Fossilien Ur-Krokodil mit Biss: Was ein vergessener Schädel über die Evolution verrät

Illustration von  Eosphorosuchus lacrimosa und Hesperosuchus agilis
Stress unter verblüffend unterschiedlichen Verwandten: Vor 210 Millionen Jahren kämpfen zwei Exemplare der Ur-Krokodile Eosphorosuchus lacrimosa (links) und Hesperosuchus agilis (rechts) um einen Kadaver
©  Julio Lacerda
Ein neu vermessenes Fossil aus New Mexico erlaubt einen frischen Blick auf die Geschichte der Krokodile: Ihre Evolution verlief schon früh erstaunlich vielfältig

Dieses Tier hatte Biss: Sein Schädel war kurz, recht gedrungen und vor allem so stabil, dass er wahrscheinlich enormen Belastungen widerstehen konnte. Flächige Knochen boten kräftigen Kiefermuskeln Halt. Alles an dem kleinen Verwandten der Krokodile, Gaviale und Alligatoren spricht dafür, dass er auf Beißkraft spezialisiert war. Vor rund 210 Millionen Jahren streifte das Tier durch die feuchten Flussauen im heutigen US-Bundesstaat New Mexico nördlich von Albuquerque – ein wendiger Jäger, kaum größer als ein Bernhardiner, aber offenbar mit einem Kauwerkzeug ausgestattet, das für seine Sippschaft in jener Zeit ungewöhnlich war.

Und doch verschwand das Fossil aus der berühmten Fundstelle Ghost Ranch für Jahrzehnte aus dem Fokus der Wissenschaft und wurde nicht genauer untersucht.

Denn: Ein dreiviertel Jahrhundert lang lag der zerdrückte und in einem Gesteinsblock konservierte Schädel im Regal. Forschende hatten ihn nach der Ausgrabung 1948 präpariert, katalogisiert – und dennoch nie wirklich gründlich analysiert. Sie hielten ihn für den Kopf des damals bereits bekannten Kroko-Verwandten Hesperosuchus agilis. Erst eine Durchleuchtung mithilfe eines CT-Scans brachte eine neue Erkenntnis.



Per CT konnten Paläontologen den zerquetschten Schädel virtuell Schicht um Schicht zerlegen und die einzelnen Knochen am Computer zusammensetzen. Dabei traten jene Merkmale hervor, die jahrzehntelang verborgen geblieben waren: die eher kurze Schnauze, die verstärkten Schädelknochen und verblüffend kräftige Ansatzstellen für die Kiefermuskulatur. Das Tier bekam schließlich seinen neuen Namen: Eosphorosuchus lacrimosa.

Der Name passt gut zur Bedeutung des Fundes. „Eosphoros“ gilt in der griechischen Mythologie als der der Vorbote des Tages, der „Morgenbringer“. Und tatsächlich wirft das Fossil ein Licht auf einen frühen Innovationsschub, der die Vielfalt der Krokodilverwandten prägen sollte: ökologische Spezialisierung.

Vor etwa 210 Millionen Jahren, in der späten Trias, gehörte die Welt den Reptilien. Dinosaurier existierten bereits, beherrschten aber noch keineswegs die Erde. Stattdessen konkurrierten diverse Gruppen von Kriechtieren um ökologische Nischen. Die frühen Verwandten heutiger Krokodile und Alligatoren gehörten damals eher zu den agilen Räubern des Landes: Es waren zumeist keine schwerfälligen Lebewesen wie etwa heutige Leistenkrokodile, die im Wasser ausharren und auf Beute lauern, um sie dann im Handstreich zu überwältigen. Es waren vielmehr oft flinke, langbeinige Jäger, die auf Beutezug gingen.

Sie legten aber auch eine frühe Form ökologischer Arbeitsteilung an den Tag

In genau dieser Welt lebte der „Vorbote des Morgens“, Eosphorosuchus lacrimosa, dessen Schädel nun neue Einsichten gewährt. Vielleicht starb das Tier bei einer plötzlichen Schlammlawine oder einer Sturzflut, die seinen Körper begrub. Aber das allein erzählt noch nicht die ganze Geschichte. 

Denn nur wenig Meter von ihm entfernt fand sich noch ein Fossil aus der gleichen Sippe – Hesperosuchus agilis. Jener Spezies, zu der der „Morgenbringer“ zunächst irrtümlich gezählt worden war. Hesperosuchus agilis war ebenfalls schlank gebaut, besaß aber eine etwas längere und zartere Schnauze und erhaschte damit womöglich schnelle, kleine Wirbeltiere.

Sein eng verwandter Kompagnon verfolgte eine andere Strategie – anstelle kleinen Happen hinterherzurennen, konnte er mit seinem Kiefer wahrscheinlich größere Kaliber packen. Gerade dieser Unterschied macht den Fund für die Wissenschaft so spannend. Denn er lässt darauf schließen, dass die Evolution der Krokodile keineswegs eintönig verlief. Ähnliche Körperformen, ähnliche Lebensweisen, über Jahrmillionen? Nein, denn mit Eosphorosuchus öffnet sich ein neues Kapitel.

Der Vergleich deutet darauf hin, dass die beiden Tierarten trotz ähnlicher Größe unterschiedliche Rollen bekleidet hatten. Zwar konkurrierten sie gewiss auch miteinander. Sie legten aber auch eine frühe Form ökologischer Arbeitsteilung an den Tag – und das lange bevor die modernen Krokodile die Flüsse, Seen und Meere eroberten. Auch damals schon zeigte sich das Leben also von seiner vielfältigen Seite.