Forschung Warum starb das Wollnashorn aus? Ein überraschender Fund liefert neue Hinweise

Eine künstlerische Darstellung zeigt ein tibetanisches Wollnashorn
Künstlerische Darstellung eines Wollnashorns. Die Urahnen der Wollnashörner, die zur Zeit der Eiszeiten auch Europa durchstreiften, stammen wahrscheinlich aus dem Himalaya
© Julie Naylor / picture alliance
Forscher entdecken im Magen eines Wolfswelpen Gewebe eines Wollnashorns. Dessen Analyse gibt Informationen preis, warum die Tiere am Ende der letzten Eiszeit vermutlichausstarben

Eine kuriose Entdeckung aus Sibirien liefert Hinweise, warum Wollnashörner am Ende der letzten Eiszeit ausstarben. Im Magen eines Wolfswelpen haben schwedische Wissenschaftler Gewebe eines Wollnashorns gefunden und dessen DNA entschlüsselt. Die Analyse der mehr als 14.000 Jahre alten Überreste spricht dafür, dass Wollnashörner nicht vom Menschen ausgerottet wurden, sondern relativ schnell ausstarben - vermutlich durch Klimaveränderungen.

Der hervorragend erhaltene Wolfswelpe wurde nahe der Ortschaft Tumat im Nordosten von Sibirien im Permafrost gefunden. Im Magen des Tiers stieß das Forschungsteam überraschend auf ein kleines Gewebefragment, das DNA-Analysen zufolge von einem Wollnashorn (Coelodonta antiquitatis) stammt. Eine Datierung per Radiokarbonmethode ergab, dass dieses Tier vor 14.400 Jahren lebte - kurz vor dem Aussterben der Art vor vermutlich etwa 14.000 Jahren.

Dem Team um Camilo Chacón-Duque von der Universität Stockholm gelang es, das Erbgut des Nashorns zu sequenzieren, wie es im Fachmagazin "Genome Biology and Evolution" berichtet. "Die Sequenzierung des gesamten Genoms eines Tiers aus der Eiszeit, das im Magen eines anderen Tiers gefunden wurde, ist bisher noch nie gelungen", wird der Paläogenetiker in einer Mitteilung seiner Universität zitiert. Erst die Kombination von mehr als 20 Extrakten aus verschiedenen Abschnitten des Gewebefragments ermöglichte demnach die Erbgut-Sequenzierung. 

Keine Hinweise auf Inzucht im Erbgut des Wollnashorns

Um einzelne Genabschnitte ihren Positionen im Gesamtgenom zuordnen zu können, verglichen die Wissenschaftler sie mit dem Erbgut des nächsten noch lebenden Verwandten, dem Sumatra-Nashorn (Dicerorhinus sumatrensis). Die Abstammungslinien der beiden Arten trennten sich vermutlich vor etwa 9,3 Millionen Jahren. 

Chacón-Duque und Kollegen verglichen Ausschnitte aus dem Erbgut des vor 14.400 Jahren gestorbenen Wollnashorns auch mit den Genomen von Artgenossen, die vor 18.400 Jahren und 48.500 Jahren lebten. "Unsere Analysen zeigten ein überraschend stabiles genetisches Muster ohne Veränderung des Inzuchtgrades über Zehntausende von Jahren vor dem Aussterben der Wollnashörner", sagt Co-Autorin Edana Lord.

Bei kleiner werdenden Populationen erhält der Nachwuchs mit höherer Wahrscheinlichkeit von beiden Elternteilen die gleiche Genvariante, weil die Eltern recht eng miteinander verwandt sind (Inzucht). Dies war im Erbgut des Wollnashorns jedoch nicht zu erkennen.

Wollnashorn-Bestände wohl recht plötzlich kollabiert

Deshalb gehen die Forscher davon aus, dass Wollnashörner in Nordostsibirien noch wenige Jahrhunderte vor dem vermuteten Aussterben eine genetisch intakte Population hatten - obwohl Menschen damals schon seit Jahrtausenden in der Region lebten. Die Bestände seien vermutlich nicht langsam dahingeschwunden, sondern wohl eher schnell kollabiert.

"Unsere Ergebnisse belegen, dass die Wollnashörner 15.000 Jahre nach der Ankunft der ersten Menschen in Nordostsibirien noch eine überlebensfähige Population bildeten", sagt Co-Autorin Love Dalén. "Dies deutet darauf hin, dass nicht die Jagd durch den Menschen das Aussterben verursachte, sondern eher die Klimaerwärmung."

Stefan Parsch, dpa