Die Kernkraft ist eine faszinierende Energiequelle. Selbst abgeschaltet erzeugt sie noch zuverlässig gesellschaftliche Hitze, setzt heftige Emotionen frei, hält ein Land unter Spannung. Ein Perpetuum mobile in der deutschen Debattenlandschaft.
An den Argumenten pro und contra hat sich seit Jahrzehnten wenig geändert. Pro: Kernkraft produziert wenig Treibhausgase und liefert konstant Energie. Contra: Sie ist teuer und ihr Müll ein ungelöstes Problem. Umstritten ist, wie sicher Kernkraft ist, und ob sie das Energiesystem stabiler macht. Doch obwohl die Argumente stagnieren, löst die Kernkraft mit beeindruckender Regelmäßigkeit Debatten in Deutschland aus. Auch nun schon wieder.
Was ist passiert? Die US-Atomaufsichtsbehörde hat dem von Bill Gates gegründeten Energieunternehmen Terrapower grünes Licht dafür gegeben, seinen ersten kommerziellen Mini-Reaktor zu bauen (ob es diesen in den 2030er-Jahren in Betrieb nehmen darf, ist hingegen noch nicht entschieden). Wenige Tage später präsentierte die EU-Kommission einen Plan, um solche Mini-Reaktoren zu fördern.
Die äußeren Reize triggerten zuverlässig die pawlowsche Konditionierung deutscher Politiker: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach sich gleich für ein Pilotprojekt in Bayern aus, Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) widersprach umgehend.
Mini-Kraftwerke, in der Fachsprache "Small modular reactors" (SMR), sind seit Jahren die Hoffnungsträger der Atomindustrie. Während gängige Kernkraftwerke eine Leistung um die 1000 Megawatt erreichen, sollen SMR höchstens 300 Megawatt produzieren.
Die technische Definition verschleiert, dass unter dem Schlagwort SMR ganz unterschiedliche Konzepte firmieren. Dadurch vermischen sich schnell die Hoffnungen, die auf SMR projiziert werden. So behauptet Söder, diese könnten eine Kernkraft ohne die bekannten Gefahren ermöglichen, die zudem Atommüll als Brennstoff nutze. Doch die Vorstellung ist irreführend, dass SMR in Bälde die (Technik der) Kernkraft neu erfinden würde.
Der Eindruck entsteht, weil mit dem Hype um SMR auch solche Ideen einen erneuten Anlauf versuchen, die zwar jahrzehntealt sind, ihr Potenzial bislang aber nicht beweisen konnten. Darunter auch die faszinierende Vision, aus Atommüll neuen Brennstoff zu machen. Doch in der Praxis drohen SMR sogar mehr Müll zu erschaffen als große Reaktoren.
Ebenfalls mehr Vision als konkretes Versprechen ist die Vorstellung inhärent sicherer Reaktoren. Auch diese grandiosen Ideen haben sich noch nicht der Widerspenstigkeit der Wirklichkeit gestellt.
Die bisher konkret geplanten Mini-Kernkraftwerke beruhen meist auf recht konventionellen Konzepten: Bis auf wenige Änderungen handelt es sich um gängige Kernkraftwerke in reduziertem Maßstab. Dass sie Aufregung auslösen, liegt zuerst und vor allem an ökonomischen Versprechen.
SMR sollen die zwei wirtschaftlich größten Probleme der Kernkraft lösen: dass niemand mehr in sie investieren will und dass der Strom viel teurer ist als aus anderen Energiequellen.
Der Bau gängiger Reaktoren ist derart kostspielig, dass ihn heutzutage kein Unternehmen mehr allein stemmen kann, ohne Gefahr zu laufen, sich zu ruinieren. Die Kernkraft leidet darunter, dass kaum mehr jemand in sie investieren will. Kleinere, bezahlbare Reaktoren sollen private Investoren dazu verlocken, wieder Geld in den Bau von Kraftwerken zu stecken.
Allerdings verschärft dies zunächst das andere finanzielle Problem der Kernkraft: den zu hohen Preis des Stroms. Da gewisse Kosten bei Planung und Bau fix sind, egal wie groß der Reaktor wird, war es in den vergangenen Jahrzehnten wirtschaftlicher, möglichst große Reaktoren zu bauen, um die Fixkosten auf mehr produzierten Strom zu verteilen. Im Wettbewerb gegen ihre großen Brüder starten Mini-Kernkraftwerke also zunächst mit einem Nachteil.
Kompensiert werden soll dies unter anderem durch das folgende Argument: Weil bei kleinen Reaktoren vermutlich weniger oder zumindest weniger schlimme Unfälle passieren, ließen sich kostspielige Sicherheitsstrukturen einsparen. Ob diese Wette allerdings aufgeht, müsste sich noch zeigen, beziehungsweise es ist fraglich, welches Restrisiko bleibt und welche Sicherheitsauflagen die Gesellschaft bereit ist zu streichen.
Erst das dritte Argument liefert die eigentliche Innovation der SMR. Die Baukosten von Kernkraftwerken uferten zuletzt aus, weil jedes ein Unikat ist. Die Hoffnung der SMR-Unternehmen: Indem die Reaktoren am Fließband in Fabriken entstehen, sinken die Kosten pro Werk. Durch die Serienfertigung sollen SMR nicht nur ihren Startnachteil gegenüber ihren großen Brüdern ausgleichen, sondern diese derart übertrumpfen, dass die kleinen Reaktoren mit anderen, bislang wesentlich wirtschaftlicheren Energiequellen mithalten können, etwa Sonne, Wind, Gas, Kohle oder Wasser.
Ob SMR ein Erfolgsmodell werden können, läuft daher auf eine Frage hinaus: Wie steil wird die Lernkurve bei ihrer Herstellung sein, wie stark lassen sich durch Serienfertigung die Produktionskosten reduzieren? Während SMR-Unternehmen hier enormes Potenzial sehen, verweisen Kritiker darauf, dass Einsparungen wohl erst bei Tausenden SMR spürbar werden – fraglich, ob es derart viele Vorbestellungen geben wird.
Wenig optimistisch stimmen die bisherigen SMR-Projekte. Das Unternehmen NuScale sagte sein Projekt noch vor Baubeginn ab, als die Kosten absehbar aus dem Ruder liefen. China wiederum hat mit Linglong One den ersten SMR erschaffen, doch plagt sich dieser offenbar mit allerlei Problemen herum.
Das spricht nicht gegen SMR generell: Solche Rückschläge sind normal bei der Entwicklung neuer Technologien. Es zeigt aber: SMR werden wohl kaum in der nahen Zukunft Strom in unser Energiesystem einspeisen. Zur Diskussion steht, ob der Staat Fördermittel in ihre Entwicklung und Erprobung stecken soll, mit weit offenerem Ausgang, als es die Kernindustrie suggeriert.
Sollten SMR die technischen Hürden meistern, wird es für sie einen Markt geben. Allerdings werden sie vermutlich nicht die bestehenden Energiequellen aus dem Markt drängen (einschließlich der größeren Reaktoren), sondern spezifische Nischen bedienen, etwa für Industrien in abgelegenen Landschaften, kleinere Energiemärkte oder zur Produktion hoher Prozesswärme für die Industrie.
SMR verändern also absehbar wenig an den bisher bestehenden Pro- und Contra-Argumenten zur Kernkraft. Doch dass sich an den Argumenten nichts änderte, hielt die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten auch nicht davon ab, die Debatte eins ums andere Mal wieder zu führen.