150 Millionen Jahre alt Rätselhafter Fund in Bayern: Dieser Urzeit-Hai stellt die Evolution auf den Kopf

Urzeit-Hai Bavariscyllium
Fossil des Urzeit-Hais Bavariscyllium unter UV-Licht, darunter eine grafische Lebensrekonstruktion
©  Andreas Hecker, Jura-Museum Eichstätt; Frederick Spindler
Ein neu untersuchtes Fossil stellt die Paläontologie vor ein Klassifizierungs-Dilemma. Der Körper des kleinen Hais namens Bavariscyllium folgt einem Bauplan, den es so nicht mehr gibt – und gibt damit neue Rätsel über die frühe Entwicklung der modernen Haie auf

Vor rund 150 Millionen Jahren, im späten Jura, war das heutige Bayern von einem subtropischen Meer bedeckt. In diesem Gewässer tummelte sich ein kleiner, nur etwa 25 Zentimeter langer Jäger: Bavariscyllium. Dass wir heute so genau wissen, wie dieses Tier aussah, verdanken wir den Solnhofener Plattenkalken in der Fränkischen Alb. Diese Lagerstätte ist weltberühmt für ihre außergewöhnlich gut erhaltenen Fossilien, bei denen oft nicht nur Knochen, sondern vollständige Skelette überdauert haben.

Ein Sinnesorgan am falschen Platz?

Ein internationales Forschungsteam um den Paläontologen Sebastian Stumpf vom Naturhistorischen Museum Wien hat nun mehrere Skelette und Zähne dieses Urzeit-Hais neu untersucht. Dabei stießen die Fachleute auf ein Detail, das nicht in das gängige Schema passt: Bavariscyllium besaß eine Bartel im Bereich der Kehle.

Skelett des Urzeithais Bavariscyllium
Gut erkennbares Skelett des Urzeithais Bavariscyllium
© René Lauer, Lauer Foundation for Paleontology, Science and Education

Bei diesem fadenartigen Hautorgan handelt es sich um ein hochempfindliches Sinnesorgan, das mit Geschmacksknospen und Tastkörperchen ausgestattet ist. Während viele heutige Fische solche Barteln am Maul tragen, ist die Position an der Kehle extrem selten. Heute findet man dieses Merkmal nur noch bei wenigen Arten der Kragenteppichhaien, die zur Ordnung der Ammenhaiartigen (Orectolobiformes) gehören – derselben Gruppe, der auch der gigantische Walhai angehört.

Das taxonomische Wirrwarr

Hier beginnt für die Forscherinnen und Forscher das Rätselraten. Bisher wurde Bavariscyllium nämlich einer ganz anderen Gruppe zugeordnet: den frühesten Vorfahren der Grundhaie (Carcharhiniformes), zu denen heute etwa die Katzenhaie, Hammerhaie oder der Tigerhai zählen. Ausschlaggebend dafür war vor allem die Form der Zähne, die auf das Schneiden, Sägen und Festhalten kleiner Beutetiere ausgelegt ist.

Das Problem: Der neu untersuchte Urzeit-Hai vereint Merkmale beider Ordnungen, lässt sich aber keiner eindeutig zuweisen. "Unsere Studie zeigt, dass Bavariscyllium Merkmale aufweist, die sowohl an Grundhaie als auch an Ammenhaiartige erinnern, aber nicht ausreichen, um ihn eindeutig einer dieser Gruppen zuzuordnen", erklärt Studienleiter Dr. Sebastian Stumpf in einer Mitteilung des Naturhistorischen Museums in Wien. "Solche Formen verdeutlichen, wie variantenreich die frühe Evolution moderner Haie war."

Während die Kehlbartel auf die Ammenhaiartigen deutet, sprechen die Zähne für die Grundhaie: Die Form der Zähne von Bavariscyllium deutet auf einen unspezialisierten Generalisten hin, der vermutlich kleinen Beutetieren nachstellte. Ein weiteres Detail macht die Sache noch komplizierter: Während moderne Arten meist paarige Barteln besitzen, weist Bavariscyllium offenbar nur eine einzelne, mittig gelegene Bartel auf.

Italy - December 17, 2025 The "Dinosaur Valley" Thousands of dinosaur tracks discovered in Stelvio National Park Herds of large herbivores formed them about 210 million years ago, during the Triassic period. Prosauropod tracks dating back to the Late Triassic, photographed at the new paleontological site discovered by Elio Della Ferrera. Valle di Fraele, Parco dello Stelvio, Valdidentro, Provincia di Sondrio, Lombardia region
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© Elio Della Ferrera / ROPI / picture alliance
Tausende Dinosaurier-Spuren übersäen eine Felswand in den Alpen
© APTN / ntv

Evolution war komplexer als gedacht

Für die Wissenschaft hat dieser unpassende Hai weitreichende Konsequenzen. Die in der Fachzeitschrift Communications Biology veröffentlichte Studie legt nahe, dass die frühe Evolution moderner Haie deutlich variantenreicher und komplexer verlief, als bislang von der Fachwelt angenommen.

"Bavariscyllium und andere Haie aus den Solnhofener Plattenkalken zeigen eine erstaunliche Bandbreite, vermutlich noch bevor sich die typischen Baupläne der heute lebenden Ordnungen etabliert haben", erklärt Dr. Sebastian Stumpf. Das bedeutet auch, dass die bisherige Methode, fossile Haie primär anhand ihrer Zähne einzuordnen, unsicherer sein könnte als gedacht.

Gleichzeitig beeinflussen die neuen Erkenntnisse auch die Datierung von Stammbäumen, mit denen Paläontologen die evolutionäre Entwicklung von Arten rekonstruieren. Wenn Urformen bereits Zähne moderner Ordnungen besaßen, ohne diesen tatsächlich anzugehören, könnte dies die gesamte Zeitrechnung der Hai-Stammbäume ins Wanken bringen. Der kleine Hai aus Bayern zeigt eindrucksvoll: Die Natur hielt sich in ihrer frühen Entwicklungsgeschichte nicht immer an die Schubladen, in die wir sie heute gerne stecken würden.