Vulkankatastrophe Mit Medizin-Set auf der Flucht: Was neue Forschungen über Pompejis Opfer verraten

Blick auf Überreste von Pompeji
Die Überreste von Pompeji: Schätzungen zufolge lebten 20.000 Menschen in der Stadt, als im Jahr 79 n. Chr. der Vesuv ausbrach und sie zerstörte
© HGEsch Photography, aus dem Bildband "Pompeji – Der architektonische Blick"
Zum ersten Mal konnten Wissenschaftler in Pompeji einem der Opfer des Vulkanausbruchs seinen Beruf zuordnen: Ein Arzt trug auf der Flucht chirurgische Instrumente bei sich

Rund 1300 Opfer des Vesuvausbruchs haben Forschende in den Ruinen der antiken Stadt Pompeji bislang gefunden. Doch wer waren diese Menschen? In manchen Fällen verraten DNA-Analysen Alter und Familienkonstellationen. Auch die Fundorte der sterblichen Überreste können Informationen preisgeben – etwa, wenn es sich dabei um die Kammer eines Sklaven handelt. Und schließlich die Dinge, die die Einwohner Pompejis auf der Flucht bei sich trugen: Schmuck, Geld und andere Habseligkeiten. Nun ist es Forschenden erstmals gelungen, allein von den Gegenständen, die eines der Vulkanopfer am Körper trug, auf dessen Beruf zu schließen.

Wollte Pompejis Arzt den Vulkanopfern helfen?

Gipsabguss eines Mannes
Dieser Mann war vermutlich ein Arzt: Auf der Flucht hatte er chirurgische Instrumente bei sich. Er wurde unter einer meterhohen Ascheschicht begraben
© Parco Archeologico di Pompei

Bei Untersuchungen an Materialien in den Depots des Archäologischen Parks Pompeji stießen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Inneren eines Vulkanopfer-Gipsabgusses auf einen kleinen Behälter. Offenbar handelt es sich um die Ausrüstung eines Arztes: Der Mann trug ein Kästchen mit Metallteilen bei sich, dazu eine Stofftasche mit Bronze- und Silbermünzen und mehrere Instrumente, die zu einem medizinischen Set passen, schreiben die Forschenden um Gabriel Zuchtriegel, Direktor des Archäologischen Parks, im E-Journal "Scavi di Pompei".

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Röntgen- und Tomografieuntersuchungen zeigen zudem, dass der Behälter eine Schieferplatte enthält, die zur Herstellung medizinischer Substanzen diente, sowie weitere Metallinstrumente, die die Forschenden als chirurgische Werkzeuge deuten. Hat der Arzt seine Gerätschaften auf der Flucht vor dem Vulkanausbruch im Jahr 79 n. Chr. eilig eingepackt, um anderen Menschen in dieser Katastrophe zu helfen? Immerhin muss es in der Stadt zahlreiche Verletzte gegeben haben, die etwa von herabstürzenden Bimssteinen getroffen wurden. Oder ging es dem Mann schlicht um sein künftiges Berufsleben anderswo? Beides scheint möglich, schreiben die an der Untersuchung beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Fest steht: Entdeckt wurde der Arzt 1961 gemeinsam mit 13 weiteren Personen, darunter auch Kindern, im "Garten der Flüchtenden" im Südosten Pompejis. Die Gruppe hatte auf der Flucht fast eines der Stadttore erreicht, als eine rasend schnelle pyroklastische Welle aus Vulkanasche und Glut sie in einem Weingarten erfasste und in den Tod riss. Sie alle, auch der Arzt, erstickten oder erlitten einen Hitzeschock – genau wie alle anderen Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Stadt befanden. Sie wurden unter einer meterhohen Ascheschicht begraben.

Die Gegenstände des Arztes sind nicht die einzigen Hinweise auf Mediziner in Pompeji. Im "Haus des Chirurgen" im Nordwesten der Stadt haben Forschende bei Grabungen im 20. Jahrhundert mehr als 40 medizinische Instrumente gefunden, darunter Sonden und Skalpelle.

mop