Manches Naturschauspiel beginnt 150 Millionen Kilometer entfernt. Und endet als irisierendes Flackern über unseren Köpfen. Wenn in klaren Nächten ein grünlicher Schimmer das Firmament erhellt, violette Adern durch das Dunkel pulsieren und sich dort oben Polarlichter kräuseln, wirkt eine Kraft aus der Sonne, die energiereiche Teilchen in unsere Atmosphäre schleudert. Und in diesem Jahr könnte diese Kraft besonders mächtig sein. Der März 2026 hat das Potenzial, einer der besten Polarlicht-Monate des kommenden Jahrzehnts zu werden.
Den Grund dafür liefert eine Überlagerung zweier kosmischer Rhythmen. Zum einen befindet sich die Sonne in einer besonders aktiven Phase ihres rund elfjährigen Zyklus. Ihr Aktivitätsmaximum hat sie zwar bereits 2024 erreicht, doch das bedeutet nicht, dass sie sich schlagartig beruhigt. Noch immer schleudert unser Stern gewaltige Ströme geladener Teilchen ins All. Treffen sie auf das Magnetfeld der Erde, werden sie zu den Polen gelenkt, wo sie in hohen Atmosphärenschichten auf Sauerstoff- und Stickstoffatome treffen und diese zum Leuchten anregen.
Zum anderen steht im März das Frühlingsäquinoktium bevor, jener Moment, in dem Tag und Nacht gleich lang sind. Was auf der Erde nach Ausgleich klingt, erzeugt im All Spannung. In dieser Phase ist die geometrische Ausrichtung zwischen Erdmagnetfeld und Sonnenwind besonders günstig für die Entstehung von Polarlichtern. Rund um die Tag-und-Nacht-Gleichen treten geomagnetische Stürme statistisch häufiger und intensiver auf. Man könnte sagen: Unser Planet dreht dem Sonnenwind genau im richtigen Winkel die Flanke zu.
Mit Glück wandert das Schauspiel ungewöhnlich weit nach Süden
Kommen beide Faktoren zusammen, wie in diesem März, steigen die Chancen auf spektakuläre Polarlichter deutlich. Für Menschen in Nordnorwegen oder Island bedeutet das noch häufigere, noch kräftigere Lichtspiele. Und für uns in Deutschland? Mit etwas Glück wandert das Leuchten weiter nach Süden als gewöhnlich.
Schon zu Beginn des Jahres waren Nordlichter zeitweise bis in mittlere Breiten sichtbar – vielleicht ein Vorgeschmack auf das, was sich bald am Frühlingshimmel entfalten könnte. In klaren Nächten lohnt sich ein Ausflug, am besten fernab der Stadtlichter. Oft erscheint zunächst nur ein fahler Streifen, kaum mehr als ein Schleier. Dann hebt er sich, faltet sich, flackert. Sauerstoffatome in rund 100 Kilometer Höhe senden ihr charakteristisches Grün aus, höher oben mischt sich rötlicher Schimmer dazu, Stickstoff sorgt für violette Ränder. Was wir sehen, ist die sichtbare Spur unsichtbarer Teilchen: Energie eines Sterns, die unsere Atmosphäre aufglühen lässt.
Sollte der März tatsächlich halten, was Fachleute hoffen, könnte es Jahre dauern, bis eine ähnlich günstige Konstellation wiederkehrt. Die Sonnenaktivität wird in den kommenden Jahren langsam abnehmen, der Zyklus steuert auf ein Minimum zu. Das Zeitfenster für ein hiesiges Himmelsleuchten schließt sich allmählich.
Polarlichter zeigen auch, dass die Erde einen unsichtbaren Schutz hat
Garantien gibt es allerdings nicht. Die Sonne ist launisch. Eine aktive Region auf ihrer Oberfläche kann sich binnen Tagen abschwächen, ein erwarteter Teilchenstrom die Erde knapp verfehlen. Doch selbst wer das Nordlicht nicht in voller Dramatik erlebt, spürt beim Blick ins Sternenzelt womöglich etwas anderes: das Staunen darüber, wie verletzlich und zugleich geschützt unser Planet im Strom kosmischer Kräfte durch die Weite des Alls treibt.
Denn dass Polarlichter überhaupt erscheinen, verdanken wir einem unsichtbaren Schutzschild. Das Magnetfeld der Erde lenkt den Sonnenwind ab, schwächt die Wucht koronaler Massenauswürfe und hält einen Teil der hochenergetischen kosmischen Strahlung aus den Tiefen der Galaxis von uns fern. Unser Nachbarplanet Mars verlor vor rund vier Milliarden Jahren diesen magnetischen Schutz: Der Sonnenwind blies große Teile seiner Atmosphäre ins All hinaus. Jedes Polarlicht ist deshalb auch ein strahlender Hinweis darauf, dass wir hier, auf der Erde, Luft zum Atmen haben.