Es ist der 11. März 1946, als sich Hanns Alexander am Ziel wähnt. Mitten in der Nacht hämmert der junge Mann in britischer Uniform auf einem Bauernhof bei Flensburg gegen das Scheunentor. Kaum öffnet der Bewohner die Tür, rammt Alexander ihm den Lauf seiner Pistole in den Mund. Ein weiterer Mann in Uniform sucht ihn nach Zyankali ab.
Hanns Alexander ist sicher: Vor ihm steht – in Schlafanzug und verwirrt aussehend – einer der meistgesuchten Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs. Rudolf Höß, der Mann, der Auschwitz zur Mordfabrik machte.
Der Verdächtige jedoch streitet vehement ab, der Gesuchte zu sein. Wie nur kann Hanns Alexander die Identität nachweisen? Als er den Mann im Schlafanzug auffordert, seinen Ehering herzugeben, erklärt dieser, der Ring stecke fest. "Macht nichts", sagt Alexander in perfektem Deutsch, "dann schneide ich dir einfach den Finger ab", und schnappt sich ein Küchenmesser. Schließlich gibt der Verdächtige den Ring doch her. Auf der Innenseite sind die Namen "Rudolf" und "Hedwig" eingraviert – "Hedwig" heißt Höß‘ Frau. Damit ist klar: Hanns Alexander hat tatsächlich den früheren Auschwitz-Kommandanten geschnappt.
Hanns Alexander meldet sich freiwillig für den Militärdienst
Es ist der größte Erfolg des Nazi-Jägers. Trotzdem blieb die Geschichte von Hanns Alexander, einem in Deutschland geborenen Juden, der in Diensten Großbritanniens Verbrecher des NS-Regimes aufspürte, lange vergessen. Das änderte sich erst, als sein Großneffe Thomas Harding eine Biografie über ihn schrieb (siehe unten). Darin zeichnet er das Bild eines Mannes, den bei seiner Jagd auf Nazis vor allem eines antrieb: Hass auf das Land, das einst seine Heimat gewesen war.
Hanns Alexander wird – gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Paul – 1917 in eine wohlhabende jüdische Familie in Berlin hineingeboren. Als die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernehmen, flüchtet die Familie nach London. 1939 melden sich die beiden Brüder freiwillig zum Militärdienst, kämpfen jedoch lassen die Briten sie nicht – zu groß ist das Misstrauen gegenüber Flüchtlingen aus Deutschland. Stattdessen heben sie in einer Pioniereinheit, dem Auxiliary Military Pionieer Corps, in Frankreich Schützengräben aus, entladen Güterzüge, bauen Straßen. Erst 1943 dürfen die Brüder an einem Offizierslehrgang teilnehmen, werden in die reguläre Armee aufgenommen und kehren nach der alliierten Landung in der Normandie nach Frankreich zurück.
Am 15. April 1945 befreien britische Truppen schließlich das Konzentrationslager Bergen-Belsen – und sind schockiert. Um die abscheulichen Kriegsverbrechen zu untersuchen, stellt die Militärführung die Spezialeinheit "Number 1 War Crimes Investigation Team" zusammen, mitsamt Hanns Alexander. Der gebürtige Deutsche erscheint als optimaler Dolmetscher. Im Mai trifft Alexander in Bergen-Belsen ein. "Leichen liefen herum, Leichen lagen herum", beschrieb er die Situation in dem Lager. "Es gab Menschen, die glaubten, noch am Leben zu sein, die es in Wirklichkeit aber nicht mehr waren." Sein Großneffe Thomas Harding ist überzeugt, dass Bergen-Belsen Hanns Alexander völlig verändert hat. "Er war nicht länger der sorglose Mann von einst. Er war von einer kaum noch kontrollierbaren Wut erfasst worden", schreibt er. Denn die meisten Opfer von Bergen-Belsen waren Juden – auch er hätte hier enden können.
Hanns Alexander: "Mein größtes Vergnügen ist es, diese SS-Typen zu jagen"
Alexander protokolliert und übersetzt die Verhöre zahlreicher KZ-Aufseher, ärgert sich maßlos darüber, dass ranghohe NS-Schergen weiter frei herumlaufen – und ihre Flucht vorbereiten. Zahlreiche Kriegsverbrecher können sich über die "Rattenlinien" etwa nach Südamerika absetzen, darunter der Auschwitz-Arzt Josef Mengele, Adolf Eichmann, der Hauptorganisator des Völkermordes an den Juden, und Klaus Barbie, der "Schlächter von Lyon".
