Endlich Ruhe, um sich zu konzentrieren. Lebenszeit statt Arbeitsweg. Den Wohnort frei wählen. Ein Auge auf Kinder, Haustiere, pflegebedürftige Verwandte haben. Schnell mal die Wäsche aufhängen oder die Spülmaschine ausräumen. Die Jogginghose anziehen, um in der Mittagspause Sport zu treiben. Die Jogginghose nicht wieder ausziehen. Gelegentlich in der Wohnung des Partners, der Freundin, der Eltern arbeiten. Sich das Geld für Benzin, Kantine und Kaffee sparen. Kolleginnen nicht mit der eigenen Rotznase anstecken. Sich nicht beim Kollegen mit Rotznase anstecken.
Es gibt unzählige Gründe, warum sich Menschen für das Homeoffice entscheiden. Während der Pandemie kam diese Flexibilität auch den Arbeitgebern zupass. Doch seither erzeugt der anhaltende Enthusiasmus für die eigenen vier Wände ihnen Unbehagen. Der Tech-Konzern Amazon beorderte seine Angestellten vollständig zurück ins Büro, Multis wie SAP und die Deutsche Bank führten eine Präsenzquote ein. Im Mai letzten Jahres befragte der IT-Brachenverband Bitkom 602 deutsche Firmen: Jede fünfte hatte das Homeoffice nach der Pandemie wieder abgeschafft, 30 Prozent hatten die Möglichkeit zum flexiblen Arbeiten eingeschränkt.
Faulenzen im Homeoffice ist ein Mythos
Eine Sorge ist, dass der Zusammenhalt im Unternehmen verloren geht, wenn jeder für sich allein werkelt, eine andere, dass Informationen und Ideen nicht mehr fließen. Außerdem herrscht die Angst, dass Angestellte im Homeoffice eine ruhige Kugel schieben. Dabei zeichnen die Daten ein anderes Bild. 2024 erschien in der renommierten Fachzeitschrift "Nature" eine Studie mit 1600 Mitarbeitenden eines chinesischen Technologiekonzerns. Sie zeigte, dass hybrides Arbeiten – also eine Mischung aus Heimarbeit und Präsenz – die Jobzufriedenheit steigerte und die Zahl der Kündigungen senkte. Weder die Produktivität noch die Qualität der Leistungen litten. Eine Auswertung von Daten kleiner und mittlerer Unternehmen legt nahe, dass hybrides Arbeiten die Produktivität im Gegenteil sogar steigert.
Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation hat nun eine interessante Analyse für ein großes deutsches Unternehmen veröffentlicht. Die Techniker-Krankenkasse (TK) hatte vor der Coronapandemie begonnen, schrittweise hybrides Arbeiten einzuführen. Damit Führungskräfte die Leistung und Arbeitslast innerhalb ihres Teams im Blick behalten konnten, führte die Firma eine "Einzelplatzauswertung" ein, erhob also engmaschig individuelle Daten. Die Fraunhofer-Forschenden werteten diese Daten für die Jahre 2022 und 2023 aus. Sie konzentrierten sich dabei auf jene 11.000 Mitarbeitenden, die direkten Kundenkontakt hatten oder für die Sachbearbeitung zuständig waren. Als Kennwert für die messbare Produktivität wählten sie die Zahl der Telefonate und der bearbeiteten Anliegen. Doch sie fragten auch nach Faktoren, die langfristig eine positive Wirkung haben: Arbeitsklima, Zusammenhalt im Team, Jobzufriedenheit, soziale Kontakte und Wissenstransfer.
Die Ergebnisse sprachen eine deutliche Sprache. Im Homeoffice lag die messbare Produktivität konstant höher, und zwar um durchschnittlich 20 Prozent. Erwartungsgemäß konnten viele zu Hause besonders konzentriert arbeiten. Umgekehrt nutzten sie ihre Präsenztage stärker, um sich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen. Diese Verschiebung birgt die Gefahr eines verzerrten Bildes: Nämlich, dass Angestellte zu Hause ackern und im Büro schnacken. Doch ein gemeinsames Mittagessen oder eine Unterhaltung auf dem Flur fördern den sozialen Zusammenhalt und den Informationsfluss – und damit indirekt die Leistung. Aufgrund solcher Effekte sei es wichtig, die Produktivität an den verschiedenen Arbeitsorten nicht stumpf gegeneinander aufzuwiegen, schreibt das Fraunhofer-Team. Das gemeinsame Ergebnis zähle.
Um diese Gesamtproduktivität zu vergleichen, betrachteten die Forschenden drei Zeiträume mit unterschiedlicher Heimarbeitsquote. Von Januar bis Mai 2022, mitten in der Pandemie, verbrachten die Angestellten rund 70 Prozent ihrer Zeit im Homeoffice. Im folgenden Frühjahr kehrten sie zahlreich zurück ins Büro, der Anteil der Heimarbeit sank auf 55 Prozent. Ein Jahr darauf pendelte er sich bei 58 Prozent ein.
2024 wurden auch die meisten Anliegen bearbeitet. Schlusslicht war 2022, der Zeitraum mit der höchsten Homeoffice-Quote. Offenbar gibt es auf Konzernebene ein ideales Verhältnis von Homeoffice und Anwesenheit – und bei der TK liegt es ungefähr bei 60 zu 40. Stichproben in Dienststellen mit hoher Homeoffice-Quote stützten diese These, auch wenn die Unterschiede insgesamt eher gering waren (und die Produktivität ohnehin von Jahr zu Jahr geringfügig steigt). Die Vorteile der Präsenz greifen jedoch nur, wenn alle mitmachen. Sind Einzelne oft im Büro, laufen dort aber niemandem über den Weg, ist nichts gewonnen.
Das Beste aus beiden Welten
Wichtig ist den Forschenden, zu betonen, dass die 60:40-Quote nicht für jeden Einzelnen galt, sondern für das Unternehmen als Ganzes. Das Autorenteam schreibt: "Es existieren diverse Einflussfaktoren, die mehr oder weniger Präsenz sinnhaft machen, etwa die Art, wie Aufgaben am effizientesten bewältigt werden, die Bereitstellung und die effiziente Nutzung von Tools zur Zusammenarbeit, der bestehende Zusammenhalt und die (Führungs-)Kultur im Team." Kennen sich Kollegen und Kolleginnen gut, verabreden sie sich vielleicht im Büro, treten aber auch virtuell schneller in Kontakt. Sie teilen Informationen, unterstützen sich in Krisenzeiten und haben einen Grund (mehr), dem Unternehmen treu zu bleiben.
Unterm Strich plädieren die Forschenden für maßgeschneiderte Lösungen: "Es geht immer um einen geeigneten Mix aus beiden Arbeitsformen, die nur miteinander gesehen und nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten." Alle Einflüsse und Effekte im Blick zu haben ist für Unternehmen dabei eine gewaltige Herausforderung. Selbst das Fraunhofer-Team moniert, in Sachen Homeoffice zeige sich "eine deutliche Forschungslücke". Wer als Chef oder Chefin allerdings mit der Trägheit daheim Arbeitender argumentiert, steht nicht auf der Seite der Wissenschaft.