen Staatsbürgers spricht also persisch und ist schiitischen Glaubens.  

Mehr Aserbaidschaner als in Aserbaidschan 

Schätzungen zufolge leben in Iran zehn bis über 20 Millionen Aserbaidschaner – mehr als im Nachbarland Aserbaidschan selbst. Die Bevölkerungsgruppe, auch Azeri genannt, siedelt vor allem im Nordwesten des Landes. Azeri sind zumeist schiitische Muslime, ihre Sprache ist eng mit dem Türkischen verwandt.  

Aserbaidschanisch wird wie alle Minderheitensprachen in der Bildung, den Medien und der Öffentlichkeit stark eingeschränkt. Das Regime verfolgt einzelne Azeri, die sich für mehr Autonomie oder die Pflege ihrer Kultur einsetzen. Besonders ausgeprägt sind solche Bestrebungen aber nicht, da Aserbaidschaner in der Politik des Landes schon lange eine tragende Rolle spielen: 

Zwischen 1501 und 1925 wurde Persien über weite Strecken von azerisprachigen Dynastien regiert, darunter den Safawiden und Kadscharen. Während ihrer Herrschaft sprachen sie am Hof zwar Azeri, hielten aber an Persisch als landesweiter Verwaltungs- und Kultursprache fest; die Safawiden machten im 16. Jahrhundert den schiitischen Islam erstmals zur Staatsreligion. 

Auch heute noch prägen einzelne Azeri die iranische Politik: etwa der ermordete "Oberste Führer" Ayatollah Ali Chamenei oder auch der amtierende Präsident Massud Peseschkian. 

Laut einer Analyse des saudischen Thinktanks "International Institute for Iranian Studies" aus dem Jahr 2017 gehörten Aserbaidschaner in Iran zu den wenigen ethnischen Minderheiten, deren Anteil in höheren Staats- und Militärämtern zumindest annähernd ihrem Bevölkerungsanteil entsprach. Dominiert wird die politische und militärische Führung des Landes jedoch weiterhin von ethnischen Persern.

Ali Chamenei auf einem Propagandaplakat
Der „Oberste Führer“ des Iran, Ali Chamenei, wurde am 28. Februar 2026 bei einem Luftschlag der USA und Israels getötet. Hier grüßt er noch von einem Propagandaplakat in Teheran. Chameneis Vater gehörte selbst einer Minderheit an – er war Aserbaidschaner
© Farhad Babaei / Laif

Kurden gegen den Zentralstaat 

Etwa zehn Prozent der iranischen Bevölkerung sind Kurden, die meisten von ihnen sunnitische Muslime. Ein bedeutender Teil bekennt sich aber auch zur schiitischen Staatsreligion. Die kurdische Minderheit lebt überwiegend in den nordwestlichen Provinzen an der Grenze zum Irak und im Nordosten des Landes im turkmenischen Grenzgebiet.  

Sunnitische Kurden in Iran erleben häufig eine doppelte Form der Ausgrenzung: als Angehörige einer ethnischen und einer religiösen Minderheit. Jegliche Politik im Namen der Kurden ist in Iran verboten, mittlerweile verfügen sie über keinerlei politische Vertretung mehr. Und auch ihre religiöse Praxis stößt vielerorts auf Einschränkungen. So ist es Sunniten etwa in Großstädten wie Teheran nahezu unmöglich, eigene Moscheen zu bauen.  

Schon 2018 meldete ein UN-Bericht, dass nahezu die Hälfte aller politischen Häftlinge in Iran Kurden seien. Als 2022 die junge Kurdin Jina Mahsa Amini von der Sittenpolizei totgeprügelt wurde, waren die Protestwellen in den kurdischen Gebieten besonders stark. Kurdische Aktivisten und Demonstranten werden regelmäßig verhaftet, gefoltert oder ermordet.  

"Die Kurden in Iran haben immer schon besonders unter den Repressionen der Staatsgewalt gelitten und deshalb auch ein stärkeres Streben nach Autonomie", sagt Charlotte Wiedemann, Sachbuchautorin und Iran-Expertin.  

