Kriegsopfermuseum Saigon

Reisebericht

Kriegsopfermuseum Saigon

Reisebericht: Kriegsopfermuseum Saigon

Aus meinem Reisetagebuch



Montag, 14.3.2011

Mit gemischten Gefühlen erwarte ich den heutigen Programmpunkt: Das Kriegsopfermuseum als Dokumentation von fast 10 Jahren Kriegsgeschehen aus der Sicht der Vietnamesen.
Das schmucklose Gebäude in moderner Architektur steht in einem Park voll Kriegsmaterial. Teils von den Amerikanern erbeutet, teils von ihnen zurückgelassen.
Eine kleine Gruppe von unpassend gekleideten, lauten. amerikanischen Touristen drängt vor mir zum Eingang. In einer großen Halle sind viele Tafeln mit Texten über den Hintergrund und dem Verlauf der Kriegshandlungen aufgestellt. Statements von prominenten Persönlichkeiten und kleine Landkarten ergänzen die Informationen. Ich lese da und dort ein paar Zeilen..
Eine breite Stiege führt in das Obergeschoß. Um einen zentralen Raum sind in kleinen Abteilen Themenausstellungen zu sehen.
Ich gehe in die nächstliegende Nische. Hier zeigt man Bilder und Zeitungsausschnitte über amerikanische Kriegsdienstverweigerer. Unzählige haben ihren Einberufungsbefehl zerissen oder verbrannt und sind dafür ins Gefängnis gekommen.
Im zweiten Raum spüre ich bereits Beklemmung. Die "Wunderwaffe" Agent Orange, das Gift das tonnenweise über dem Land versprüht wurde, ist hier das Thema. In realistischer Weise, mit S/W Bildern wird das Ausmaß dieser Umweltkatastrophe dokumentiert, die Menschen an Menschen begangen haben. Von Bild zu Bild werden die Aussagen härter... mißgebildete Kinder, verseuchte Felder, todkranke Menschen....
Im dritten Raum bleibe ich nur stehen, ich kann nicht mehr weitergehen. Ich schaue rundum, Nur Bilder von halbverbrannten Menschen, von Kindern die um ihr Leben rennen, Feuer, Tod und Zerstörung, Folternde und Gefolterte. Die ganzen Greuel eines Guerillakrieges in Bildern.
Ich kann nicht mehr bleiben, ich muss hier raus...
Im Park, zwischen Kampfbombern, Panzern und Militärhelikoptern finde ich eine Bank um meine Gedanken zu ordnen. Ein sehr alter Mann kommt vorbei.Er ist schwerst kriegsversehrt, eine Hand fehlt, die Finger der anderen Hand und seine Beine sind verkrüppelt. Er verkauft kleine Päckchen mit Postkarten. Ein paar dieser Päckchen fallen ihm aus der Hand, ich sammle sie für ihn ein, er dankt mit einem verlegen Lächeln und humpelt davon.
Gerade kommen die amerikanischen Touristen wieder aus dem Museum. Sie sind jetzt sehr still, mit gesenkten Köpfen gehen sie zum Ausgang.
Ich öffne das Kartenpäckchen. Es sind Karten mit Kinderzeichnungen. Mit wenigen, unbeholfenen Strichen aufgemalt, was Angst und was Hoffnung macht in dieser Zeit.



Kinderzeichnung


Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • pleuro

    Ich bin gerade auch sehr still. Kriegsfolgen, die einfach nur bedrücken, Deine Gefühle, sehr eindringlich geschildert!
    LG Anne

  • venus

    Vielen Dank, das ich dabei sein durfte...

  • ToniE

    Ich kann nur bestätigen, wie eindrucksvoll dieses Museum ist.
    Was mich am meisten entsetzte waren die "Tiger-Cages", in die man Gefangene in Drahtkäfige von der Größe eines Hasenstalles presste und in der Sonne stehen lies.

    Nie wieder Krieg!

  • ToniE

    Zwei Fotos dazu:
    http://www.geo-reisecommunity.de/bild/462204/Vietnam-Kriegsopfermuseum-Saigon#gallerySlider
    http://www.geo-reisecommunity.de/bild/462203/Vietnam-Kriegsopfermuseum-Saigon

  • Zaubernuss

    Liebe Christina, Angesichts des Grauens möchte ich ganz still werden ... mich mit Dir auf die Parkbank setzen und daran denken, dass es Menschen wie Dich braucht, die uns aufrütteln ! Ich danke Dir. Ich danke auch allen Menschen, die versuchen, das Leid zu mildern und jenen, die ihre ganze Kraft zur Vermeidung solch grässlicher Kriege einsetzen !!! LG: Ursula

  • traveltime

    Danke für die Schilderung, eines Tages wird es solche Museen auch im Irak und in Afghanistan geben und sonst wo auf der Welt.
    LG Rolf

  • Guido

    Der Der Vietnamkrieg ist einer der blutigsten Kriege der Menschheit. Er forderte etwa drei Millionen Todesopfer, davon waren zwei Millionen Zivilpersonen. Vier Millionen Menschen erlitten schwereste Verletzungen! Das Vietnamesische Rote Kreuz spricht von 150'000 als Folge von. Agent Orange behinderten Kindern und einer vielfachen Zahl von Erwachsenen.

