15 Jahre nach der Atomkatastrophe in Fukushima, die Wälder, Böden und Flüsse verseuchte, wird der Kraftwerkbetreiber Tokyo Electric (Tepco) Japan erneut mit Atomstrom versorgen. In Kashiwazaki-Kariwa hat der Konzern am Mittwochabend damit begonnen, das weltweit größte Atomkraftwerk wieder ans Netz zu bringen.
Wegen eines Fehlers wurde der Neustart des japanischen Atomkraftwerks Kashiwazaki-Kariwa allerdings nach Angaben des Betreibers bereits wenige Stunden nach Start der Wiederinbetriebnahme wieder unterbrochen.
Der Grund: Ein "Alarm des Überwachungssystems" sei ausgelöst worden, vermeldete am Donnerstagmorgen ein Sprecher des AKW-Betreibers Tepco. Die Arbeiten seien derzeit ausgesetzt. Der Reaktor sei aber "stabil" und es gebe keine radioaktive Strahlung außerhalb des Kraftwerks. Derzeit ist noch nicht klar, wann der Betrieb wieder aufgenommen werde.
Genehmigung der Wiederinbetriebnahme Ende 2025
Das Parlament der Präfektur Niigata hatte die Wiederinbetriebnahme des Atomkraftwerks Kashiwazaki-Kariwa am Japanischen Meer Ende letzten Jahres genehmigt. Nach dem Super-GAU in Fukushima im Jahr 2011 infolge eines schweren Erdbebens und gewaltigen Tsunamis waren in Japan damals alle 54 Reaktoren im Land abgeschaltet worden, einschließlich derer in Kashiwazaki-Kariwa.
Seitdem hat Japan 14 der 33 noch betriebsfähigen Atomreaktoren wieder ans Netz genommen. Zurzeit kommen wieder etwa zehn Prozent des japanischen Stroms aus Atomkraft. Bis 2030 soll der Anteil auf bis zu 22 Prozent steigen. Die Regierung von Ministerpräsidentin Sanae Takaichi setzt auf Atomkraft, um die Energieversorgung ihres Landes zu sichern. Der Druck ist hoch: 60 bis 70 Prozent des Stroms stammen derzeit aus importierten fossilen Brennstoffen, deren Preise seit dem Beginn des Ukraine-Krieges steigen. Die Importe befeuern seither die Inflation und schwächen damit die regierende Liberaldemokratische Partei.
Kashiwazaki-Kariwa wird nun das erste Atomkraftwerk des Betreibers Tokyo Electric Power Company (Tepco) sein – jener Konzern, der das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi betrieb. Tepco drängte seit langer Zeit darauf, eigene Atomreaktoren wieder hochfahren zu dürfen, um die hohen Importkosten für ersatzweise betriebene Wärmekraftwerke zu senken.
Politik steht hinter Atomenergie
Auch die Präfektur Niigata hofft wirtschaftlich von Subventionen und Steuereinnahmen durch das Kraftwerk zu profitieren. Trotz der Aussicht auf neue Arbeitsplätze und sinkende Strompreise bleibt die Inbetriebnahme im Parlament jedoch umstritten. Ein Oppositionsabgeordneter sprach von einer "politischen Einigung, die den Willen der Bevölkerung von Niigata ignoriert".
Im Vorfeld der erneuten Inbetriebnahme des Atomkraftwerks hatten Menschen mit Demonstrationen ihrem Unmut Luft gemacht. Viele Japanerinnen und Japaner hegen Zweifel am Urteil der japanischen Atomaufsicht. Nach Angaben der Behörde erfüllte Tepco die nach Fukushima verschärften Sicherheitsauflagen. 2017 erklärte sie die Reaktoren 6 und 7 in Kashiwazaki-Kariwa für sicher.
Das Misstrauen der Bevölkerung nach den Erlebnissen in Fukushima sitzt tief. Über 150 000 Menschen verloren ihr Zuhause, ihre Gemeinschaften und ihre berufliche Existenz. Die Kontamination der Region zerstörte Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus. Die Entsorgungsarbeiten nach der Katastrophe werden voraussichtlich noch bis nach 2050 andauern. Etwa 93 Milliarden Euro kostete das Tepco bereits. Seit Jahren verzeichnet das Unternehmen deshalb eine negative Bilanz.
Der Neustart in Niigata ist also entscheidend für die wirtschaftliche Stabilität des Konzerns. Die Wiederinbetriebnahme eines Reaktors könnte den Jahreshaushalt um rund 579 Millionen Euro entlasten.