Belutschistan, das Armenhaus der Islamischen Republik 

Die Provinz Sistan und Belutschistan im Südosten Irans gilt als Armenhaus. Hier lebt die Volksgruppe der Belutschen. Sie machen etwa zwei bis fünf Prozent der Gesamtbevölkerung aus und sind – wie viele Kurden – Sunniten. Neben der religiösen und kulturellen Diskriminierung, die sie mit anderen Minderheiten teilen, wird die Gruppe auch wirtschaftlich marginalisiert: Die vielen Rohstoffe in der Region kommen den Menschen kaum zugute; dazu haben sie mit häufigen Stromausfällen und mangelnder Wasserversorgung zu kämpfen.  

Sowohl in Iran als auch im Nachbarland Pakistan verüben sunnitisch-islamistische Gruppen immer wieder Anschläge auf staatliche Sicherheitskräfte. Die Milizen stellen sich als Verteidiger der Belutschen dar. Auch Belutschen werden überdurchschnittlich oft aus politischen Motiven gefangen genommen und hingerichtet. 

Es gibt auch arabische Iraner 

Weitere ethnische Minderheiten sind die Luren und die Masandaran. Beide Gruppen sind schiitisch und sprechen eine Sprache, die dem Persischen ähnelt. Deshalb sind sie oft stark in die persische Mehrheitsgesellschaft integriert. Schätzungen zufolge stellen sie jeweils etwa fünf Prozent der Bevölkerung.  

Meist sunnitischen Glaubens sind sowohl Turkmenen als auch Araber, die jeweils zwischen ein und drei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die arabische Minderheit lebt überwiegend im Südwesten des Landes am Persischen Golf und in der irakischen Grenzregion. Trotz ihres Ölreichtums zählt die dortige Provinz Chuzestan zu den Ärmsten im Land. Die arabische Minderheit beklagt immer wieder Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und im öffentlichen Leben.  

Nicht-muslimische Bevölkerungsteile

Neben weiteren ethnischen Minderheiten gibt es zahlreiche nicht-muslimische Religionsgruppen: Anerkannt sind das Judentum, Christentum und der Zoroastrismus. Den traditionellen christlichen Gruppierungen der ethnischen Armenier (60.000 bis 80.000 Personen) und Assyrer (weniger als 50.000) stehen drei Sitze im Parlament zu, den Zoroastriern (weniger als 50.000) und Juden (weniger als 10.000) jeweils einer. Diese religiösen Minderheiten haben zwar einen Sonderstatus – sie sind die einzigen anerkannten Minderheiten in Iran –, dürfen aber nicht in hohe politische Ämter gewählt werden. Konvertiten, die vom Islam zum Christentum übergetreten sind, ist das Praktizieren des Christentums untersagt. Deshalb dürfen christliche Gottesdienste auch nur auf Armenisch oder Assyrisch abgehalten werden. 

Am schwierigsten ist die Situation für Angehörige nicht anerkannter Religionen wie die Bahai, von denen es Schätzungen zufolge 300.000 in Iran gibt. Nach der Islamischen Revolution wurden viele Geistliche und Gläubige hingerichtet, seither werden die Gemeinden systematisch unterdrückt. Für Bahai ist der Zugang zu Arbeit und Bildung ungleich schwerer als für Anhänger anerkannter Religionen.

Kritik am Regime oder Unabhängigkeit?

Laut Iran-Expertin Wiedemann ist die Sorge des Regimes vor einer Instrumentalisierung der Minderheiten durch geopolitische Widersacher nicht gänzlich unbegründet. Es gebe immer wieder Hinweise, dass ausländische Akteure wie Saudi-Arabien versuchten, einzelne Minderheiten in Iran für Separatismus zu erwärmen.

Doch Separatisten blieben in Iran meist selbst eine Minderheit innerhalb ihrer Volksgruppen, sagt Wiedemann: 

"Es gibt zwar einzelne Gruppierungen innerhalb der Minderheiten, die nach Abtrennung streben, aber im Großen und Ganzen wollen die meisten Menschen vor allem eines: kulturelle Selbstbestimmung und demokratische Mitsprache."