Hanns Alexander will bald nicht mehr nur Protokolle schreiben, sondern selbst Nazis aufspüren. Eine offizielle Erlaubnis für Ermittlungen erhält er zunächst nicht, also fährt er in seiner Freizeit auf eigene Faust durchs Land, befragt Hunderte Soldaten und Zivilisten. Die Hartnäckigkeit bringt ihm eine Beförderung zum offiziellen Fahnder ein, obwohl er keinerlei Ausbildung oder Erfahrung in polizeilicher Arbeit hat. "Mein größtes Vergnügen ist es, diese SS-Typen zu jagen", schreibt er im Sommer 1945 in einem Brief.
Wenig später kann er zwei Nazis dingfest machen, einen leitenden Polizeioffizier in Hamburg und einen ehemaligen Marineoffizier. Im Dezember landet er schließlich seinen ersten großen Erfolg: Nach wochenlangen Ermittlungen gelingt es ihm, in der Nähe von Paderborn Gustav Simon aufzuspüren, den früheren NS-Verwalter von Luxemburg, verantwortlich für die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Großherzogtum.
Anfang 1946 erhält Alexander den Auftrag, einen noch prominenteren NS-Verbrecher zu finden: Rudolf Höß, den Mann, der die Gaskammern in Auschwitz errichten ließ und von 1940 bis 1943 das größte NS-Vernichtungslager leitete. Die Briten vermuten ihn bei Flensburg, observieren dessen Frau Hedwig Höß und ihre fünf Kinder, die in dem Örtchen Sankt Michaelisdonn untergekommen sind. Schließlich fangen sie einen verräterischen Brief an Hedwig Höß ab: Offenbar weiß sie, wo sich ihr Mann versteckt. Im Gefängnis in Heide nördlich von Hamburg jedoch schweigt sie.
Auch Hanns Alexander kann sie zunächst nicht zum Reden bringen. Deshalb versucht er, ihre Kinder einzuschüchtern. Er brüllt sie an, droht, die Mutter zu töten, wenn sie ihm nicht die Wahrheit sagen. Schließlich lässt er den 16-jährigen Klaus Höß ins Gefängnis schaffen. Doch Mutter und Sohn beharren darauf, nichts zu wissen, treten gar in einen Hungerstreik.
Dann setzt der Ermittler Klaus Höß als psychologisches Druckmittel ein: Als sich am Abend des 11. März eine Dampflok dem Gefängnis nähert, stürmt Alexander in Hedwig Höß‘ Zelle und verkündet, er werde ihren Sohn nach Sibirien deportieren lassen und sie werde ihn nie wieder sehen, wenn sie nicht sofort eine Aussage mache. Er händigt ihr ein Stück Papier und einen Bleistift aus. Als er zehn Minuten später die Zelle erneut betritt, kennt er Decknamen und Aufenthaltsort von Rudolf Höß. Aus Angst, ihren Sohn zu verlieren, hat Hedwig Höß ihren Mann verraten.
Noch in der gleichen Nacht bricht Alexander mit einer Kolonne britischer Soldaten ins Dorf Gottrupel westlich von Flensburg auf, sie nehmen Rudolf Höß fest – und stoßen mit Champagner und Whiskey auf den Fahndungserfolg an. Wenige Tage später legt der Gefangene ein Geständnis ab: Zum ersten Mal gibt ein Kommandant eines Konzentrationslagers Einzelheiten über den Massenmord der Nationalsozialisten preis – und dessen Dimensionen. In Auschwitz, so sagt Höß, seien drei Millionen Menschen gestorben, zweieinhalb Millionen in den Gaskammern, eine weitere halbe Million an Hunger und Krankheit. Später sagt er als Zeuge im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess aus. Höß selbst wird an Polen ausgeliefert und nach seinem Prozess 1947 gehängt – auf dem Gelände des früheren KZ Auschwitz.
Hanns Alexander dagegen kehrt nach Großbritannien zurück, heiratet, arbeitet für eine Bank, schwört sich, Deutschland nie wieder zu betreten. Der Krieg ist in seiner Familie kein Thema. "Ich wollte nicht mit den Kindern darüber sprechen, weil sie nicht hasserfüllt aufwachsen sollen. Ich bin aber hasserfüllt", sagte er später. 2006 stirbt er im Alter von 89 Jahren.