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Tierschutz und Klima Das staatliche Tierwohllabel verharmlost unser Fleisch-Problem

Junge Schweine in der Mast
Junge Schweine in der Mast
© Budimir Jevtic / Adobe Stock
Turbo-Mast oder Bio? Oder irgendwas dazwischen? Landwirtschaftsminister Cem Özdemir hat nun "Eckpunkte" für eine verpflichtende staatliche Kennzeichnung der Haltungsformen vorgestellt. Doch ein bisschen besser Fleisch essen reicht nicht

Kaufen Menschen "besseres" Fleisch, wenn sie wissen, unter welchen Bedingungen die Tiere gelebt haben? Das zumindest scheint der Vegetarier, Grünen-Politiker und Bundeslandwirtschaftminister Cem Özdemir zu hoffen. Er hat nun – nach jahrelangen, mut- und erfolglosen Anläufen seiner Amtsvorgängerin – "Eckpunkte" für eine staatliche Kennzeichnung für Fleisch vorstellt.

Immer mehr Menschen, so das Kalkül, würden sich an der Supermarkttheke für (aus Tierschutzsicht) bessere Waren entscheiden, wenn sie leicht verfügbare Informationen über deren Herkunft hätten. Als Beispiel für einen solchen Erfolg wird gerne die Kennzeichnungspflicht für Eier angeführt.

Nun ist es zweifellos richtig, dass immer mehr Menschen nach dem Leben und dem Sterben der Tiere fragen, die sie essen. Dass sie eine kritische Masse darstellen, die den Markt verändern wird, darf gleichwohl bezweifelt werden.

Die Erfahrungen mit der freiwilligen Haltungsform-Kennzeichnung des Einzelhandels zeigt: Oft ist das Angebot an Produkten aus deutlich besseren Haltungsformen als dem gesetzlichen Mindeststandard gar nicht verfügbar. Eine echte Wahlfreiheit an der Supermarkttheke bleibt damit Theorie.

Zum anderen dürfte für die meisten Menschen, gerade in Zeiten der Inflation und der steigenden Lebensmittelpreise, der Kaufpreis eine zentrale Rolle spielen. "Billiger" zieht am Ende immer.

Der Staat delegiert seine Verantwortung für den Tierschutz an Verbraucher*innen

Nun ist wenig dagegen einzuwenden, wenn Menschen informierte Kaufentscheidungen treffen. Und tatsächlich ist eine verpflichtende Kennzeichnung überfällig. Aber es bleiben zwei grundsätzliche Probleme.

Erstens: Der Staat ist per Grundgesetz dazu verpflichtet, Tiere zu schützen. Mit einem Label schafft er nicht nur etwas mehr Transparenz – er delegiert seine staatliche Verantwortung an Menschen im Supermarkt, die nun zwischen Empathie und Geldbeutel abwägen sollen. Der Staat legitimiert so Haltungsbedingungen, die man kaum noch erbärmlich nennen kann. Der Unterschied zwischen der niedrigsten und der zweiten von fünf Haltungsstufen beträgt bei Schweinen 20 Prozent mehr Platz; über Krankheiten und Leiden in der Mast, über die Bedingungen auf dem Transport und im Schlachthof verrät das Label gar nichts.

Zweitens: Wer die Wahl hat zwischen verschieden erbärmlichen Haltungsbedingungen, isst nicht unbedingt weniger Fleisch. Genau das ist aber erforderlich: weniger Konsum von tierischen Produkten. Denn neben dem eklatanten Tierschutzproblem gibt es in der Tierhaltung noch das nicht weniger eklatante Umwelt- und Klimaproblem. Soja aus Brasilien, Weizen aus der EU in den Futtertrögen, Regenwaldvernichtung, Pestizid- und Düngereinsatz, Bodenverarmung, Gülle im Grundwasser, Antibiotikaresistenzen sind nur Beispiele für die immensen Kollateralschäden eines hohen Fleischkonsums. Die Konsequenz kann nur heißen: Wir müssen raus aus der Turbo-Tierproduktion.

Dazu braucht es eine bessere Aufklärung über die (auch gesundheitlichen) Folgen des Fleischkonsums. Ehrlichere Preise, inklusive einer gerechteren Besteuerung mit dem regulären Satz. Ein deutliche Anhebung der gesetzlichen Mindeststandards. Ein Ende von Subventionen für Mega-Ställe auf unterstem Tierschutzniveau. Eine EU-weite Kennzeichnungspflicht.

Und eine drastische Reduktion der Tierzahlen. Wie die gelingen könnte, zeigt der zweitgrößte Agrarexporteur der Welt. Die Niederlande haben im vergangenen Jahr ein 25 Milliarden Euro schweres Ausstiegsprogramm für Tierhalter aufgelegt.


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