Bis 2030 Die USA wollen einen Kernreaktor auf dem Mond, doch es geht nicht nur um Energie

Energieinfrastruktur auf dem Mond
Auf Illustrationen des geplanten Kernreaktors auf dem Mond sind vor allem große Radiatoren zu sehen, die die entstehende Abwärme in den Weltraum abführen sollen
© NASA
Bis 2030 möchte die NASA einen Kernreaktor auf dem Erdtrabanten bauen. Doch was soll er dort, wo vorerst keine Menschen wohnen werden?

Claims abstecken ist Teil der DNA der USA. Stück für Stück teilten sich Siedler im 19. Jahrhundert das angebliche Niemandsland im Westen des Kontinents auf. Sollten doch mal Indigene das Land für sich beanspruchen, wurden sie vertrieben oder ermordet.

Mittlerweile ist Nordamerika vollständig aufgeteilt, doch die Sehnsucht, neues Land zu beanspruchen, ist wohl noch nicht erloschen. Das nächste Ziel der USA: der Mond. Als Wohnort ist er zwar nicht ganz so attraktiv, doch ließe sich dort womöglich Bergbau betreiben. Zudem würde es die eigene Überlegenheit gegenüber all den auf der Erde Zurückgebliebenen demonstrieren. 

Damit sind wir bei der jüngsten Verkündung der NASA, bis 2030 einen Kernreaktor auf dem Mond bauen zu wollen. Und das, obwohl dort so schnell wohl kein Monddorf entstehen wird. Wen also soll der Reaktor mit Energie versorgen?

Doch das scheint die falsche Frage zu sein. Denn das Projekt lässt sich nur in einem größeren politischen Kontext verstehen.  

Pläne für eine nukleare Energieversorgung auf dem Mond existieren schon länger. Sollten eines Tages dort Menschen leben oder autonome Maschinen arbeiten, müssten diese ihre benötigte Energie vor Ort gewinnen. Herausfordernd wird das durch die langen Mondnächte: Sie dauern 14 Erdtage an. In dieser Zeit sind Solarpaneele nutzlos, und Batterien, die Strom für derart lange Zeiträume speichern, lassen sich kaum auf den Mond transportieren. Entsprechend plausibel sind die Pläne der NASA, den Energiebedarf per Kernreaktor zu stillen. 

Kernkraft hat im Weltraum eine Zukunft

Solch einen hat sie sogar schon gebaut und erprobt, wenn auch noch nicht auf dem Mond. Er trägt den verniedlichenden Namen "Krusty": Kilopower Reactor Using Stirling Technology. Getestet wurde er 2017/2018 in Nevada. Die künstliche Spaltung von Uran 235 setzte in Krusty Wärme frei, die einen Stirlingmotor antrieb, der daraus Strom gewann. 28 Kilogramm Uran benötigte Krusty, um ein Kilowatt zu erzeugen. 

Das Kilopower Experiment in einem Hangar der NASA
Das Kilopower-Experiment "Krusty" soll 2018 seine Sicherheit demonstriert haben. Dennoch ist fraglich, ob ein ungleich größeres Exemplar des Kernreaktors im schwächeren Schwerefeld des Mondes sich ebenfalls selbst regulieren kann
© NASA

Solch ein Kernreaktor könnte im größeren Stil eine Mondbasis, könnte Wohneinheiten und Labore versorgen, aber auch Bergbau ermöglichen. Zudem können Kernreaktoren auch Raumsonden zu entlegenen Ecken des Sonnensystems antreiben, wo die Leuchtkraft der Sonne nicht mehr ausreicht, um die Sonde per Solarpaneelen mit Energie zu versorgen. 

Der Mini-Reaktor Krusty unterschied sich in einigen Punkten von den Kernkraftwerken auf der Erde. Krusty war nicht auf Effizienz und Leistung getrimmt, das System sollte simpel und – laut NASA – inhärent sicher sein, indem es sein größtes Problem zu einem Vorteil umwandelte. Denn die Hauptgefahr von Kernreaktoren im Weltraum ist, dass sie ihre enorme Abwärme nicht loswerden. Wenn Atome zerfallen, wird Wärme freigesetzt, sie ließ damals auch den Reaktor in Tschernobyl hochgehen. Da im Weltraum keine Umgebungsluft die Wärme abtransportiert, heizen sich die Reaktoren immer weiter auf. Riesige Radiatoren sind nötig, die die Abwärme als Wärmestrahlung abführen. Doch wenn dies nicht wie geplant funktioniert, droht eine Überhitzung. 

Energie für 80 Haushalte, aber kein Haus in der Nähe

Durch sein spezielles Design soll sich der Urankern von Krusty durch die Wärme jedoch so vergrößern, dass dies die Kettenreaktion drosselt. Weniger Wärme entsteht, das System reguliert sich selbst. So weit die Theorie, die sich zumindest beim ersten Testlauf in Nevada bewährte. 