  • nach oben nach oben scrollen
  • agezur

    Danke euch allen - ich weiß, ihr versteht, dass ich diesen Bericht schreiben musste.
    LG Christina

  • Blula

    Liebe Christina! Ein sehr, sehr bedrückender Bericht. Deine Gedanken und Gefühle, die Du hier so eindringlich wiedergegeben hast, werden mich sicher noch lange beschäftigen. Für diesen Bericht gebührt Dir ein ganz besonderes Dankeschön.
    LG Ursula

  • joki-mau

    ....als ich in Vietnam war, habe ich das Militärmuseum in Hanoi besucht. Die Bilder sind noch heute in meinem Kopf.
    Deine Beschreibung vom Kriegsmuseum Saigon bringt mich in diese unerträgliche Situation zurück.
    1968 war ich noch zu jung um auf den Strassen zu protestieren.... heute bewundere ich jeden, der öffentlich gegen diesen menschenverachtenden Krieg demonstriert hat... die Zeit danach hat mich in meiner politischen Einstellung sehr geprägt.
    LG Ingrid

  • wasserhexe (RP)

    Liebe Christina, ich bin fassungslos und ganz still. Leider wird es aber,... und da stimme ich Rolf komplett zu, nicht das letzte Museum dieser Art bleiben. Wir können auf jeden Erdteil schauen und jedem von uns würden leider Beispiele einfallen ohne Ende!
    Traurige Grüße Heike

  • mamatembo

    … da fällt mir sofort ein Zitat aus dem Lateinunterricht ein: „homo homini lupus“; der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Ich stimme allem Gesagten zu, vor allem dem letzten Satz von Heike. Umso wichtiger, dass wir immer wieder zum Nachdenken anregen, indem wir auch solche Berichte schreiben.
    Danke, Christina!

  • trollbaby

    Oh, Christina, was für ein berührender Bericht! Vor zwei Wochen bin ich auch an diesem Museum vorbei gefahren und habe mich noch über das ganze Kriegsgerät in der Außenanlage gewundert. Ich habe mich aber nicht näher damit beschäftigt, muss ich gestehen. Ich könnte auch nicht sagen, ob ich jetzt bereit wäre, das Museum zu besuchen oder ob es mich nicht zu sehr bedrücken würde. Schon beim Besuch der Cu Chi Tunnel ist mir anders geworden, wie wäre es mir also in diesem Museum ergangen? DIr gebührt jedenfalls ein dickes Dankeschön, dass Du uns diese Thematik wieder in Erinnerung gerufen hast! Man verdrängt Schreckliches doch sehr gerne und will es ungeschehen machen - was bei all den Opfern dieses Krieges aber nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann.
    LG Susi

  • nach oben nach oben scrollen
  • agrimm

    Sehr einfühlend geschrieben!
    Trotz der vielen Museen gibt es immer noch Krieg - großer Krieg, im Osten des KONGO in den letzten Jahren 4 Millionen Tote.
    Sisyphus lässt grüßen.
    LG Armin

  • RELDATS

    Ich war vor einigen Jahren auch in diesem Museum und war total erschüttert.
    Ich wollte und konnte mir nicht alles anschauen.
    Nette Grüße...Josef

  • Pinky3

    .........dein Beitrag berührt mich sehr............lg Gaby

  • mhsch

    Liebe Christina, ein eindrucksvoller Reisebericht mit Blick auf Grausamkeiten, von Menschen verursacht. In der Geschichte findet man viele Beispiele über ähnliches, auch in der heutigen Zeit begegnet Sie mir, oft verheimlicht und verdeckt, diese verachtende und verlogene Grausamkeit. Wird sie sich ändern, die Menschheit, in der Zukunft?
    Gruß von mhsch

  • Pinky3

    Christina, gerade habe ich gesehen das ich diesen Bericht zwar kommentiert hatte aber leider vergessen habe zu bewerten, sorry, das habe ich nun nachgeholt :)
    LG Gaby

  • reisefreudig

    Sorry, erst jetzt "tiefer" in Deine Reiseberichte reingesehen. Sehr ergreifender Bericht, ich war 2002 drinnen, habe mich aber zu einem Bericht nie entschließen ( mir haben dazu die richtigen Worte gefehlt- Du hast diese aber hier gefunden ) können. Zu ergreifend, die ganze Geschichte. Danke Christina für eine so hervorragende Reportage. Man kann Deine Gedanken dazu geradezu erahnen!
    lg Harald

  • nach oben nach oben scrollen
  • agezur

    Nochmals ein Danke für die vielen Antworten. Ich weiß, es ist kein Bericht der gefallen kann und soll.
    Aber ich musste ganz einfach meine Gefühle niederschreiben !
    LG Christina

  • W.Bausen

    Liebe Christina, meine Frau und ich waren am 08.02.2014 dort im Museum und uns sind die Tränen gekommen. Einige Tage später waren wir in Kambodscha, in Phnom Penh und haben das Tuol Sleng Museum besucht. Hier haben uns die Fotos und Gemälde über die Grausamkeiten der Roten Khmer zum zweiten Mal erschüttert. Bis auf diese beiden Ausflüge war es eine wunderbare Reise, durch sehr sehenswerte Länder mit wahnsinnig netten Menschen. Ich empfehle aber diese beiden Orte auch zu besuchen und nicht die Augen zu verschließen, denn es ist geschehen.

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Kriegsopfermuseum Saigon 4.91 23

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps