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Artensterben Biodiversitätsforscher: "Die Menschheit sägt an dem Ast, auf dem sie sitzt!"

Tropische Regenwälder gelten als Hotspots der Artenvielfalt
Tropische Regenwälder gelten als Hotspots der Artenvielfalt
© Olga K / Adobe Stock
Im Interview erklärt der Biodiversitätsforscher Matthias Glaubrecht, warum wir den Artenschwund nicht beziffern können – und die halbe Erde unter Schutz stellen müssen

GEO.de: Gegenwärtig ist der Klimaschutz dank der Kontroverse um die "Letzte Generation" in aller Munde. Verstehen Sie, warum der Artenschutz kaum die Gemüter erhitzt?

Matthias Glaubrecht: Zunächst einmal: Wir erleben jetzt, dass die Befürchtungen der Wissenschaftler – die sie ja schon seit drei oder vier Jahrzehnten äußern – endlich auch in der Öffentlichkeit ankommen. Ich glaube allerdings nicht, dass die Aktionen der "Letzten Generation" der Sache besonders dienlich sind. Die Diskussionen über die Methoden lenken vom eigentlichen Thema ab.

Aber die Aufmerksamkeit ist da. Warum fehlt die dem Artenschutz?

Das ist auch ein Versäumnis der Naturschutzpolitik. Wir haben sehr lange einen Artenschutz betrieben, der auf einzelne bedrohte Arten der Roten Liste setzte. Die IUCN erfasst aber nur ungefähr 160.000 Spezies. Das sind nicht einmal ein Zehntel der weltweit rund zwei Millionen beschriebenen Tier- und Pflanzenarten. Zudem fokussieren wir uns auch noch auf die befiederten und befellten Tiere. Das Heer der Wirbellosen lassen wir außer Acht.

Dabei gibt es weltweit knapp eine Million Käferarten, aber nur etwa 11.000 Vogelarten. Das große Artensterben passiert weitgehend unbemerkt, und wir Biodiversitätsforscher haben es lange nicht geschafft, das Thema überhaupt in die Medien zu bringen – obwohl die Menschheit an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt.

Matthias Glaubrecht
Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität an der Universität Hamburg und Wissenschaftlicher Projektleiter Evolutioneum / Neues Naturkundemuseum
© UHH/Sebastian Engels Fotografie

Ein Versuch, die Dimension des Artensterben deutlich zu machen, ist die Zahl 150: So viele Tier- und Pflanzenarten sterben angeblich jeden Tag aus. Wie kommt man eigentlich auf eine solche Zahl?

Diese Zahl ist genauso falsch, wie sie möglicherweise richtig ist. In den Medien kursiert auch die Zahl 130, die auf einen Bericht der UN zurückgeht. Grundlage sind unter anderem etwa 20 Jahre alte Ansätze zu entsprechenden Berechnungen des Mathematikers Robert May, damals Chefberater der britischen Regierung. Aber ich muss ehrlich sagen: Das sind weitgehend mathematische Kapriolen ohne sichere biologische Basis. Solche Zahlen führen eher in die Irre.

Inwiefern?

Nachweislich sind unter den Wirbeltieren, also vor allem den Vögeln und Säugern, in den vergangenen 500 Jahren rund 850 Arten ausgestorben. Von der Mehrheit der vielen anderen Arten aber wissen wir gar nichts. Wenn man aber diese Zahl der nur bekannten Artenverluste zu den insgesamt geschätzt etwa acht Millionen Tierarten der Erde ins Verhältnis setzt, könnte man auf die Idee kommen, dass es gar kein Problem gibt. Der Fokus auf einzelne Arten, auf ausgestorbene Tierarten aus bestimmten Tiergruppen, wie den Wirbeltieren, ist daher irreführend – und eine Aussterberate, egal welcher Größenordnung, ist es ebenso. Diese Zahlen kann niemand kennen.

Hinzukommen andere Unsicherheiten: Wir können weder genau sagen, was eine Art eigentlich ist, noch wie viele Arten es gibt oder wie viele verschwunden sind. Es fehlen in der Biodiversitätsforschung sämtliche belastbaren Parameter, um eine Aussterberate zu beziffern.

Mit solchen Aussagen lassen sich kaum Massen für den Artenschutz mobilisieren …

Die Biodiversitätsforschung muss von der Klimaforschung lernen, die es geschafft hat, die Komplexität der physikalischen Vorgänge mit dem 1,5-Grad-Limit auf ein für Politiker und die Öffentlichkeit verständliches Ziel zu reduzieren. Wenn wir wissen, dass der wichtigste Treiber der Artenkrise der Lebensraumverlust ist, dann müssen wir die Lebensräume in der Fläche besser schützen

Damit meinen Sie das in Montreal verhandelte Ziel, bis 2030 insgesamt 30 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen?

Für mich war es geradezu eine Offenbarung, als mir 2017 das Paper des Naturschützers Eric Dinerstein in die Hände fiel, in dem er genau dieses Ziel formulierte. Jetzt haben wir allerdings nur noch acht Jahre, und das zeigt unser Problem: Wir haben viel zu lange damit gewartet, breit zu kommunizieren, dass es nicht um einzelne Arten, sondern um den Schutz wertvoller Flächen gehen muss. Es ist zwar utopisch, aber noch besser wäre natürlich, was der Biologe E.O. Wilson schon im Jahr 2016 vorgeschlagen hat: sogar die Hälfte der Erde unter Schutz zu stellen.

Die in Paris vereinbarten 1,5 Grad maximale Erwärmung sind in wenigen Jahren Geschichte. Glauben Sie, beim Artenschutz funktioniert so ein Abkommen besser?

Es ist schon ein Erfolg, dass überhaupt über 30/30 verhandelt wird. Man könnte nun nörgeln und sagen, die Konferenz startet mit drei Jahren Verzug, und dann findet sie auch noch in Abwesenheit der Staatschefs statt. Das ist schlimm, trotzdem ist es die wichtigste globale Konferenz in diesem Jahrzehnt.

Ich würde mir wünschen, dass nicht nur über 30/30 gesprochen, sondern dass es als verbindliches Ziel festgelegt wird. Wir brauchen verbindliche Ziele und einen Fahrplan, wie wir aus der Krise rauskommen wollen. Dass das angesichts der vielen ungelösten Fragen, zum Beispiel zur Finanzierung, passieren wird, bezweifle ich allerdings.

Die Zeit drängt. Werden wir demnächst neben Klima- auch Biodiversitäts-Kleber erleben?

Ich sagte es eingangs schon: Sich festzukleben, in Naturkundemuseen oder wo auch immer, ist nicht der richtige Weg. Ich würde mir aber eine emotionale Jugendbewegung wünschen, analog zu dem, was Greta Thunberg bei der Klimabewegung auf die Beine gestellt hat. Das wäre wichtig, weil wir dann die Politik vor uns hertreiben könnten. Leider sind wir ja mit Politikern gestraft, die zu viel mit sich und nicht mit dem Blick in die Zukunft beschäftigt sind, den es eigentlich bräuchte.

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