"Meiner Frau vermache ich mein zweitbestes Bett mit den dazugehörigen Einrichtungsgegenständen", so steht es im Testament des großen englischen Nationaldichters William Shakespeare. Diese zwölf Worte geben seit seinem Ableben vor mehr als 400 Jahren Rätsel auf. Sie sorgen bis heute für Spekulationen über die Ehe und die Ehefrau Shakespeares. Nur ein einziges Mal wird sie auf der dritten Seite seines Nachlasses erwähnt – ihr Name fällt dabei nicht.
Wenig ist von Shakespeares Privatleben bekannt. Noch weniger ist von seiner Ehefrau Anne Hathaway überliefert. Eine fiktive Version von Anne charakterisiert die Autorin Maggie O'Farrell in ihrem Roman "Hamnet". Doch wer war die Frau, die mehr als 30 Jahre mit einem der bedeutendsten Schriftsteller der Weltgeschichte verheiratet war?
Ein Mädchen aus Stratford-upon-Avon
Ihr Geburtsdatum ist nicht bekannt, wie beinahe ihre gesamte Lebensgeschichte. Rare Quellen aus dem 16. Jahrhundert zeugen von ihrem Namen – manchmal heißt sie darin Agnes, manchmal Anne –, dazu gehören die Heiratserlaubnis, die Hochzeitsurkunde und die Inschrift auf ihrem Grabstein.
Anne Hathaway wurde vermutlich 1555 oder 1556 geboren. Wahrscheinlich war sie die älteste Tochter von Richard Hathaway. Sie hatte zahlreiche Geschwister. Ihr Vater war Kleinbauer und Pächter eines größeren Anwesens im Dorf Shottery. Die Familie gehörte zur englischen Mittelschicht von Stratford-upon-Avon. Ebenjenem Ort, in dem auch William Shakespeare im April 1564 geboren wurde.
Richard Hathaway galt als Mann von Stand und hatte Einfluss in der Gegend. Nachweislich hatte Hathaway ab 1566 Kontakt zu John Shakespeare, Williams Vater. Sie waren wohl keine direkten Nachbarn, doch verband die Familien aus der Umgebung von Stratford-upon-Avon eine langjährige Freundschaft.
Eine dringliche Hochzeit
Als ihr Vater 1581 starb, hatte er vorgesorgt und wohl für seine Tochter eine Hochzeit arrangiert: Wenige Monate nach seinem Ableben heiratete die 26-jährige Anne Hathaway den 18-jährigen William Shakespeare. Von dieser Eheschließung sind gleich zwei Dokumente überliefert; beide gehören zu den wenigen Quellen aus Shakespeares Lebzeiten.
Am 27. November 1582 stellte der Bischof von Worcester eine Heiratserlaubnis für "Wm Shaxpere" und "Annam whateley" aus. Einen Tag später unterschrieben Freunde und Familienmitglieder eine Urkunde, die die Vermählung zwischen "William Shagspere" und "Anne hathwey of Stratford in the Dioces of Worcester maiden" beglaubigte. Namen – und vor allem ihre Schreibweise – schwankten zu dieser Zeit oftmals. Doch die Forschung ist sich einig, in diesen Schriften ist von William Shakespeare und Anne Hathaway die Rede.
Als sich die beiden das Jawort gaben, war Anne bereits schwanger. Sechs Monate nach der Hochzeit kam im Mai 1583 Tochter Susanna zur Welt. Einige Forschende sehen darin einen Grund für die Blitzhochzeit des noch jungen Shakespeares mit der älteren Frau. Dem widerspricht Lena Cowen Orlin, eine emeritierte Professorin für englische Literatur an der Georgetown-Universität und Shakespeare-Biografin. Weder das Alter noch die Schwangerschaft der Braut seien ungewöhnlich für die Zeit, so Cowen Orlin. Dass Anne bei der Vermählung schwanger war, sei kein Sonderfall gewesen. Im späten 16. Jahrhundert ging jede dritte britische Braut schwanger zum Traualtar, schreibt die Wissenschaftlerin.
