100. Geburtstag Andrej Moiseenko überlebte Zwangsarbeit und KZ – doch die Lebensfreude ist geblieben

Andrej Iwanowitsch Moiseenko lacht laut mit offnem Mund
Andrej Moiseenko ist einer der letzten Überlebenden des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald. Heute lebt er in Minsk und wird am 1. Mai 2026 100 Jahre alt. Dieses Jubiläum feiert er in Deutschland - ohne Verbitterung 
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Andrej Moiseenko, einer der letzten lebenden Überlebenden von Buchenwald, verlor fast alles – nur die Freude am Leben konnte ihm keiner nehmen. Nun zelebriert er seinen 100. Geburtstag

Andrej Iwanowitsch Moiseenko ist ein zugewandter Mann. Er redet gerne und lacht viel. Wer ihn trifft, mag erstaunt sein, dass dieser aufgeweckte Mann am 1. Mai 100 wird. Und was mit noch mehr Erstaunen zurücklassen dürfte: Dass dieser Mann die Abgründe der Menschheit überlebt hat und zu einem lebensfrohen Menschen ohne Verbitterung werden konnte. 

Wenige Tage nach dem Gespräch mit dpa kehrt er zum Ort seiner biografischen Zäsur zurück - wie jedes Jahr seit einiger Zeit. In der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar nimmt er, der in Minsk lebt, als einer von zwei Überlebenden an der Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers vor 81 Jahren teil. 

100. Geburtstag: Andrej Moiseenko überlebte Zwangsarbeit und KZ – doch die Lebensfreude ist geblieben

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"Ich kann mich an Gedenkfeiern erinnern mit deutlich mehr Überlebenden", sagt Moiseenko. "Eigentlich gibt es fast keine mehr." Es falle ihm nicht schwer, jedes Jahr zurückzukommen. Die Gedenkfeiern seien für ihn immer mit vielen Möglichkeiten verbunden, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Er spreche dann mit Schülerinnen und Schülern bei Vorträgen und Filmvorführungen. So lange wie möglich möchte er von seinem Schicksal berichten. "Ich bin dankbar, dass es Leute gibt, die sich für meine Geschichte interessieren." Lange Zeit in seinem Leben habe er mit niemandem darüber gesprochen. 

Die Erinnerung wachhalten

Inzwischen sei ihm bewusst, wie bedeutend seine Arbeit als Zeitzeuge ist: "Manche Menschen können es sich überhaupt nicht vorstellen, manche wollen es sich vielleicht auch nicht vorstellen, dass das wirklich wahr ist, was die SS-Leute damals in den Lagern gemacht haben. Ich kann es aber bezeugen."  Beim Gespräch übersetzt Moiseenkos Freund Hannes Farlock. Als dieser in den Raum kommt, zeigt sich, wie wach und wendig Moiseenko noch ist. Kaum erblickt er seinen Freund, springt er regelrecht auf und läuft ihm schnellen Schrittes entgegen. Beim Sprechen gestikuliert er, spitzt die Ohren, um die auf Deutsch gestellten Fragen zu verstehen. Seit einiger Zeit lernt er die Sprache.

Farlock hat über Moiseenko einen Dokumentarfilm gedreht, gerade arbeitet er an dem nächsten Filmprojekt mit ihm. Solche Filme, aber auch Berichte über ihn, würden die Erinnerung an Schrecken der NS-Zeit wachhalten, meint Moiseenko. Auch dann, wenn er selbst nicht mehr davon berichten könne.

Zwangsarbeit und Konzentrationslager 

Geboren wurde Moiseenko 1926 in der Sowjetunion auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Seine Mutter verlor er früh. Sein Vater starb 1941 im Krieg. Sein Heimatort war damals von der deutschen Wehrmacht besetzt. Als er verzweifelt nach Essen für sich und seine jüngeren Geschwister suchte, wurde er im Alter von 15 Jahren zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Dort wurde er zur Arbeit beim Rüstungsbetrieb HASAG in Leipzig gezwungen. 

Weil er verdächtigt wurde, im Widerstand zu sein, wurde er schließlich ins KZ Buchenwald gebracht. Dort musste er im Steinbruch schwerste körperliche Arbeit leisten. Später wurde er im KZ-Außenlager Wansleben verlegt, wo er zur Arbeit für die Rüstungsindustrie gezwungen wurde.  Dort wurde er gemeinsam mit anderen Insassen von amerikanischen Truppen am 14. April 1945 befreit - kurz bevor die SS seine Gruppe erschießen wollten, wie Moiseenko es in einem älteren Video auf der Website der Gedenkstätte Buchenwald beschreibt. "Bis zu unserem Tod fehlten nur noch 500 bis 800 Meter. Durch einen Zufall blieb ich am Leben."

Die Zeit nach dem Schrecken: Zurück ins Leben finden

"Das, was in Buchenwald geschehen ist, übersteigt eigentlich das menschlich Vorstellbare", sagt er im Gespräch und schildert, wie er den Großteil der Zwangsarbeiter erlebte. "Es waren Gestalten, aus denen alles Menschliche, alles Geistige, ausgelöscht wurde. Sie waren wie eine dunkle Masse, sie waren ein Schatten ihrer selbst."  

