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Finanzgeschichte Wie die Hyperinflation 1923 zu einem deutschen Trauma wurde

Inflation 1923
Bei der großen Inflation 1923 kostete ein Kilogramm Rindfleisch zwischenzeitlich 4,8 Billionen Mark
© Max - Adobe Stock
Bei der Inflation 1923 kam es zur größten deutschen Geldkatastrophe. Der Wert des Geldes verfiel zusehends, der Staat war pleite und die Ersparnisse zahlloser Familien vernichtet. Vor allem die völlige Entwertung der Kriegsanleihen führte zu einem starken Vertrauensverlust in den Staat

Wenn die Preise steigen, ist das Geld weniger wert. Ist das Verhältnis zwischen Preisen, vorhandenem Geld und dem Einkommen in der Balance, gilt ein Wirtschaftssystem als stabil. Wenn aber die Preissteigerung ausgelöst durch bestimme Faktoren aus dem Ruder läuft, dann bricht der Geldwert entsprechend ein – bis hin zur Hyperinflation, so geschehen im Jahr 1923.

Krieg sorgt für Hyperinflation

Wenn es ein Brettspiel gewesen wäre, könnte der schulterzuckende Kommentar sein: „Naja, verzockt, was soll's“. Doch die deutsche Reichsleitung hat sich beim 1. Weltkrieg in der Realität verkalkuliert und auf den Gewinn des Krieges gesetzt. Bezahlen sollten die entstandenen Kosten dann die Verlierermächte – also die anderen Staaten.

Das Ergebnis im Jahr 1918 ist nach fast vier Jahren: Das Deutsche Reich hat den Krieg verloren und erlebt einen bis heute beispiellosen wirtschaftlichen Zusammenbruch.

Kriegsanleihen und kein Gold mehr von der Reichsbank

Tatsächlich hat die Niederlage nicht nur einen finanziellen Haken, sondern gleich zwei. Um den 1. Weltkrieg mit dem Beginn im Jahr 1914 zu finanzieren, hat das Deutsche Reich zu verschiedenen Mitteln gegriffen. Neben der Neuverschuldung gehören Kriegsanleihen dazu. Der Staat lässt sich den Krieg von der Bevölkerung mitfinanzieren.

Und: Die Reichsbank hebt bereits kurz nach dem Beginn des 1. Weltkriegs die gesetzliche Noteneinlösungspflicht auf. Die Bürger haben kein Recht mehr auf den Tausch von Papiergeld gegen Gold.

Inflation 1923 durch finanzielle Doppellast

Als der 1. Weltkrieg verloren geht, bleiben die erwarteten Reparationsleistungen der Nachbarstaaten jedoch aus. Im Gegenteil: Nach dem Versailler Friedensvertrag von 1919 ist nun Deutschland selbst in der Zwickmühle und muss hohe Reparationszahlungen in Form von Goldmark, Devisen und Sachgütern an die Siegermächte zahlen – zum Beispiel Frankreich und Großbritannien.

Die Rückzahlung der Kriegsanleihen an das deutsche Volk kommt dazu. Eine brisante Doppellast, die zum verheerenden Strudel wird und das Land in den Inflations-Abgrund reißt.

Sachwerte in Weimarer Republik geringer als Geldmenge

Das Deutsche Reich liegt allein schon durch den Krieg wirtschaftlich am Boden und das Verhältnis der materiellen Sachwerte und der vorhandenen Geldmenge ist in Schieflage. Die junge Weimarer Republik druckt mehr und mehr Geld, um die Schulden bezahlen zu können.

Doch der Wert des Geldes verfällt zusehends und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Im Januar 1920 hat die Mark gegenüber dem US-Dollar nur noch ein Zehntel ihres Wertes verglichen mit den Werten im August 1914.

Kaufkraft sinkt durch Geldentwertung

Die Geldentwertung ist rasant. Schon im Oktober 1921 liegt der Wert einer Mark nur noch bei einem Hundertstel im Vergleich zum August 1914 – dem Monat, als das Deutsche Reich dem russischen Zarenreich den Krieg erklärte.

Im Oktober 1922 beträgt der Wert nur noch ein Tausendstel – und im Juli 1923 meldet eine Berliner Tageszeitung, dass in New York ein einziger Dollar eine Million Mark kostet. Was war passiert?

Schulden des Staates größer als Volkseinkommen

Schon im November 1918 übersteigen die Schulden des Deutschen Reiches mit 150 Milliarden Mark das geschätzte Volkseinkommen des Jahres 1919 in Höhe von rund 142 Milliarden Mark. Durch das unkontrollierte Drucken immer neuen Papiergeldes zum Abbau der Kriegs-Schulden, verstärkt sich die ohnehin vorhandene starke Inflation immer weiter.

Als es zu Verspätungen bei den Reparationszahlungen kommt, besetzen die Franzosen und Belgier Anfang 1923 zudem das Ruhrgebiet. Die deutsche Regierung ruft zu Streik und Sabotage auf, bezahlt die Löhne der Arbeiter jedoch weiter – und druckt dafür noch mehr Geld.

Frankreich wirft im Gegenzug der deutschen Regierung vor, den Ruin der Mark bewusst voranzutreiben, um die Forderungen des Versailler Vertrages als überzogen darzustellen.

Geld und Löhne verlieren massiv an Wert

Wie stark die Kaufkraft im Deutschen Reich im Jahr 1923 sinkt, zeigen die Zahlen:

  • Im Mai 1923 kostet ein Kilogramm Brot474 Mark.
  • Im Juli ist der Preis schon auf 2200 Mark gestiegen.
  • Anfang Oktober muss für ein Kilo Brot die Summe von 14 Millionen Mark bezahlt werden.
  • Nur vier Wochen später kostet der Brotlaib 5,6 Milliarden Mark.

Der Preisverfall und die Geldentwertung der Hyperinflation sind nicht zu stoppen. Wer seinen Lohn nicht sofort in ein Geschäft trägt, um etwas zu kaufen, kann manchmal Stunden später für sein Geld schon nichts mehr bekommen. Abgerechnet wird in Geldbündeln statt in Scheinen, Geld wird in Schubkarren transportiert oder auch in Bündeln verbrannt, um Wärme im Ofen zu haben. Die Ersparnisse der Menschen lösen sich über Nacht in Nichts auf.

Die Preise in Berlinam 2. Dezember 1923:

  • 1 Ei – 320 Milliarden Mark
  • 1 Liter Milch – 360 Milliarden Mark
  • 1Kilo Kartoffeln – 90 Milliarden Mark
  • 1 Straßenbahnfahrt – 50 Milliarden Mark

1 Dollar entspricht 4,21 Billionen Mark

Geldentwertung der Inflation 1923 soll gebremst werden

Dass die ruinöse Talfahrt des deutschen Geldsystems unbedingt gestoppt werden muss, erkennen auch die Siegermächte. Schließlich kann nur ein wirtschaftlich funktionierendes und starkes Deutsches Reich die Reparationszahlungen aus dem 1. Weltkrieg leisten. Verschiedene Ansätze werden durchdacht – auch von Seiten der deutschen Regierung.

Der plausibelste Vorschlag kommt vom deutschen Finanzfachmann Karl Helfferich: Eine neue Währung muss her - aber wie? Gedeckt werden soll das neue Zahlungsmittel durch die Belastung von Sachwerten, die im Land vorhanden sind. Dafür wird extra ein eigenes, privatwirtschaftliches Geldinstitut gegründet: die Rentenbank.

Träger der Bank sind Landwirtschaft, Gewerbe, Industrie und Handel, die vier Prozent ihres Besitzes für die Grundschuld verpfänden. Sie haften damit mit ihrem eigenen Vermögen, falls das Projekt Währungsreform schief geht.

Rentenmark als neue Währung

Der Name ist passend zum frisch gegründeten Geldinstitut schnell gefunden: Rentenmark. Am 15. November 1923 wird das neue Zahlungsmittel im Deutschen Reich offiziell eingeführt. Sie ist kein gesetzliches Zahlungsmittel, da die Rentenbank privat ist – muss aber überall akzeptiert werden. Weitere entscheidende Schritte sind der Stopp von Staatsanleihen durch die Reichsbank sowie ein Darlehen in Höhe von 300 Millionen Rentenmark von der Rentenbank für den Staat.

Hyperinflation hat auch Profiteure

Im Oktober 1924 wird die Reichsmark eingeführt. Erst im Jahr 1928 erreichen die Reallöhne im Deutschen Reich im Durchschnitt wieder das Niveau von 1913. Ein großer Teil der Mittelschicht ist verarmt. Aber es gibt auch Profiteure der Inflation: die Besitzer von Sachwerten wie die Industrie oder die Landwirtschaft zum Beispiel.

Und ein Akteur der Hyperinflation von 1923 hat ganz besonders von der Finanzkrise profitiert: der deutsche Staat. Am 14. November 1923 belaufen sich die Schulden durch den 1. Weltkrieg noch auf 154 Milliarden Mark. Als am 15. November 1923 die Rentenmark als neue Währung eingeführt wird, sind es noch 15,4 Pfennige.

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