Als nächster Schritt sollte nach einer optimistischen Planung in der erste Hälften der 2030er-Jahre eine 40-Kilowatt-Anlage auf dem Mond entstehen. Technisch galt das als realistisch. Doch dann kam die Trump-Administration und machte Druck. Und so ist der Plan, den der neue NASA-Administrator Jared Isaacman in dieser Woche bestätigte, wesentlich ambitionierter, wenn nicht absurd: Bereits 2030 soll der Reaktor fertig sein, und statt 40 Kilowatt soll er sogar 100 Kilowatt groß werden, womit sich etwa 80 US-amerikanische Haushalte mit Energie versorgen ließen. 

Dieses NASA-Projekt namens "Fission Surface Power" wirkt umso unrealistischer, als sich der Mond für die NASA zurzeit als schwieriges Gelände erweist: Die geplante Landung von Menschen, für 2024 geplant, wurde auf frühestens 2028 verschoben. 

Paradox war auch, dass die Trump-Administration die NASA kaputtsparen wollte: Das Budget für wissenschaftliche Programme sollte um 47 Prozent sinken, viele, teils hocherfahrene Mitarbeitende haben die Weltraumbehörde bereits verlassen. Zum Glück stellte sich der Kongress gegen Trumps Pläne, er bewilligte der NASA kürzlich ein Budget, das nur leicht unter dem des Vorjahres liegt. 

Dennoch stehen teils bedeutsame Wissenschaftsprogramme auf der Kippe. So wurde die Mission Mars Sample Return abgesagt, bei der jene Proben, die der Marsrover Perseveirance zurzeit fleißig sammelt, zur Erde gebracht werden sollten. Auch die Klimaforschung der NASA ist weiterhin bedroht. Denn die Administration macht klar, dass sie eine Neuausrichtung im Weltraum will: weg von der Grundlagenforschung, hin zu wirtschaftlicher Ausbeutung.

China gibt das Tempo vor

Da die NASA eine Bundesbehörde ist, war der Einfluss der Politik schon immer hoch. Doch zwischenzeitlich nahm dies groteske Züge an, als Sean Duffy interimsmäßig Administrator wurde. Eigentlich ist er unter Trump Verkehrsminister der USA. Duffy hatte keine Erfahrung in der Wissenschaft, vor seiner Politikerkarriere war er Fox-Business-Moderator. 

Immerhin erhielt die NASA im Dezember mit Jared Isaacman einen neuen vielversprechenden Administrator. Es bleibt spannend, wie er die NASA ausrichten wird, inwiefern er sich an die Vorgaben der Trump-Regierung hält oder doch eigene Schwerpunkte wagt. Dass er nun den Plan zum Mondreaktor bestätigte, lässt allerdings Ersteres vermuten. 

Im Dezember wurde Jared Isaacman der neue Administrator der NASA. Isaacman wurde als Unternehmer reich und nutzte dann sein Vermögen, um zweimal in den Weltraum zu fliegen. Er unternahm dabei den ersten nichtstaatlichen Weltraumausstieg. Damit bringt er durchaus mehr Expertise ins Amt als manche seiner Vorgänger*innen
Im Dezember wurde Jared Isaacman der neue Administrator der NASA. Isaacman wurde als Unternehmer reich und nutzte dann sein Vermögen, um zweimal in den Weltraum zu fliegen. Er unternahm dabei den ersten nichtstaatlichen Weltraumausstieg. Damit bringt er durchaus mehr Expertise ins Amt als manche seiner Vorgänger*innen
© Bill Ingalls / NASA

Generell ist der Plan politisch einzuordnen. Er ist eine direkte Reaktion auf China, von dem bereits 2024 bekannt wurde, dass es eine Mondstation in den 2030ern bauen will. Auch für deren Energieversorgung setzt China auf Kernkraft, bei der Entwicklung des Reaktors soll Russland helfen. Die USA ziehen daher nach, wollen auch Präsenz auf der Mondoberfläche zeigen, auch wenn ihre Pläne für einen Kernreaktor schlechter in ein Gesamtkonzept eingebunden sind als in China. 

Jahrzehntelang hatten die USA zumindest symbolisch die Hoheit über den Mond, hat das Land es doch als einziges geschafft, Menschen hinzubringen. Doch China holt auf, und das in beeindruckendem Tempo. Zuletzt landete die Sonde Chang ´e 6 auf der schwerer zu erreichenden erdabgewandten Seite des Mondes und brachte von dort Bodenproben zurück. Kontinuierlich baut China seine Fähigkeiten im Weltraum aus und hält dabei seine Zeitpläne weitaus besser ein als die USA. In der nächsten Mission will China unter anderem 3D-Druck auf dem Mond erproben, als Zwischenschritt für den Bau einer Mondstation. Zwar sind auch diese Pläne hochambitioniert. Aber aufgrund der Kontinuität der bisherigen Erfolge sollten sie ernst genommen werden. 

Ein Modell einer chinesischen Mondstation
China plant, in den 2030ern eine erste kleine Mondbasis aufzubauen, die danach kontinuierlich vergrößert werden könnte
© Liu Huaiyu / CFOTO / Future Publishing / Getty Images

Sollten tatsächlich Ende des Jahrzehnts Taikonauten – so heißen die chinesischen Astronauten – den Erdtrabanten betreten, wird sich der Konkurrenzkampf zwischen den USA und China zuspitzen, und vor allem die Frage: Wem gehört der Mond – oder zumindest Teile von ihm?

Der Weltraumvertrag von 1967 scheint dies eigentlich geregelt zu haben: Der Weltraum – und mit ihm der Mond – gehöre der gesamten Menschheit. Daraus leiten viele Juristen ab, dass niemand Grundstücke auf dem Mond für sich beanspruchen kann, noch im Alleingang dort Rohstoffe schürfen darf. Eine Sicht, die die USA nicht akzeptieren wollen, obwohl sie den Vertrag selbst ratifiziert haben. 

Wie lässt sich Weltraumrecht umgehen?

Alle Versuche, diese Frage durch neue internationale Verträge zu klären und das Weltraumrecht an die Anforderungen der heutigen Raumfahrt anzupassen, sind gescheitert, es ließ sich kein internationaler Konsens finden. In Trumps erster Amtszeit gingen die USA daher einen anderen Weg: Sie begannen, mit anderen Staaten bilateral Vereinbarungen abzuschließen, die Artemis Accords. Darin erkennen die Staaten den Standpunkt der USA an, dass ein Abbau von Rohstoffen auf dem Mond nicht dem Verbot im Weltraumvertrag widerspricht, sich national Himmelskörper anzueignen. Im Gegenzug sollen die Staaten wohl selbst davon profitieren. Kritiker sagen, dass diese Regeln dem Weltraumvertrag sehr wohl widersprechen. 

Wie heikel diese Vereinbarungen sind, zeigt sich beispielsweise daran, dass Deutschland sie zwar 2023 unterschrieb, in einer Zusatzerklärung aber betonte, dies sei nur eine "unverbindliche politische Erklärung", und Deutschland werde nur tun, was sich mit dem Völkerrecht decke. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die man nicht extra betonen müsste – außer man ist sich unsicher, ob die Zusammenarbeit mit den USA nicht doch gegen Völkerrecht verstößt.

Lunar Gateway im Orbit
Der Lunar Gateway sollte der Nachfolger der Internationalen Raumstation werden, nur mit dem Unterschied, dass er um den Mond statt um die Erde kreist. Die Trump-Administration wollte das Projekt absagen, der Kongress hat jedoch dafür Gelder freigegeben. Dennoch ist seine Zukunft nicht sicher
© NASA

Augenscheinlich wollen die USA durch die bilateralen Vereinbarungen andere Länder an sich binden, um im Fall eines Verstoßes gegen den Weltraumvertrag den eigenen Hegemonialanspruch auf internationaler Bühne durchzusetzen.

Ganz ähnlich geht auch China vor. Nicht zufällig taufte es seine geplante Dauerunterkunft auf dem Trabanten die "Internationale Mondforschungsstation" (ILRS). Neben Russland will China mit weiteren Ländern zusammenarbeiten und sie an sich binden. Eine neue Blockbildung ist im Gange. 

Was der eigentliche Sinn des Reaktors sein könnte

Dieser Wettlauf erklärt, warum die USA ausgerechnet einen Kernreaktor auf dem Mond bauen wollen, obwohl sie die Energiequelle noch gar nicht brauchen. Es geht darum, Präsenz zu zeigen, die eigene Vormachtstellung im Weltraum. Doch vermutlich geht es noch weit über Symbolpolitik hinaus. 

Der Kernreaktor, so die Befürchtung, könnte ein Trick sein. Denn es lässt sich gut argumentieren, dass um einen solchen Reaktor herum eine Sperrzone errichtet werden muss, schließlich ist ein Reaktor auch auf dem Mond ein gefährdetes und gefährliches Objekt. Doch platziert man Reaktoren in wichtigen, rohstoffreichen Gebieten, ließe sich so durch die Hintertür ein Alleinnutzungsanspruch durchsetzen, da aus angeblichen Sicherheitsgründen kein Angehöriger eines anderen Staats die Zone rund um den Reaktor betreten dürfte. 

Ob der Reaktor wirklich 2030 seinen Betrieb aufnehmen wird, ist zweifelhaft. Sollte es aber durch eine enorme Kraftanstrengung doch gelingen, droht der Reaktor stillzustehen. Weit und breit wird kein Mensch und keine Maschine sein, die seiner Energie bedarf.