Frauen erkranken häufiger an Alzheimer als Männer - selbst wenn man ihre höhere Lebenserwartung aus der Statistik rechnet. Liegt das daran, dass viele Erkrankte in ihrer Jugend weniger Chancen auf Bildung und ein komfortables Leben hatten als männliche Altersgenossen? Wahrscheinlich nur zu einem geringen Teil, meinen Experten. "Es deutet vieles darauf hin, dass das Verhältnis auch bei komplett gleichen Voraussetzungen nicht eins zu eins wäre", sagt Steffi Riedel-Heller von der Universität Leipzig.
Rund zwei Drittel aller Menschen mit Alzheimer sind Frauen. Die Krankheit wird überwiegend nach dem 65. Lebensjahr diagnostiziert, besonders häufig jenseits von 80 Jahren. An der Häufigkeitsverteilung hat darum großen Anteil, dass Frauen im Mittel deutlich länger leben als Männer. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt liegt der Sterbetafel 2022/2024 zufolge für Männer in Deutschland bei 78,5 Jahren, für Frauen bei 83,2 Jahren.
An biologischen Faktoren liegt dies übrigens nicht, wie Johannes Levin vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) erklärt. "Ausschlag gibt wohl vielmehr das allgemeine Risikoverhalten." Männer lebten im Mittel ungesünder und gefährlicher - besser auf ihr Wohl achtende Gruppen wie Mönche hätten eine ähnlich hohe Lebenserwartung wie Frauen.
Doch selbst um die Lebenserwartung korrigiert bleibt ein Unterschied mit Blick auf Alzheimer: Frauen erkranken auch in gleichen Altersgruppen merklich häufiger. Das Verhältnis liege bei etwa 60:40, sagt der Neurologe Wenzel Glanz von der Uniklinik Magdeburg. Gesicherte Ergebnisse, woran genau das liegt, gibt es nicht - eine Menge Hinweise aber schon. Die zeigen vor allem: Es ist komplex.
Eine Auswahl bekannter Faktoren:
1) Die Macht der Gene - ein oft unterschätzter Faktor
APOE - das ist der Name des bei Alzheimer wohl entscheidenden Gens. Einer im Fachjournal "npj Dementia" vorgestellten Analyse zufolge würden etwa 70 bis 90 Prozent aller Alzheimer-Fälle ohne den Einfluss dieses einzelnen Gens wohl nicht auftreten. Es gibt drei häufige Typen des Gens, die E2, E3 und E4 genannt werden. Jeder Mensch trägt üblicherweise zwei APOE-Gene, wodurch verschiedene Kombinationen entstehen.
Menschen, die eine oder zwei E4-Varianten tragen, haben ein viel höheres Alzheimer-Risiko als Menschen mit zwei Kopien der E3-Variante. Gruppen mit E2 haben wiederum im Vergleich zu E3-Trägern ein geringeres Risiko, wie es in "npj Dementia" heißt. "Die E4-Variante von APOE ist unter Demenzforschern als schädlich anerkannt", erklärt Hauptautor Dylan Williams vom University College London. "Aber viele Erkrankungen würden ohne den zusätzlichen Einfluss des häufigen E3-Allels, das in Bezug auf das Alzheimer-Risiko typischerweise falsch als neutral eingeschätzt wurde, nicht auftreten."
Petra Stute von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Bern zufolge tragen etwa 60 Prozent der Menschen die Kombination E3/E3, 20 bis 30 Prozent E3/E4 und 2 Prozent E4/E4. Die Kombinationen E2/E3 oder E2/E2 betreffen zusammen etwa 5 Prozent der Bevölkerung. Eine Studie an sogenannten Super-Agern zeigte kürzlich, dass diese häufiger als andere Menschen die E2-Variante und seltener die E4-Variante tragen. Als Super-Ager gelten Menschen ab 80 Jahren, deren kognitive Funktionen mit denen 20 oder 30 Jahre jüngerer Menschen vergleichbar sind.
"Das Ausmaß, in dem APOE in Bezug auf Alzheimer oder als Wirkstoffziel erforscht wurde, steht eindeutig in keinem Verhältnis zu seiner tatsächlichen Bedeutung", meint Williams. Frühere Studien haben seinem Team zufolge gezeigt, dass das vom Gen abgeleitete Protein bei der E4-Variante zu einer verstärkten Amyloid-Plaquebildung im Gehirn führt. Ablagerungen von Beta-Amyloid und Tau-Proteinen sind zentrale Merkmale der Alzheimer-Krankheit.
Zudem stört das E4-Protein Williams' Team zufolge die Fett- und Energieverarbeitung in den Gehirnzellen und fördert Entzündungen, die wiederum Neuronen schädigen und das Gehirn anfälliger für Demenzerkrankungen machen können. Warum die E3-Variante das Risiko im Vergleich zu E2 erhöht, sei bisher unklar.
APOE4 (Apolipoprotein E4) erhöht das Alzheimer-Risiko bei Frauen deutlich stärker als bei Männern, wie Riedel-Heller sagt. Forscher nehmen hormonelle Einflüsse als eine Ursache dafür an.
2) Die Macht der Hormone - Ist zur Hormontherapie zu raten?
Frauen in den Sechzigern haben eine etwa zweifach höhere Wahrscheinlichkeit, im Laufe ihres restlichen Lebens an Alzheimer zu erkranken, als an Brustkrebs, wie die Alzheimer-Gesellschaft der USA berichtet. Gemeinsam ist beiden Krankheiten, dass Hormone Einfluss auf die Entwicklung nehmen.
Im Zuge der Menopause sinkt der Estradiol-Spiegel. Das Hormon - ein sogenanntes Östrogen - steuert, wie stark das APOE-Gen abgelesen und in Protein umgesetzt wird. Bei sinkendem Estradiol-Spiegel wird mehr Protein produziert. Gerade APOE4-Trägerinnen könnten daher womöglich von einer Hormontherapie als gezielter Strategie gegen Alzheimer profitieren, schließt ein Forschungsteam um Stute im Fachjournal "Gynäkologische Endokrinologie". Wichtig sei ein früher Start der Therapie zeitnah nach der Menopause. Weitere Studien müssten diese Vermutung aber erst noch bestätigen.
Einer in "The Lancet Healthy Longevity" vorgestellten Übersichtsstudie mit Daten von mehr als einer Million Patientinnen zufolge gibt es aktuell keine Hinweise darauf, dass eine Hormontherapie in den Wechseljahren das Demenzrisiko bei Frauen nach der Menopause generell erhöht oder senkt. Für eine gesicherte Aussage fehlten aber noch Daten aus hochwertiger Langzeitforschung, hieß es vom Forschungsteam um Melissa Melville vom University College London.
Bekannt ist Levin zufolge, dass sich eine frühe Menopause vor dem 45. Lebensjahr - also ein sehr früh sinkender Estradiol-Spiegel - ungünstig auf das Alzheimer-Risiko auswirkt. Groß sei dieser Effekt aber nicht. Eine Hormontherapie allein zum Schutz vor Alzheimer zu beginnen, sei keinesfalls sinnvoll.
3) Glymphatisches System - Wenn die Spülmaschine im Gehirn lahmt
Vor allem im nächtlichen Tiefschlaf wird das Gehirn mit klarer Zerebrospinalflüssigkeit (CSF) regelrecht durchgespült, dabei werden Abfallstoffe wie Beta-Amyloid und Tau-Proteine entfernt. Unter anderem Schlafdefizite stören dieses sogenannte glymphatische System, eine Reinigungs- und Entsorgungsmaschinerie im Hirngewebe.
Auch beim glymphatischen System sind hormonelle Einflüsse auf das Alzheimer-Risiko anzunehmen, wie Riedel-Heller sagt. Denn: Typisches Symptom der Wechseljahre sind massive Schlafstörungen, teils über viele Jahre hinweg immer wieder. Als gesichert gilt, dass eine Hormontherapie diese deutlich vermindern kann.
4) Krebs und Alzheimer - Kann es nur einen geben?
Es klingt erst mal bizarr: Krebs könnte Analysen zufolge vor Alzheimer schützen. In Versuchen mit Mäusen zeigte sich, dass ein von Krebszellen produziertes Molekül das Gehirn vor der Krankheit bewahrt, wie ein Team um Youming Lu von der Universität für Wissenschaft und Technik Zentralchina in Wuhan gerade im Fachjournal "Cell" berichtet. Krebskranke Tiere entwickelten nicht die typischen Plaques im Gehirn. Eine Bestätigung beim Menschen steht aber noch aus.
Im Jahr 2020 vorgestellte Daten zeigten immerhin, dass eine Krebsdiagnose mit einem um 11 Prozent geringeren Auftreten von Alzheimer-Erkrankungen verbunden war. Prinzipiell könnte das allerdings zum Beispiel auch daran liegen, dass Menschen mit Krebs früher sterben - vor der Zeit, in der Alzheimer bei ihnen diagnostiziert würde.
Frauen bekommen - unter anderem wegen ihres im Mittel gesünderen Lebensstils - insgesamt seltener Krebs als Männer.
5) Und was ist mit Bildungsstand, Einkommen, Bewegung und Ernährung?
Es gibt zahlreiche Faktoren, die Studien zufolge das allgemeine Demenzrisiko erhöhen: geringere Bildung, Hörverlust, Bluthochdruck, Rauchen, Übergewicht, Depressionen, Bewegungsmangel, Diabetes, übermäßiger Alkoholkonsum, Schädel-Hirn-Trauma, Luftverschmutzung und soziale Isolation. Auch ein unbehandelter Sehverlust und ein hoher LDL-Cholesterinspiegel seien Risikofaktoren, heißt es in einem im Fachblatt "The Lancet Commissions" vorgestellten Bericht.
"Das Präventionspotenzial ist hoch, und theoretisch könnte fast die Hälfte aller Demenzerkrankungen durch die Eliminierung dieser 14 Risikofaktoren verhindert werden." Als eine Ursache dafür, dass Frauen häufiger als Männer von einer Demenz betroffen sind, sehen die Autoren deren oftmals geringeren Bildungsstand.
Mehr Bildung bedeute mehr Einkommen und damit einen besseren Zugang zu hochwertiger medizinischer Versorgung, zu gesünderem Essen und einer besseren Wohnumgebung mit geringerer Luftverschmutzung, erklärt Riedel-Heller. Ein geringerer sozialer Status sei zudem oft mit mehr chronischem Stress und psychischer Belastung verbunden sowie weniger gesellschaftlicher Teilhabe. Auch das schade langfristig der Hirngesundheit.
Heute 80-jährige Frauen hätten in ihrer Jugend auch in Deutschland weniger Bildungs- und Erwerbschancen gehabt, gibt Glanz zu bedenken. Spannend werde daher die Entwicklung bei den jüngeren Generationen sein: Werden diese Frauen dank ihrer besseren Chancen seltener oder später erkranken? Zu erwarten sei ein solcher Effekt - in kleinerem Maße - durchaus, genau beziffern lasse er sich wegen der vielen anderen Einflussfaktoren aber kaum, sagt Levin, Neurologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Sowohl bei Frauen als auch Männern wird das im Mittel gesündere Leben - weniger Rauchende, weniger Alkohol, mehr Bewegung - wahrscheinlich Einfluss haben, wie Glanz annimmt. "Ich würde erwarten, dass die heute 50-Jährigen später an Alzheimer erkranken werden." Ob das fünf Jahre sein werden oder nur eines, bleibe aber abzuwarten.
Levin geht davon aus, dass die Effekte anders als bei anderen Demenzformen wegen der starken genetischen Komponente der Krankheit eher gering sein werden. Womöglich beeinflusse die bessere Bildungsbasis allerdings, wann bei Frauen die Diagnose gestellt wird: Offensichtlich werde Alzheimer oft, wenn es mit der Sprache stark bergab geht - bei der Frauen generell schon über eine bessere Basis verfügten.
Der vollere Krug und seine Folgen
Frauen haben im Mittel eine größere Begabung für Sprache als Männer, ihr verbales Gedächtnis ist besser, wie Glanz erklärt. "Sie starten da mit dem volleren Krug." Entwickeln sie Alzheimer, mache sich das bei ihren Sprachfähigkeiten darum später bemerkbar als bei Männern. Die typischen Erstscreening-Tests beim Hausarzt seien aber sprachbasiert, gibt Glanz zu bedenken. Alzheimer falle bei Frauen daher wohl oft später auf als bei Männern - und werde in der Folge auch erst später diagnostiziert.
Es wirke dann so, als schreite die Krankheit bei Frauen nach der Diagnose schneller voran, sagt Levin. "Fähigkeiten gehen schneller verloren, die Betroffenen werden schneller pflegebedürftig." Ein Problem könnte das bei der Behandlung mit neuen Alzheimer-Mitteln wie Lecanemab und Donanemab sein, die in einem möglichst frühen Stadium eingesetzt werden müssen, um wirksam zu sein. Der in Studien festgestellte geringere Therapieerfolg bei Frauen könnte darauf zurückgehen, vermutet Glanz.
Die Erst-Tests müssen angepasst werden, ist er überzeugt. Auch das werde aber nur eingeschränkt nützen: Weil sie im Alltag so lange unauffällig bleiben, gingen Frauen wahrscheinlich weiterhin in späteren Stadien zum Arzt als Männer.
Scrollen bis zur Demenz
Einfluss auf die künftige Entwicklung könnten neu hinzugekommene Faktoren wie das stundenlange Scrollen in sozialen Medien haben. Social-Media-Kontakte hätten keinesfalls den positiven Effekt echter Sozialkontakte, betont Glanz. "Im Gegenteil." Hinzu komme, dass die Nutzung sozialer Medien mit bekannten Risikofaktoren wie Schlafmangel und Bewegungsarmut verbunden sei.
Auf Seiten der Medizin könnten in naher Zukunft effizientere Therapiemöglichkeiten stehen, sagt Glanz. "Eine Heilung aber wird auch noch in zehn Jahren nicht möglich sein, dafür spielen bei Alzheimer zu viele Faktoren eine Rolle."