Gehirn Handschrift kann frühe Demenz verraten – aber nur bei spezifischen Aufgaben

Nahaufnahme einer älteren Hand, die einen Brief schreibt
Die Kombination aus motorischen und kognitiven Anforderungen macht handschriftliches Schreiben zu einer komplexen Aufgabe
© Barbara Eddowes / Getty Images
Ein einfaches Diktat beim Hausarzt könnte zukünftig helfen, kognitive Beeinträchtigungen zu erkennen

Die Handschrift ist ein Fenster zum Gehirn. Ist Alzheimer bereits weit fortgeschritten, zeugen Notizen der Betroffenen vom Chaos im Kopf, von bruchstückhaften Gedanken, vom zunehmenden Verlust der Persönlichkeit.  

Ein Forschungsteam in Portugal hat nun erforscht, ob die Handschrift auch zur Früherkennung kognitiver Beeinträchtigungen dienen kann und wie sich der Einfluss der Demenz davon unterscheiden lässt, dass die Handschrift vieler Menschen im Alter ohnehin langsamer oder unregelmäßiger wird. Ihre Ergebnisse sind nun in der Fachzeitschrift "Frontiers in Human Neuroscience" erschienen.

Das Schreiben von Hand erfordert eine Kombination aus feinmotorischer Kontrolle und einer Reihe komplexer geistiger Fähigkeiten, wie zum Beispiel der Auswahl, Organisation und Interpretation sensorischer Informationen. All das macht es zu einer kognitiv anspruchsvollen Aufgabe. An der Studie nahmen 58 Erwachsene im Alter zwischen 62 und 92 Jahren teil, die in Pflegeheimen lebten. Bei 38 Teilnehmenden war zuvor eine Form der kognitiven Beeinträchtigung diagnostiziert worden. 

Die Personen führten verschiedene Aufgaben mit einem Tintenstift auf einem Grafiktablett durch. In der ersten Runde wurden sie aufgefordert, innerhalb von 20 Sekunden 10 horizontale Linien zu zeichnen und im gleichen Zeitrahmen mindestens 10 Punkte zu setzen. Bei dieser Stiftkontrollaufgabe ließ sich kein Unterschied zwischen den Gruppen erkennen. Die Forschenden erklären das damit, dass die Aufgabe hauptsächlich auf grundlegender motorischer Kontrolle beruhe. 

Im Folgenden wurden die Aufgaben geistig anspruchsvoller. Die Personen sollten zwei Sätze unterschiedlicher Komplexität abschreiben, die auf einer Karte gezeigt wurden. Hier zeigte sich immer ein erster Trend, der allerdings für eine zuverlässige Diagnostik jedoch nicht ausreichte. 

Schließlich sollten die Teilnehmenden Sätze, die ihnen diktiert wurden, niederschreiben, sie waren erneut unterschiedlich komplex. Hier zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen. Die Forschenden führen das darauf zurück, dass die Aufgabe höhere Anforderungen an das Arbeitsgedächtnis und die exekutiven Funktionen stellt. "Diktataufgaben verlangen vom Gehirn, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun: zuhören, Sprache verarbeiten, Laute in schriftliche Form umwandeln und Bewegungen koordinieren", sagte die leitende Autorin Dr. Ana Rita Matias, Assistenzprofessorin am Institut für Sport und Gesundheit der Universität Évora. 

Beim kürzeren Satz der Diktataufgabe schlugen sich die kognitiven Beeinträchtigungen in zwei Beobachtungen nieder: Erstens stieg die Startzeit, es zeigt sich also eine längere Verzögerung zwischen dem Hören des Diktats und dem ersten Ansetzen des Stifts. Zweitens stiegen pro Buchstabe die Auf- und Abwärtsstriche, die Schreibbewegung war fragmentiert. 

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Für den komplexeren Satz zeigten sich signifikante Unterschiede bei Startzeit, der Dauer des Schreibens und bei der vertikalen Größe, also bei der Fähigkeit, die Höhe der Buchstaben zu kontrollieren. Bei anderen Handschriftmerkmalen, etwa der Breite der Buchstaben, zeigte sich hingegen kein klarer Einfluss der Demenz. 

"Timing und Strichorganisation hängen eng damit zusammen, wie das Gehirn Handlungen plant und ausführt, was vom Arbeitsgedächtnis und der exekutiven Kontrolle abhängt. Wenn diese kognitiven Systeme nachlassen, wird das Schreiben langsamer, fragmentierter und weniger koordiniert", erklärte Matias. 

Das Team möchte ihre Forschung nun an größeren und vielfältigeren Gruppen fortsetzen, und dabei auch die Einnahme von Medikamenten berücksichtigen. Langfristig ist ihre Hoffnung, dass ihr Ansatz bei der Frühdiagnose und zur Überwachung des kognitiven Abbaus in Arztpraxen hilft. Immerhin ist der Ansatz nicht-invasiv und relativ kostengünstig, er stützt sich ausschließlich auf einfache Schreibaufgaben und leicht zugängliche digitale Tools. "Das langfristige Ziel ist es, ein Diagnose-Instrument zu entwickeln, das sich in den Alltag der Gesundheitsversorgung integrieren lässt, ohne dass spezielle oder teure Geräte erforderlich sind", sagt Matias.