Es kommt nicht oft vor, dass im Gebirge Spuren großer, längst ausgestorbener Lebewesen gefunden werden. Doch im Monte-Cònero-Nationalpark, nahe der italienischen Hafenstadt Ancona, stolperten Kletterer über Hunderte rillenartige Vertiefungen – bei denen es sich Forschenden zufolge um Abdrücke handelt, die Meeresschildkröten vor knapp 80 Millionen Jahren im weichen Sediment des Meeresbodens hinterlassen haben.
Schon länger hatten Fachleute gerätselt, wie die rillenartigen Strukturen im Kalkstein entstanden sein könnten. Die Erklärung, mit der jetzt die Autoren einer im Fachmagazin "Cretaceous Research" veröffentlichten Studie aufwarten, klingt zunächst abenteuerlich.
Demnach lag die heutige Felsoberfläche vor 79 Millionen Jahren Hunderte Meter tief unter der Meeresoberfläche – als weicher Meeresboden. Als Urheber der tiefen Abdrücke im Meeresboden kommen nur wenige Wirbeltiere infrage: Mosasaurier, Plesiosaurier oder Meeresschildkröten. Da die ersteren wohl einzelgängerisch lebten, bleiben als Verdächtige nur die Schildkröten übrig. Unplausibel ist das nicht, denn heute lebende Lederschildkröten können bei der Nahrungssuche mehr als 1300 Meter tief tauchen.
Doch warum verlaufen die Spuren – sofern es sich tatsächlich um Tierspuren handelt – auf einer etwa zehn mal zwanzig Meter großen Fläche parallel? Und warum haben sich die Rillen so gut erhalten? Schließlich sorgen üblicherweise Organismen im Meeresboden – Schnecken, Muscheln, Würmer – dafür, dass das Sediment nach Störungen rasch eingeebnet wird.
Auch auf diese Fragen haben die Autoren eine zunächst bizarr anmutende Antwort: Die Spuren könnten Zeugen einer prähistorischen Katastrophe sein.
Momentaufnahme aus einer geologisch unruhigen Epoche
Das Sediment, in dem sich die Spuren befinden, stammt aus einer geologisch unruhigen Epoche, und die Instabilität der Erdkruste in der Region wurde wohl noch durch klimawandelbedingte Schwankungen des Meeresspiegels verstärkt. Ein Erdbeben an der Küste könnte nun eine Schlammlawine, eine Walze aus Geröll, Sand und feinsten Mineralien, ausgelöst haben, die sich unter Wasser fortsetzte.
Und irgendwann auf eine Gruppe friedlich grasender Meeresschildkröten traf. Die dürften, sobald sie die Gefahr erkannt hatten, panisch das Weite gesucht haben. Und zwar auf dem kürzesten Weg, also im rechten Winkel zur Front der Schlammlawine. Die allen Tieren gemeinsame Fluchtrichtung würde erklären, dass die Spuren ausschließlich parallel verlaufen.
Dass die Spuren sich überhaupt erhalten haben, führen die Wissenschaftler darauf zurück, dass sie sofort mit dem weicheren Sediment der Schlammlawine verfüllt wurden.
Für ihre Studie verwendete das Forschungsteam nicht nur Drohnenaufnahmen der Fundstelle, sondern auch Gipsabdrücke einiger Vertiefungen. Unbeantwortet bleibt allerdings die Frage, warum Meeresschildkröten sich bei ihrer panischen Flucht über den Tiefsee-Meeresboden "gerobbt" haben sollen – wenn sie ohne Grundberührung schwimmend schneller waren.
Die Entdeckung des "eingefrorenen" Schreckmoments ist nicht nur tektonischen Kräften zu verdanken, die den versteinerten Meeresboden hier über Jahrmillionen hinweg Hunderte Meter in die Höhe drückten. Sondern auch der Aufmerksamkeit von Freeclimbern: Bei einer Erkundungstour im Jahr 2019 hatte eine Gruppe von Kletterern in diesem Teil des Nationalparks, der heute wegen Steinschlaggefahr gesperrt ist, die auffälligen Strukturen erstmals dokumentiert.