Die Menge verwendeter Pestizide mag regional abnehmen - ihre ökologische Gesamttoxizität aber nimmt weltweit zu, wie ein Team um Ralf Schulz von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) berichtet. Unter Toxizität versteht man die Giftigkeit eines Stoffes - also welche schädliche Wirkung von ihm ausgehen kann. Größten Einfluss haben demnach im Anbau von Obst und Gemüse, Sojabohnen sowie Getreide wie Mais und Reis verwendete Pestizide. Allein China, Brasilien, die USA und Indien trügen zu 53 bis 68 Prozent zur globalen Pestizidtoxizität bei.
Das Team um Schulz hatte die sogenannte Gesamtanwendungstoxizität (engl. Total Applied Toxicity, TAT) zur Bewertung genutzt, einen erst kürzlich eingeführten globalen Indikator. Der neue Kennwert beschreibt die bei der Anwendung von Pestiziden freigesetzte Gesamttoxizität für bestimmte Organismengruppen unter Berücksichtigung sowohl der eingesetzten Wirkstoffmengen als auch ihrer Giftigkeit für Lebewesen.
Ziel ist, nicht nur "Kilogramm Pestizid" zu zählen, sondern das Risiko für die Umweltorganismen in einer einzigen, vergleichbaren Kenngröße auszudrücken. Mit TAT-Daten lassen sich zeitliche Trends bewerten und es kann zwischen Ländern oder Regionen verglichen werden.
Gift-Tendenz steigend
Für insgesamt 625 Pestizide wurde mit Blick auf acht Artengruppen die Ökotoxizität zwischen 2013 und 2019 bestimmt. Demnach nimmt die Gesamttoxizität von Pestiziden weltweit zu. Bestäuber sind ebenso betroffen wie Wasserlebewesen und Bodenorganismen. Zu den Gründen zählen die Autoren die Ausweitung der Anbauflächen, die Intensivierung des Anbaus und Schädlingsresistenzen sowohl bei konventionellen als auch bei gentechnisch veränderten Pflanzen. "All diese Faktoren werden voraussichtlich in Zukunft zu weiteren TAT-Anstiegen führen."
Die Analyse ergab, dass einige wenige Insektizidklassen wie Pyrethroide und Organophosphate zu über 80 Prozent zur TAT bei Wasserwirbellosen, Fischen und Landarthropoden beitragen. Neonicotinoide, Organophosphate und Lactone einschließlich einiger Neonicotinoid-Nachfolgeprodukte wiederum machen über 80 Prozent der TAT bei Bestäubern aus.
Ein kaum mehr zu erreichendes Ziel
Die 15. UN-Biodiversitätskonferenz (COP15) verpflichtete alle Länder, die Pestizidrisiken bis 2030 um 50 Prozent im Vergleich zum Zeitraum 2010 bis 2020 zu reduzieren. Die allermeisten Länder weltweit können dieses Ziel ohne wesentliche Änderungen nicht erreichen, schließen die Forscher nun aus ihren Daten. Chile werde das als einzigem von 65 Ländern mit expliziten nationalen Daten gelingen. China, Japan und Venezuela seien auf gutem Weg. Regionen wie Subsahara-Afrika, Zentralasien, Teile des indischen Subkontinents und Australien wiederum wiesen besonders hohe TAT-Anstiege auf.
Für Deutschland hatte eine 2023 im Fachjournal "Environmental Science & Technology" vorgestellte Analyse ergeben, dass der TAT-Wert zwischen 1995 und 2019 für Landwirbeltiere um etwa 20 Prozent zurückging. Für Fische stieg er um den Faktor drei - hauptsächlich auf Insektizide zurückzuführen, für Bodenorganismen um den Faktor zwei - hauptsächlich auf Fungizide und Insektizide zurückzuführen. Bei Bestäubern zeigte sich kein negativer Trend, wahrscheinlich wegen der Einschränkungen beim Einsatz von Neonicotinoiden, wie es in der Studie heißt.
Hunderte Wirkstoffe, extreme Unterschiede
Der weit verbreitete Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft stellt eine wachsende Bedrohung für die globale Biodiversität dar. Dabei gibt es große Unterschiede von Art zu Art, wie giftig die vielen Hundert eingesetzten Substanzen jeweils wirken. Zudem kann die Pestizidtoxizität selbst bei chemisch ähnlichen Substanzen um mehrere Größenordnungen variieren.
Frühere globale Studien konzentrierten sich auf begrenzte Arten von Pestiziden und Arten oder stützten sich nur auf die Einsatzmengen, wie die Wissenschaftler erläutern. Das tatsächliche Ausmaß der Bedrohung der biologischen Vielfalt und die Fortschritte bei der Umsetzung der UN-Verpflichtungen seien damit bisher unklar geblieben.
Den nun vorgestellten Daten zufolge entfallen üblicherweise mehr als 90 Prozent der nationalen Gesamttoxizität auf einige wenige hochtoxische Pestizide. Ihren Einsatz zu reduzieren, sei darum ein effizienter Ansatzpunkt.
Eine große Aufgabe mit bekannten Lösungsansätzen
Zudem gebe es verschiedene längst bekannte Strategien wie ökologischen Landbau und Fruchtfolge, die aber nach wie vor nur begrenzt genutzt würden. "Das System aus Agrarpolitik und Verbrauchern muss die notwendige Transformation der globalen Landwirtschaft beschleunigen, um die Abhängigkeit von synthetischen Chemikalien zu verringern." Der Übergang weg vom synthetischen Pflanzenschutz stehe noch am Anfang und erfordere einen anhaltenden politischen Willen, "vergleichbar mit den Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels".
Einer kürzlich vorgestellten Studie zufolge sind in Europa inzwischen mehr als zwei Drittel der Böden mit Pflanzenschutzmitteln verunreinigt. Rückstände etwa von Mitteln gegen Pilze, von Glyphosat gegen Unkraut und von Insektiziden wurden nicht nur auf landwirtschaftlichen Flächen gefunden, sondern auch in Wäldern und Wiesen, wie es im Fachmagazin "Nature" heißt. Zu den häufigsten Funden zählte demnach ein Abbauprodukt des umstrittenen Herbizids Glyphosat.
Die Untersuchung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Europäische Kommission plant, dass Pflanzenschutzmittel künftig ohne regelmäßige Neuzulassungen auf den Feldern verteilt werden können. Das sei der falsche Schritt zum falschen Zeitpunkt, hatte Christoph Scherber, Professor für Biodiversitätsmonitoring an der Universität Bonn dazu erklärt.