Vor 90 Jahren Ein Bild und seine Geschichte: Als die Niagarafälle zu Eis erstarrten

Zugefrorene Niagara Fälle im Fälle im Jahr  1936
Lange Eiszapfen hängen an Ende Januar 1936 von den American Falls, die mit den Horsehoe Falls und den Bridal Veil Falls die Niagarafälle bilden
© Keystone-France / Getty Images
Ende Januar 1936 ließ eine Kältewelle über Nordamerika die berühmten Niagarafälle gefrieren. Ein Naturspektakel, das zahlreiche Schaulustige auf die Eisflächen lockte

Hier liegt Eis in der Luft: Wie Zuckerguss sehen die gefrorenen Niagarafälle an der amerikanisch-kanadischen Grenze aus. Dort, wo so sonst tosende Wassermassen gut 50 Meter in die Tiefe rauschen, steht nun, Ende Januar 1936, alles still. Eine extreme Kältewelle lässt den Wasserfall des Niagara-Flusses zwischen dem Staat New York und der Provinz Ontario erstarren.

Das Naturschauspiel zieht ungezählte Schaulustige an: Oberhalb der American Falls – eines der drei Wasserfälle, die zusammen die Niagarafälle sind – stapfen sie durch Eis und Schnee bis dicht an die Abrisskante. Und am unteren Becken staunen sie über die gigantischen Eiszapfen, die in langen Säulen herabhängen. Die noch größeren Horsehoe Falls auf kanadischem Territorium dagegen sind nicht komplett zugefroren: Hier bahnen sich weiter kleine Rinnsale einen Weg durch die Eismassen.

Bei den Niagarafällen herrschen Temperaturen von minus 28,9 Grad

Der Winter 1935/36 gehört in Nordamerika zu den extremsten seit der Wetteraufzeichnung. Bereits die Monate November und Dezember 1935 waren im Norden des Kontinents überdurchschnittlich kalt. Ende Januar 1936 stürzen die Temperaturen jedoch weiter: Die Wetterstation Rocherster im US-Bundesstaat New York misst am 27. Januar eine Tiefsttemperatur von fast minus 19 Grad Celsius. Außergewöhnlich ist auch die Dauer der Kältewelle: Bei Parshall, North Dakota, fallen die Temperaturen am 15. Februar auf unter minus 50 Grad; ähnlich kalt ist es in McIntosh, South Dakota. Und in Buffalo, 30 Kilometer südlich der Niagarafälle gelegen, zeigt das Thermometer am 19. Februar minus 15,6 Grad an. Erst Ende Februar steigen die Werte wieder deutlich.

Die extreme Wetterlage lässt nicht nur die Niagarafälle gefrieren und sorgt für spektakuläre Winterfotografien, sondern hat dramatische Folgen: Nach Schätzungen sterben aufgrund der Kältewelle in Nordamerika 500 Menschen, vor allem in Ohio, Pennsylvania und Illinois.

Nicht zum ersten Mal sind die Niagarafälle 1936 in Schockstarre: Ende März 1848 schob ein Sturm auf dem flussaufwärts gelegenen Eriesee Eisschollen zu einem Damm zusammen, der den Niagara River blockierte. Die Folge: Das Flussbett wurde trockengelegt, die Wasserfälle verstummten. 

Zugefrorene Niagara Fälle im Winter 1936
Mehrere Wochen lang sind die American Falls im Januar und Februar 1936 von Eis und Schnee bedeckt
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Genau wie 1936 froren die 250 Meter breiten American Falls auch 1909 und 1912 zu. Dabei bildete sich am Fuß der Wasserfälle eine Eisbrücke, die Anwohner und Schaulustige als Grenzübergang zwischen den USA und Kanada nutzten. 1912 kam es jedoch zur Katastrophe: Die Eisdecke brach, eine große Scholle löste sich – und riss drei Menschen in den Tod. Nach dem Unglück untersagten die Behörden das Betreten der Eisbrücke.

Seit 1964 ist ein komplettes Einfrieren der American Falls praktisch unmöglich: Um zu verhindern, dass Eis vom Eriesee den Niagara-Fluss hinunter treibt und etwa Brücken beschädigt, installierten kanadische Behörden den "Ice Boom": eine 2,7 Kilometer lange Barriere aus schwimmenden Stahlpontons zwischen den Städten Fort Erie und Buffalo, die das Eis zurückhält.