Die Blitzhochzeit könnte ebenso eine Art Freifahrtschein für einen Karrierewechsel des Angetrauten gewesen sein. Einige Berichten über Shakespeares "verlorene Jahre", jener Zeit seines Erwachsenwerdens, deuten darauf hin, dass er damals als Geselle bei einem Metzgermeister in die Lehre ging. In den erhaltenen Lehrverträgen aus Stratford findet sich die Klausel, dass Gesellen innerhalb der Lehrzeit keine Ehe eingehen dürfen. In Shakespeares Fall wäre die Hochzeit also eine Möglichkeit gewesen, sich aus seiner Anstellung vorzeitig zu lösen. "Hier finden wir möglicherweise eine Begründung für die Dringlichkeit, die wir immer mit Shakespeares Heirat in Verbindung gebracht haben", schreibt Cowen Orlin.
Trotzdem sorgt die Tatsache, dass Tochter Susanna unehelich gezeugt wurde – wie auch andere Aspekte von Annes Leben – bis heute für Spekulationen um ihre Person.
Der Tod des einzigen Sohnes
1585 bekam das Ehepaar Shakespeare Zwillinge: Judith und Hamnet. Im Februar wurden die Kinder getauft, ihre Paten waren Judith und Hamnet Sadler, ein befreundetes Bäckerpaar aus der Gegend. Doch 1596 starb der einzige Sohn im Alter von elf Jahren. Historikerinnen und Historiker sind unsicher, woran er so jung gestorben ist – die Aufzeichnungen aus dieser Zeit geben darüber keine Auskunft.
Literarisch hat sich die irisch-britische Autorin Maggie O'Farrell mit dieser Tragödie in Shakespeares Familie auseinandergesetzt: wie der Tod des einzigen Sohnes die Familie erschütterte und wie diese Katastrophe Shakespeare dazu inspirierte, "Hamlet" zu schreiben. Die Verfilmung "Hamnet" von O'Farrells Roman ist seit November 2025 in den Kinos zu sehen. Für ihre Interpretation der Ehefrau Shakespeares, im Film Agnes genannt, gewann die irische Schauspielerin Jessie Buckley bereits zahlreiche Preise und ist in der Kategorie "Beste Hauptdarstellerin" für einen Oscar nominiert.
Der Roman und seine Verfilmung enthalten zwar einige Fakten aus Shakespeares Lebenszeit, aber auch Mythen und andere fiktionale Erzählungen.
Mutter, Geschäftsfrau und Bierbraumeisterin
Schon ab Mitte der 1580er-Jahre arbeitete Shakespeare als Dramatiker in London, eine mehrtägige Reise mit Pferd oder Kutsche trennte ihn von seiner Familie. Er lebte hauptsächlich in der britischen Metropole an der Themse, während Anne und die Kinder in Stratford-upon-Avon blieben: Um 1597 zog die Familie in eines der größten Häuser der Grafschaft, genannt New Place, wo Anne bis zu ihrem Tod im Jahr 1623 lebte.
Während ihr Ehemann in London schrieb, spielte und inszenierte, blieb Anne nicht untätig: Sie zog die zwei Töchter groß, sie verwaltete das Anwesen und alle Häuser der Familie, deren Zimmer sie an Durchreisende vermietete. Sie war nicht allein Hausfrau, Mutter, sondern auch Geschäftsfrau.
Verträge über den Kauf von großen Mengen Malz offenbaren ihre Profession: Bierbraumeisterin. Das Brauen wurde damals von Frauen betrieben, schreibt Cowen Orlin. "Anne hat möglicherweise viele junge Frauen aus Stratford in der Brauerei und der Malzherstellung ausgebildet", so die Literaturwissenschaftlerin. "Bei Ausgrabungen in New Place wurden Steinplatten gefunden, die laut Archäologen auf eine Brauerei vor Ort hindeuten."
Cowen Orlin erkennt in Anne "eine Geschäftsfrau von Format". Ihre Verdienste könnten zum Vermögen der Familie beigetragen haben und die lange unbeantwortete Frage klären, warum Shakespeare 1599 finanziell in der Lage war, den Bau des Globe Theaters am Londoner Südufer der Themse mitzufinanzieren. Bis zu seinem Tod hielt er Anteile an dem Schauspielhaus.
Die ungeliebte Ehefrau?
