1934 trafen sich der italienische Diktator Benito Mussolini und Adolf Hitler zum ersten Mal. Hitler war für Gespräche mit dem "Duce", der damals schon fast ein Jahrzehnt an der Spitze Italiens stand, nach Venedig gekommen. Mit der Begegnung der beiden Diktatoren wurde der erste Stein für ein deutsch-italienisches Bündnis gelegt, eine Partnerschaft unter Faschisten.
Im folgenden Jahrzehnt verabredeten sich Hitler und Mussolini vielfach: Sie schlossen – manchmal geheim, manchmal öffentlich – Verträge über die deutsch-italienische Zusammenarbeit, immer mit dem Ziel, die "Achse Berlin-Rom" und damit den Faschismus in Europa zu stärken.
Von einem Treffen während des Zweiten Weltkriegs sind nun bislang unbekannte handschriftliche Notizen Mussolinis entdeckt worden. Ermittler einer Spezialeinheit der italienischen Polizei, der Carabinieri präsentierten in einem Auktionshaus in Turin fünf handgeschriebene Blätter. Über einen Vergleich mit anderen Handschriften des italienischen Diktators konnten die Carabinieri das Schriftbild auf den Dokumenten eindeutig Mussolini zuordnen. Auch das Monogramm "M", mit dem der Duce immer unterschrieb, fand sich auf einem der Notizblätter – laut italienischer Polizei ein Beweis für die Echtheit der Notizen.
Besondere historische Bedeutung
Die Dokumente kursierten bereits seit einiger Zeit auf dem Antiquitätenmarkt, vermutlich schon seit Mussolinis persönliches Archiv in den Wirren nach dem Krieg im April 1945 verschwunden war. Die Ermittler bewerten die Notizen als von "besonderer historischer Bedeutung", die fünf Papierbögen wurden deshalb dem zentralen Staatsarchiv in Rom übergeben.
Nach Angaben der Carabinieri-Spezialeinheit zum Schutz des Kulturerbes handelt es sich um Aufzeichnungen zu einem Treffen mit Hitler am 22. April 1944 im Schloss Kleßheim bei Salzburg in Österreich. Auf diesen Dokumenten sind Ausführungen zu den Themen "Streitkräfte", "Politik" und "Wirtschaft und Arbeit" notiert. Sie dürften als Vorbereitung für das Treffen der Diktatoren erstellt worden sein.
Die Blätter sind zwar undatiert, ihr Inhalt stimmt nach Angaben der Carabinieri aber mit den Themen überein, die Mussolini und seine engsten Mitarbeiter während des Treffens mit Hitler behandelten. Die Experten gehen davon aus, dass Mussolini die Notizen wahrscheinlich auch während der Konferenz verwendete.
Ein "dunkler Moment für Mussolini"
Als Mussolini am 22. April 1944 zu dem Treffen mit Hitler nach Schloss Kleßheim reiste, war er schon nicht mehr Ministerpräsident seines Landes. "Es war ein dunkler Moment für Mussolini, und die Liste ist ein wichtiger Beweis dafür", sagte Deneb Teresa Cesana, Leiterin des Regionalarchivs in Piemont und Aostatal, der britischen Zeitung "The Times".
Im Sommer 1943 waren alliierte Truppen auf Sizilien gelandet, kurz darauf endete Mussolinis Herrschaft in Italien. Während der neue italienische Ministerpräsident Marschall Pietro Badoglio mit den Alliierten über einen Waffenstillstand verhandelte, befreite eine deutsche Spezialeinheit Mussolini, zudem marschierten deutsche Wehrmachtsverbände in Norditalien ein. Danach wurde Mussolini zum Chef einer Marionettenregierung der "Italienischen Sozialrepublik" ernannt, die einen Teil Norditaliens regierte, während deutsche Truppen gegen die vorrückenden Alliierten kämpften. In dieser Lage suchte Mussolini den deutschen Verbündeten auf, auch wenn er gar nicht mehr in der Position war, Forderungen an die Deutschen zu stellen.
Die wiederentdeckten Notizen des Duces liegen der britischen Zeitung "The Times" vor: Mussolini soll sich darin über Hitlers Beharren beklagen, italienische Soldaten in Deutschland auszubilden. Darin sah der italienische Diktator die "nationale Würde" Italiens verletzt. Mussolini soll auch verärgert gewesen sein, dass die Nazis sich in die "Italienische Sozialrepublik" einmischten und in Teilen Norditaliens die Verwendung der deutschen Sprache vorschrieben. Zudem habe er Hitler um Hilfe gebeten, sein "Ansehen" in Italien wiederherzustellen.
"Die Dokumente zeigten, dass Hitler Mussolini nicht zutraute, seine eigenen Truppen auszubilden", sagte Christian Goeschel, Historiker an der Universität Manchester, der britischen Zeitung. "Hitler nahm Mussolini als massiv geschwächt wahr und mochte ihn deshalb nicht mehr." Gleichzeitig belegten die Notizen, dass Mussolini damals in der Defensive gewesen ist. Hitler hörte sich im April 1944 zwar alle Bitten des Italieners an, machte ihm aber keine Zugeständnisse. Das Treffen der Diktatoren endete ohne Ergebnis: Mussolini blieb Staatschef, war aber weiterhin von Hitlers Wohlwollen abhängig.
Noch einmal trafen sich die zwei Diktatoren im Sommer 1944. Zur Besprechung der Kriegslage kam Mussolini als geladener Gast am 20. Juli in das deutsche Militärlagezentrum "Wolfsschanze". An jenem Tag entgingen Mussolini und Hitler dem Attentat des Generalstabsoffiziers Claus Graf von Stauffenberg.
Unterstützt durch den Vormarsch der Alliierten formierte sich danach in Norditalien Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Im Frühjahr 1945 eroberte die US-Armee Oberitalien, die Wehrmacht musste fliehen. Am 28. April wurde der "Duce" nach erfolglosen Verhandlungen mit dem italienischen Widerstand auf der Flucht nach Deutschland von Partisanen erschossen.