In seiner Werkstatt schraubt der Äthiopier Abel Hailegiorgis an einem Kinderollstuhl. Als letzten Schritt klebt der 35-jährige eine grün-gelb-rot-gestreiften Flagge auf den Rahmen, all seine Produkte sind "Made in Ethiopia", das soll auch zu sehen sein. Die Bauteile werden mit äthiopischem Sisal verbunden, die Lederpolster stammen aus der Werkstatt eines Freundes nebenan, selbst die Schrauben fertigt er an seiner eigenen Drehbank. Auch sein wichtigstes Material wächst direkt im Land: Bambus. Das Ziel seiner Firma Bamboo Labs: Rollstühle vor Ort und damit zu erschwinglichen Preisen herzustellen – und so den Zugang für Menschen mit Behinderung zu verbessern.
Lokale Lösung für lokale Probleme
In Äthiopien sind etwa 1,5 Millionen Menschen auf einen Rollstuhl angewiesen – durch den blutigen Konflikt im Norden des Landes werden es immer mehr. In armen Ländern haben nur 5 bis 15 Prozent der Menschen mit Mobilitätseinschränkungen Zugang zu einem Rollstuhl. Auch in Äthiopien gibt es nur eine Handvoll NGOs, die Rollstühle zur Verfügung stellen. Die größte von ihnen, Addis Guzo, verteilt im Jahr etwa 700 sorgfältig aufbereitete Stühle aus zweiter Hand, die aus der Schweiz importiert werden. Doch der Transport und Zoll kostet die Organisation über 200 Euro pro Stück, die Warteliste ist lang. Mit seinem Start-up setzt Hailegiorgis nun auf weniger Abhängigkeit: "Eine lokale Lösung für unsere lokalen Probleme", erklärt er.
Vor einigen Jahren sah Hailegiorgis einen Mann mit gelähmten Beinen, wie er in den Mittdreißigern, der über die vom Regen aufgeweichten Straßen der Hauptstadt vorankroch. Auf Hailegiorgis' Frage, wo sein Rollstuhl wäre, antworte der Mann: Rollstühle seien ein Luxus, den sich in Äthiopien nur Reiche leisten könnten. Hailegiorgis hatte gerade sein Ingenieurstudium abgeschlossen. Und beschloss: Wenn es nicht genügend Rollstühle im Land gibt, dann baut er einfach welche.
Vor fünf Jahren entwickelte Hailegiorgis einen Prototyp. Als Material entschied er sich für Bambus, der hier in Äthiopien im Überfluss wächst – fast 70 Prozent des afrikanischen Bambusbestandes findet sich im Süden des Landes. Das Holz der Pflanze ist nicht nur stabil und leicht, sondern auch ökologisch nachhaltig: Bambus wächst schnell, kommt mit wenig Wasser aus und kann bis zu viermal mehr CO₂ binden als ein vergleichbarer Baumbestand. Mithilfe der Deutschen Gesellschaft für Entwicklungszusammenarbeit (GIZ) konnte er einen Monat an der Technischen Universität München und bei einem bayrischen Bambusfahrradhersteller Techniken lernen, Bambus haltbar zu machen und Rohre miteinander zu verbinden.
Unterwegs auf Bambusrohren und drei Rädern
In seiner Werkstatt in der Hauptstadt Addis Abeba stapeln sich Bambusrohre in den Regalen, an den Wänden hängen Bambusfahrräder – ihr Verkauf soll die Rollstuhlproduktion, die soziale Mission des Start-ups, querfinanzieren. Sein Mitarbeiter Yohannes Gobena sitzt an einer Werkbank und sortiert Bauteile für Kinderfahrräder. Der 48-Jährige ist selbst auf einen Rollstuhl angewiesen, musste über drei Jahre auf sein Gefährt konventioneller Bauart warten. Umso glücklicher macht es ihn nun, Hilfsmittel für andere Menschen mit Einschränkungen herzustellen.
Viele der Rollstühle, die Hailegiorgis und sein Team hier zusammenbauen sind Dreiräder. Am vierten Rad spart er, es sind die einzigen Teile, die er aus China importieren muss – und das ist teuer. Mit dem schwachen äthiopischen Birr sind Waren auf dem Weltmarkt unbezahlbar. Der Geschäftsführer hofft, Kinderfahrräder aus Bambus in Zukunft ins Ausland zu exportieren und mit den Devisen wiederum Rollstuhlräder importieren zu können – für sein eigentliches Herzensprojekt.
Rund 100 Rollstühle hat Hailegiorgis 2025 verkauft. NGOs zahlen – je nach Ausführung – umgerechnet zwischen 80 und 140 Euro pro Stück und verteilen sie anschließend an Bedürftige. Werden größere Chargen bestellt, macht das Start-up pro Rollstuhl etwa 25 Euro Gewinn; bei Einzelaufträgen bleibt kaum noch etwas übrig. Aber der finanzielle Aspekt steht für Hailegiorgis im Hintergrund: "Wenn ich eine Mutter sehe, die ihr gehbehindertes Kind jahrelang auf dem Rücken getragen hat und es nun erstmals in einen Rollstuhl setzt – dieses Gefühl ist unbeschreiblich."