Die Erklärung ist unmissverständlich: Jedes Schiff, das in den nördlichen Teil des Persischen Golfs einfährt, muss mit einem Angriff rechnen, verkündet die irakische Staatsführung am 7. Oktober 1980, zwei Wochen nach Saddam Husseins Angriff auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkriegs. Eine, wie es heißt, "verbotene Kriegszone" sind die Gewässer vor der iranischen Küste nun – mit Folgen für die ganze Welt.
Denn der Irak lässt seinen Drohungen Taten folgen: 1981 attackieren irakische Flugzeuge fünf neutrale Handelsschiffe, die iranische Häfen anlaufen, am 30. Mai 1982 trifft es die "Atlas 1", einen türkischen Öltanker. Damit beginnt der "Tankerkrieg": Der Persische Golf und die Straße von Hormus werden für die internationale Schifffahrt endgültig zur Risikozone, denn Iran antwortet bald seinerseits mit Attacken auf Tanker von Iraks Handelspartnern. Mindestens 451 Handelsschiffe greifen die beiden Staaten laut US-Zählung bis 1988 an, vor allem Öltanker. Mehr als 400 zivile Seeleute kommen ums Leben. Es ist der schwerste Angriff auf die zivile Handelsschifffahrt seit dem Zweiten Weltkrieg.
Die Straße von Hormus wollte der Iran damals auf keinen Fall sperren
Vor allem zwei Ziele verfolgte der Irak, als er die Öltanker von Drittstaaten ins Visier nahm: Wenn die Einnahmen aus den Ölexporten versiegen, muss Iran den Krieg einstellen, so das Kalkül. Gleichzeitig hoffte Saddam Husseins Regime wohl, die Islamische Republik zu derartig heftigen Vergeltungsschlägen zu provozieren, dass sich die USA und andere westliche Staaten gezwungen sähen, in den Krieg einzugreifen. Die Straße von Hormus, die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman, komplett zu schließen, war für Iran damals dagegen keine Option – würde er damit doch seine eigenen Handelswege sperren.
Beschoss der Irak Handelsschiffe, die iranische Häfen ansteuerten, zunächst eher sporadisch, eskalierte Saddam Hussein die Situation 1984: Neuerdings ausgestattet mit französischen Kampfflugzeugen und Raketen mit höherer Reichweite, intensivierte der Irak seine Angriffe auf Ölfrachter. Im Jahr darauf wurde der liberische Tanker "Neptunia" schwer getroffen – zum ersten Mal sank im "Tankerkrieg" das Frachtschiff eines neutralen Staates.
Nun schlugen die Iraner zurück. Zunächst setzten sie vor allem Luft-Boden-Raketen gegen Handelsschiffe ein, die in der Regel aber deutlich geringere Schäden anrichteten. Dafür ließ die Islamische Republik erstmals Seeminen verlegen. Schließlich kamen auch Anti-Schiffs-Marschflugkörper aus China zum Einsatz. Besonders die Länder, die mit dem Irak zusammenarbeiteten – allen voran Kuwait und Saudi-Arabien – litten unter den Angriffen auf Schiffe und damit ihren Handel.
Die Entwicklungen im "Tankerkrieg" riefen schließlich die USA auf den Plan: 1987 gestatteten sie, kuwaitische Schiffe als amerikanische Schiffe zu registrieren – und diese 800 Kilometer weit vom Persischen Golf durch die Straße von Hormus in den Golf von Oman zu eskortieren.
Noch bevor die "Operation Earnest Will" überhaupt startete, wurden die Vereinigten Staaten in den Krieg der Tanker hineingezogen: Im Mai 1987 trafen vor der saudi-arabischen Küste zwei Raketen die Fregatte "USS Stark" – 37 Navy-Angehörige starben. Irakische Kampfjet-Piloten hatten das US-Schiff mit einem iranischen Tanker verwechselt. Trotzdem starteten bald darauf die Eskortfahrten, bei denen die USA neben Kriegsschiffen auch Überwachungsflugzeuge und Hubschrauber einsetzten. Allein 1987 eskortierten sie 56 Tanker.
Trotz des "Tankerkriegs" blieb ein Ölschock aus
Tatsächlich erhöhte die Intervention den Druck auf Iran, Frieden mit dem Irak zu schließen: Im April 1988 lieferten sich iranische und US-Einheiten ein Gefecht – die Islamische Republik verlor fünf Schiffe und zog sich geschlagen zurück. Wenige Monate später akzeptierte Iran einen von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstand.
Obwohl im "Tankerkrieg" mehr als 400 Schiffe getroffen und Dutzende schwer beschädigt wurden, kam der Handel im Persischen Golf und der Straße von Hormus nicht zum Erliegen: Schätzungen zufolge beeinträchtigten die irakischen und iranischen Angriffe nie mehr als zwei Prozent des Schiffsverkehrs.
Das Risiko, durch Raketen getroffen zu werden oder auf Seeminen zu laufen, gingen die Reedereiunternehmen ein. Versicherungen verlangten zwar höhere Prämien, doch Iran glich diese aus, indem es kurzerhand den Ölpreis senkte. So führte der Krieg der Tanker in den 1980er-Jahren auch nicht zu einem Ölschock und steigenden Preisen. Wohl aber zog die iranische Revolutionsgarde Lehren aus dem "Tankerkrieg": Sie investierte kräftig in Seeminen, U-Boote und Schiffsabwehrwaffen, um bei Bedarf die Straße von Hormus für den internationalen Handel wirksam blockieren zu können.