Sri Lanka: Der Menschenfresser von Punanai

Reisebericht

Sri Lanka: Der Menschenfresser von Punanai

Reisebericht: Sri Lanka: Der Menschenfresser von Punanai

Ich habe mit meinem Jeepfahrer schon eine halbe Stunde gewartet. Etwa fünf Meter von uns entfernt liegt ein toter Sambarhirsch, vielmehr das, was von ihm übrig geblieben ist: der aufgebrochene Rippenkasten, der Schädel, die Läufe, ein Teil der Hinterhand. Der Leopard hat ihn, in der Nähe der Wasserstelle, wohl vor einigen Tagen erlegt, wie ich vom Zustand des Kadavers und auch von seinem Geruch he

Sri Lanka Leopard-



Im Yala Nationalpark

Der Menschenfresser von Punanai

Yala Nationalpark

Ich habe mit meinem Jeepfahrer schon eine halbe Stunde gewartet. Etwa fünf Meter von uns entfernt liegt ein toter Sambarhirsch, vielmehr das, was von ihm übrig geblieben ist: der aufgebrochene Rippenkasten, der Schädel, die Läufe, ein Teil der Hinterhand. Der Leopard hat ihn, in der Nähe der Wasserstelle, wohl vor einigen Tagen erlegt, wie ich vom Zustand des Kadavers und auch von seinem Geruch her vermute. Die Nachricht, dass der Leopard hier, an dieser Stelle, wieder gesichtet wurde, verbreitete sich vor einer halben Stunde wie ein Lauffeuer unter den acht Jeepfahrern mit den übrigen Touristen an Bord der großen Landrover. Nun stehen wir alle hintereinander aufgereiht, in der Hoffnung, einen jener scheuen Einzelgänger zu Gesicht zu bekommen.
Die gefleckten Ceylon Leoparden mit der zoologischen Bezeichnung Panthera pardus kotiya leben allein, nicht, wie Löwen beispielsweise, im Rudel. Nur zur Paarung finden sich Männchen und Weibchen zusammen, danach gehen sie wieder getrennter Wege. Nach einer Tragezeit von etwas mehr als drei Monaten bringt das Weibchen den Wurf mit zwei oder drei Jungen alleine durch. Nach aktuellen Schätzungen leben noch 600 Leoparden auf der Insel, sowohl im tropischen Regenwald als auch in den Steppengegenden. Sie sind sehr flexibel, was ihren Lebensraum und auch ihre Beutetiere angeht. So gehören Hirsche ebenso dazu wie Wildschweine oder, wenn sie derer habhaft werden können, auch Affen oder Vögel.
Während wir Touristen hier auf ein harmloses Dschungelabenteuer wie im Safaripark warten, bedeuten Tiere wie Kobras, Krokodile, Leoparden oder Elefanten für die ländliche Bevölkerung auch immer wieder akute Bedrohungen. Vor allem tödliche Zusammenstöße mit Elefanten sind keine Seltenheit. Und im vergangenen Jahr wurde nahe des Ortes Matara eine Frau beim Wäschewaschen im Nilwala Ganga von einem der großen Krokodile erwischt und unter Wasser gezogen. Ihre Leiche ist nie wieder aufgetaucht. Und obwohl dieser Fluss für seine vier bis fünf Meter großen Echsen berüchtigt ist, sieht man doch jeden Tag wieder Jung und Alt beim Baden im Fluss oder Frauen beim Waschen, bis an die Knie im braunen Wasser stehend.
Während ich nun schon 40 Minuten geduldig darauf warte, den gefleckten Jäger von meinem sicheren Platz im Jeep aus vor die Kamera zu bekommen, fällt mir die Geschichte des Leoparden von Punanai ein. Punanai ist ein Ort im Nordosten Sri Lankas, der in den zwanziger Jahren zu trauriger Berühmtheit gelangte, da dort einem menschenfressenden Leoparden an die 20 Menschen zum Opfer fielen. Obwohl dieses Männchen mit einer Länge von nur rund 1,90 Meter eher ein kleinerer Vertreter seiner Art war, so war er doch groß genug, um ein Dorf über mehrere Jahre hinweg in Angst und Schrecken zu versetzen.
Während man in Indien immer wieder von menschenfressenden Tigern gehört hat, waren Menschenfresser bis dahin in Sri Lanka unbekannt. Die fortgesetzten Attacken des Leoparden von Punanai machten damals weltweit Schlagzeilen.
Seinen Opfer lauerte der Killer immer an derselben Stelle auf: im hohen Gras, an einer schmalen Urwaldpiste, zu der es keine Alternative gab. Das 70 kg schwere Tier sprang seine Opfer von hinten an, schmiss sie mit diesem einen, gewaltigen Satz zu Boden und tötete sie mit einem gezielten Biss in die Kehle. Die schlaffen Körper zerrte er ins Dickicht, um sie zu fressen. Anhand der Schädel, die man später an dieser Stelle fand, zog man die traurige Bilanz. Auch vor Angriffen einer Gruppe scheute der Menschenfresser nicht zurück. Die, die er verschont hatte, flohen in blanker Panik, denn für das Opfer kam nach der blitzschnellen Attacke jede Hilfe ohnehin zu spät.
Rund zwei Jahre terrorisierte der Killer die Gegend, auch die Rodung des dichten Buschwerk an seinem Jagdplatz hatte ihn nicht vor weiteren Morden abhalten können. Letztendlich setzte die Provinzregierung eine Abschussprämie aus. Der Großwildjäger R. Shelton Agar machte es sich zur Aufgabe, den Leoparden zu erlegen. Nicht wegen des Geldes, er war ein betuchter Plantagenbesitzer, sondern um die Menschen dort von ihrer Heimsuchung zu befreien. Sein erster Versuch, ihn mit einer Ziege zu ködern, misslang. Er erlegte ihn schließlich, doch leider zu spät: der Menschenfresser saß bereits auf seinem letzten Opfer, einem Boten, der den Warnungen zum Trotz die tödliche Route geradelt war.
Da zeigt sich auch der gefleckte Jäger bei unserem Jeep. Doch nur kurz erkenne ich ihn im Dickicht, mit jenem geschmeidig wiegenden, majestätischen Gang, dann ist er auch schon wieder im Grün verschwunden.



Toter Sambar




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