Nur wenige Monate nach seiner Befreiung wurde Moiseenko im Juli 1945 als Soldat in die Rote Armee eingezogen. Den Militärdienst leistete er in Babrujsk und Minsk ab. Er habe dort gedient, nicht gelebt, erinnert er sich an Nachkriegszeit. Nach dem Militärdienst im heutigen Belarus blieb er dort. "Ich hatte sonst keinen Platz mehr, wo ich zurückkehren konnte." 

Moiseenko begann, seine Ausbildung nachzuholen. Daneben arbeitete er noch in einem Baukombinat und einem Konstruktionsbüro. Mit viel Beachtung für Details berichtet von der Zeit seiner Schulbildung und seinem Studium: "Von 8.00 bis 17.00 Uhr musste ich arbeiten, ab 18.00 bis 22.00 Uhr musste ich lernen." Er ist bis heute Zahlen-affin. 

Nach dem Abschluss arbeitete er viele Jahre als Ingenieur. Moiseenko war an der Entwicklung von Straßenbau-Maschinen beteiligt. "Ich hatte ein sehr schweres Leben und habe nie Freizeit gehabt, entweder habe ich gearbeitet, oder studiert." 

"Die Hoffnung stirbt zuletzt"

Seine Söhne, seine Ehefrau und andere Verwandte hat er längst überlebt. "Seit 25 Jahren bin ich allein." Verbitterung ist ihm aber auch an der Stelle nicht anzuhören. Inzwischen freue er sich, über Möglichkeiten, die Welt zu bereisen. Im vergangenen Jahr war er auch für den neuen Dokumentarfilm in Japan unterwegs, wo er auch Hiroshima besuchte und sich mitgenommen von den Folgen des Atombombenwurfs der USA im August 1945 zeigte. 

Andrej Moiseenko bei der Gedenkfeier anlässlich des 81. Jahrestags der Befreiung der KZ Buchenwald
Im April 2026 nahm Moiseenko an der Gedenkfeier anlässlich des 81. Jahrestags der Befreiung der KZ Buchenwald und Mittelbau Dora teil. Der ehemalige Häftling berichtet der bis heute über seine Erfahrungen im Konzentrationslager
© bildgehege / imago images

Angst machten ihm die aktuellen Konflikte in der Welt. Dabei dürfe man aber Regierungen nicht mit der Bevölkerung gleichsetzen, sagt er. "Ich hoffe, dass unsere Nachkommen schlauer agieren als wir. Die Hoffnung stirbt zuletzt." 

Für die Welt wünsche er sich das, was aus seiner Sicht vermutlich alle möchten: "Frieden und Gerechtigkeit und dass die Menschen mit gewisser Barmherzigkeit miteinander umgehen." 

"Da bin ich der Chef, da bin ich frei"

Auf Belarus, wo er schon so lange lebt, blickt er mit Zwiespalt. Er schätze die Solidarität unter den Leuten dort. In seiner Wohnung in Minsk versuche er dennoch, so wenig wie möglich zu sein. Lieber ist er in seiner Datsche mit großem Garten weiter außerhalb, mit Wald drumherum. "Da guckt keiner, was ich so treibe, da bin ich der Chef, da bin ich frei."  Überhaupt der Garten. Der erfüllt seinen Alltag mit Aufgaben und mit Leben. Auch im hohen Alter fährt er immer noch Fahrrad. 

Mit Begeisterung zählt Moiseenko die Gemüse- und Obstsorten auf, die dort durch seiner Hände Arbeit gedeihen: Kohl, Rote Bete, Brombeeren und vieles mehr.  Auf die Frage, ob er die Gartenarbeit körperlich noch schaffe, reagiert er mit einem entspannten Lachen: "Ich arbeite zwei Stunden, dann mache ich eine Stunde Pause, dann wieder zwei Stunden Arbeit und dann wieder Pause." Vielleicht seien seine Sommer im Wald auch der Grund, dass er noch lebe, überlegt er laut. Jedem Tag und jedem Menschen begegnet er bis heute mit Neugier – ohne Vorurteile und Verbitterung. 

Und wie wird er seinen 100. Geburtstag feiern? In Weimar, wo er wie viele andere Buchenwald-Überlebende, Ehrenbürger ist, ist ein großes Fest geplant. Im Deutschen Nationaltheater soll er auf einer wie ein gemütliches Wohnzimmer hergerichteten Bühne, Freunde und Gäste begrüßen können. 

Es soll eine Würdigung des Menschen werden, heißt es von der Gedenkstätte Buchenwald und anderen Organisatoren. Mit dabei wird ein Chor sein, der Lieder aus Belarus singt und ein musikalischer Überraschungs-Act aus der Polit-Punkrock-Ecke, so Weimars Stadtverwaltung. Moiseenko habe sich einen Beitrag aus dem Bereich gewünscht.

Marie Frech, dpa