Lange interpretierte ein Großteil der Forschenden die Abwesenheit des Dichters von seiner Familie als Zeichen für eine distanzierte und unglückliche Ehe. Über Jahrhunderte waren sich die Biografen einig: Shakespeare habe seine Frau gehasst. Er habe sie nicht geliebt und sei ein sehr unglücklicher Ehemann gewesen. Die überstürzte Vermählung sei nur ein Anzeichen dafür. Auch die Tatsache, dass sie nach 1585 anscheinend keine Kinder mehr bekamen, deute auf eine distanzierte Partnerschaft hin. Gerüchte über Shakespeares Untreue schüren die Erzählung von der ungeliebten Ehefrau noch weiter.
In Shakespeares Werken suchen Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler seit jeher nach Widmungen oder Huldigungen an Anne. Möglicherweise tritt sie in einigen Sonetten als "Dark Lady" in Erscheinung, doch eindeutig ist das nicht.
Als finaler Beweis für die verbitterte Ehe der Shakespeares dient vielen Biografen jenes "zweitbeste Bett", das er seiner Ehefrau vermachte. Heute interpretieren die meisten dieses Vermächtnis als Beleidigung oder zumindest seltsame Hinterlassenschaft. Doch diese Deutung lässt einiges außer Acht: Da es damals üblich war, dass Gäste im besten Bett des Hauses schliefen, handelte es sich wohl um das Bett, in dem Anne und William geschlafen haben, vermuten Forschende des britischen Nationalarchivs, wo das Originaltestament verwahrt wird. Zu Shakespeares Zeiten waren Betten mitunter sehr wertvoll. Das Vermächtnis an seine Ehefrau ist daher womöglich nicht so unbedeutend, wie es aus heutiger Sicht erscheinen mag. Die Shakespeare-Expertin Cowen Orlin vermutet darin eine "sentimentale Geste". Ebenso könnte es sein, dass Shakespeare seiner Frau "nur" sein "zweitbestes Bett" hinterließ, weil er wusste, dass sie finanziell abgesichert war – sie verdiente ja vermutlich mit dem Bierbrauen ihr eigenes Geld.
"Die gute Mrs. Shakespeare"
Vor knapp einem Jahr rehabilitierten Forschende Annes Ruf als ungeliebte Ehefrau. Matthew Steggle, Professor für englische Literatur an der Universität Bristol, untersuchte ein Brieffragment aus dem frühen 17. Jahrhundert. Schon 1978 wurde das kleine beschriebene Stück Papier im Einband eines Buches in Hereford gefunden. Die Handschrift konnte jetzt erst identifiziert werden. Sie offenbart bisher unbekannte Einzelheiten über die Ehe der Shakespeares.
Ein unbekannter Verfasser adressierte den Brief an ein Ehepaar in der Trinitie Lane in London. In sauberer, altmodischer Schrift beginnt der Brief mit den Worten: "Good Mrs Shakespeare". Das Fragment könnte ein Beweis dafür sein, dass Anne und William Shakespeare zwischen 1600 und 1610 tatsächlich zusammen in der britischen Hauptstadt lebten. Es öffne die Tür für die Idee, dass Shakespeares Frau tatsächlich "bedeutende" Zeit mit ihrem Mann in London verbracht habe, sagte Steggle der BBC: "Es ist eine Möglichkeit, die sich kaum ausschließen lässt." Gewissheit gäbe es jedoch nicht, so der Wissenschaftler.
Der Verfasser des Briefes bat die Ehefrau Shakespeares um Hilfe. Sie antwortete eventuell sogar: Die Handschrift auf der Rückseite könnte von Anne stammen. Dies würde das Fragment zu einer einzigartigen Quelle machen.
Als die "Hamnet"-Autorin O'Farrell davon hörte, nannte sie diese Entdeckung "aufregend" und "wunderbar". In einer BBC-Sendung sagte die irisch-britische Schriftstellerin: "Es gab sehr angesehene Gelehrte, die behaupteten, sie sei hässlich gewesen, Shakespeare habe sie gehasst, sie habe ihn zur Ehe gezwungen, sie sei Analphabetin gewesen, sie sei dumm gewesen. Es gibt absolut keinen Beweis dafür, und es hat mich immer verwirrt, warum sie all diese Verleumdungen und diesen Frauenhass erfährt." Für die Romanautorin O'Farrell ist das Brieffragment ein eindeutiger Beweis dafür: "Sie liebten einander."