Am 7. März 1936 donnert und dröhnt es auf der Hohenzollernbrücke in Köln. Es ist kein Gewitter, keine Bahn und auch kein Auto, das die 400 Meter lange Überquerung aus Stahl über den Rhein an jenem Morgen erschüttert. Gewehre auf den Rücken, Stahlhelme auf den Köpfen, marschieren Hunderte Infanteristen in feldgrünen Mänteln vom rechten zum linken Ufer des Flusses. Nicht nur in Köln, auch in Bonn, Koblenz, Mainz, Krefeld und vielen Städten am Rheinufer gehen Wehrmachtssoldaten im Gleichschritt voran.
Auf Befehl Hitlers besetzen an jenem Samstag mehr als 30.000 Soldaten das Rheinland. Der Einmarsch der deutschen Wehrmacht, von den Nazis unter dem Begriff "Winterübung" verharmlost, ist ein Verstoß gegen die Verträge von Versailles und Locarno. Diese hatten eine entmilitarisierte Zone auf dem gesamten linksrheinischen Gebiet und einem 50 Kilometer breiten Streifen rechts des Rheins festgeschrieben. Mit seinem Manöver geht Hitler ein erhebliches Risiko ein. Doch der Bruch mit dem Völkerrecht bleibt folgenlos.
Versailles, Locarno und das Rheinland: Grenzen mit Spielraum
Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg hatten sich die deutschen Truppen aus dem Rheinland zurückgezogen. Das Gebiet wurde eine entmilitarisierte Zone, so schrieb es 1919 der Versailler Vertrag fest. Schon seit 1918 besetzten amerikanische, französische, belgische und britische Truppen die linke Rheinseite und einige Brückenköpfe rechts des Stromes. Die Siegermächte sollten in den folgenden 15 Jahren im Rheinland militärisch präsent bleiben, so sah es der Vertrag ursprünglich vor. Die Besetzung sollte den Frieden garantieren und gleichzeitig sicherstellen, dass Deutschland die Reparationen zahlt.
1925 handelten Vertreter Italiens, Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens, Polens, der Tschechoslowakei und Deutschlands in der kleinen Stadt Locarno in der Schweiz völkerrechtliche Verträge aus, um den Frieden in Europa zu bewahren. Darin verpflichteten sich die Vertragsparteien, den "territorialen Status quo" aufrechtzuerhalten. Deutschland bestätigte damit seine im Vertrag von Versailles festgelegte Westgrenze zu Frankreich und Belgien, den Verlust von Elsass-Lothringen und die Entmilitarisierung des Rheinlands. Mit ihrer Unterschrift besiegelten die deutschen Unterzeichner, Reichskanzler Hans Luther und Außenminister Gustav Stresemann, die Grenzen dauerhaft. Folglich durfte Deutschland in den Völkerbund eintreten.
Als Signal der Entspannung begannen die Alliierten im Januar 1926, ihre Truppen langsam abzuziehen – deutlich vor dem im Versailler Vertrag vorgesehenen Datum. Im Sommer 1930 verließen die letzten alliierten Truppen das Rheingebiet. Die Region blieb entmilitarisiert.
Eine "Störung des Weltfriedens"
Deutschland waren militärische Aktivitäten im Rheinland also vertraglich verboten, als Hitler 1936 die Wehrmachtssoldaten ebendort hinschickte, dies galt als "feindliche Handlung" und "Störung des Weltfriedens". Hitler schickte an jenem Samstag per Eilkurier eine Erklärung nach Paris, London, Rom und Brüssel, in der er das Manöver begründete und friedliche Absichten vorschob.
"Die 48 Stunden nach dem Einmarsch ins Rheinland sind die aufregendste Zeitspanne in meinem Leben gewesen", soll Hitler zu seinem Chefdiplomaten in Paris gesagt haben. "Wären die Franzosen damals ins Rheinland eingerückt, hätten wir uns mit Schimpf und Schande wieder zurückziehen müssen, denn die militärischen Kräfte, über die wir verfügten, hätten keineswegs auch nur zu einem mäßigen Widerstand ausgereicht."
In Frankreich löste der Einmarsch Schock und Entsetzen aus. Empört hielt der damalige französische Premierminister Albert Sarraut eine Ansprache im Radio, in der er den Vertragsbruch verurteilte und gleichzeitig klarstellte, Frankreich überlasse Straßburg nicht den Deutschen. Ministerrat und Militärführung diskutierten, die französische Armee teilweise zu mobilisieren. Eine klare Machtdemonstration blieb jedoch aus.
Britische Regierungsvertreter kritisierten den Verstoß ebenfalls, suchten jedoch eher eine diplomatische Lösung, als auf eine harte Militäraktion zu setzen. Im Bund mit Hitler hatte Mussolini in Italien schon zuvor zugesichert, sich nicht an internationalen Aktionen zu beteiligen. Keine zwei Wochen später hielt der Völkerbund den Einmarsch zwar als offizielle Vertragsverletzung fest, Sanktionen blieben jedoch aus.
Gabelung zum Zweiten Weltkrieg
"Es ist wieder ein kritischer Augenblick, aber nun muss gehandelt werden. Dem Mutigen gehört die Welt! Wer nichts wagt, der gewinnt auch nichts. (...) Alle sind ganz feierlich, aber gelassen. Es wird wieder Geschichte gemacht!", schrieb Joseph Goebbels am 2. März 1936 in sein Tagebuch. Da hatte Hitler seine führenden Reichsminister gerade über den Start der Aktion informiert.
Bewusst wählte Hitler jenen Samstag, den 7. März, aus, denn der 8. März war ein staatlicher Feiertag im Reich: der "Heldengedenktag", den "gefallenen Helden" im Ersten Weltkrieg und der Verherrlichung des Soldatentods gewidmet. Hitler sendete mit dem Einmarsch zwei klare Botschaften: Die verlorene Ehre aus dem Ersten Weltkrieg war zurückgewonnen, und Deutschland war wieder militarisiert.
Auf der Hohenzollernbrücke feierten die Menschen die Ankunft der Marschierenden. Auch in anderen Städten am Rhein wurde geklatscht, salutiert und gejubelt, wie die Presse berichtete. Nicht nur die Rheinländerinnen und Rehinländer jubelten. Eine Hamburgerin schrieb in ihr Tagebuch: "Ich war ganz überwältigt von dem Geschehen dieser Stunde, beglückt vom Einmarsch unserer Soldaten, von der Größe Hitlers und der Macht seiner Sprache, der Gewalt dieses Mannes. Wir haben diese Sprache ersehnt."
In den folgenden Wochen errichteten die Wehrmachtssoldaten Garnisonen in Aachen, Trier und Saarbrücken. Die erfolgreiche Remilitarisierung des Rheinlands war eine bedeutende Wegmarke für Hitler in der Vorbereitung des Deutschen Reiches auf den Zweiten Weltkrieg.
Historikerinnen und Historiker sehen im 7. März 1936 einen Schlüsselmoment in der europäischen Geschichte. Einige erkennen in dem Datum jenen letzten Zeitpunkt, an dem Nazideutschland noch hätte aufgehalten werden können. Ein historischer Moment, der zeigt, was ungeahndete Rechtsbrüche zwischen Staaten auslösen können.