Künstler, Handwerker und Schreiber im Alten Ägypten legten größte Sorgfalt an den Tag. Für nicht weniger als die Ewigkeit erschufen sie Werke von vollendeter Ästhetik. Nun haben Forschende um die Ägyptologin Helen Strudwick vom Fitzwilliam-Museum in Cambridge eine weitere Entdeckung gemacht, wie detailversessen die Menschen am Nil dabei vorgegangen sind. Die Kontur eines schwarzen Schakals im Totenbuch des Ramose, einem rund 3300 Jahre alten Papyrus aus dem Pharaonenreich, wurde nachträglich mit einer hellen, deckenden Flüssigkeit korrigiert: Offensichtlich war das Tier, bei dem es sich wohl um die Personifikation des Totengottes Upuaut handelt, zu dick geraten.
In der altägyptischen Kunst folgte alles bestimmten Regeln. Ein Kanon hielt fest, wie lang eine Hand im Verhältnis zum Körper zu sein hatte, wie groß ein Kopf oder auch, wie man die ja selbst aus Bildern bestehenden Hieroglyphen anzuordnen hatte. Bevor Zeichner damit begannen, ihre Szenen auf den Wänden zu verewigen, überzogen sie daher die vorbereitete Fläche mit einem Quadratnetz. Vorzeichner entwarfen die Bildfolgen in einer Farbe, die von einem zweiten Zeichner in einer anderen Farbe korrigiert wurden. Erst dann folgten die Maler oder je nachdem die Reliefschneider.
Gut möglich, dass es der damals am Nil geltende Proportionskanon gewesen ist, der dazu führte, dass der Schakal schlanker gestaltet werden musste. Ob es der Künstler selbst war, dem sein Fehler auffiel, oder ob es der Auftraggeber des Totenbuchs Ramose war oder eine andere Person, die die Korrektur veranlasst hat, ist unbekannt.
Allerdings spricht einiges für Ramose. Dieser war um 1300 v. Chr. königlicher Schreiber und Vorsteher der Archive des Pharao. Ein Mann vom Fach also, der selbst über die Fähigkeit verfügte, Papyri mit eleganten Hieroglyphen zu versehen, und sicher Kontakt hatte zu den besten Schreibern und Malern.
Fehler können schlimme Folgen haben
Die in Totenbüchern wie dem des Ramose enthaltenen Texte und Darstellungen sollten den Verstorbenen helfen, sicher das Jenseits zu erreichen, die Gefahren auf dem Weg dorthin zu meistern und am Ende glücklich von den Göttern aufgenommen zu werden. Fehler können hier schlimme Folgen haben.
Als der britische Archäologe Sir William Matthew Flinders Petrie den Jenseitsführer des Ramose Anfang der 1920er-Jahre in einem Grab in Sedment, etwa 120 Kilometer südlich von Kairo, fand, war er in unzählige Teile zerbrochen. Erst die Restauratorin Renée Waltham hat ihn so weit wiederhergestellt, dass er ausgestellt werden konnte. Dabei wurde sie von der deutschen Ägyptologin Irmtraut Munro (1944–2025), einer Expertin vom Totenbuch-Projekt der Universität Bonn, unterstützt. Mehr als 20 Meter maß die Rolle des Ramose einst in der Länge, 41 Zentimeter in der Höhe, ein gewaltiges Werk, meisterlich illustriert.
Zur Vorbereitung der Ausstellung "Made in Ancient Egypt" über die beeindruckenden Fertigkeiten der altägyptischen Maler, Schreiber, Handwerker und Bildhauer im britischen Fitzwilliam Museum haben die leitende Kuratorin Helen Strudwick und ihr Team den Papyrus nun aber noch einmal genauestens untersucht. Und dabei sind ihnen die dicken weißen Linien aufgefallen, die an Rücken und Bauch des Schakals sowie an seinen Hinterläufen zu sehen sind.
Mittels Röntgenfluoreszenzspektrometrie konnten die Forschenden die chemische Zusammensetzung der Striche bestimmen. Sie bestehen – anders als die weiße Farbe, mit der die Kleidung des Ramose gemalt ist – aus einer Mischung aus den Mineralien Huntit, Kalzit und Beimengungen von gelbem Auripigment. Als die Flüssigkeit aufgetragen wurde, hatte sie eine Art Cremeton, der in etwa der Originalfarbe des heute nachgedunkelten Papyrus geglichen haben dürfte.
Optische Untersuchungen ergaben zudem, dass die hellen Striche eindeutig über der schwarzen Farbe des Tierkörpers liegen. Für die Deckkraft sorgt das enthaltene Kalzit. "Es ist, als hätte jemand die ursprüngliche Darstellung des Schakals gesehen und gesagt: 'Er ist zu dick; mach ihn dünner', woraufhin der Künstler eine Art altägyptisches Tipp-Ex entwickelt hat, um das zu korrigieren", so Strudwick in der Pressemitteilung zu dem Fund. Sie habe ähnliche Korrekturen auch schon auf Papyri in anderen Sammlungen gesehen, die aber ihres Wissens noch nicht analysiert worden seien.
Noch viel zu entdecken
Und erklärte dazu gegenüber "TheArtNewspaper": "Wir haben sicherlich noch sehr viel über die Schöpfer der fantastischen Objekte zu lernen, die wir in Museen (und natürlich auch vor Ort in Ägypten) sehen. Bei meiner Arbeit im Fitzwilliam bin ich von brillanten und enthusiastischen Kollegen umgeben, die immer gerne dabei helfen, Forschungsfragen wie 'Was macht dieses weiße Zeug hier und woraus besteht es?' zu beantworten."
Teile des Totenbuchs des Ramose sind aktuell und noch bis zum 12. April 2026 in der Ausstellung "Made in Ancient Egypt" im Fitzwilliam-Museum Cambridge zu sehen.