Der Kaiser ist tot! Lothar III., Herrscher des Heiligen Römischen Reiches, hatte gerade einen kräftezehrenden Feldzug in Italien hinter sich, als er Anfang Dezember 1137 auf dem Rückweg im Örtchen Breitenwang am Fuße der Alpen plötzlich das Zeitliche segnete – 600 Kilometer entfernt von seiner sächsischen Heimat. Was tun mit dem kaiserlichen Leichnam?
Das Gefolge Lothars entnimmt das Herz und die Eingeweide, zerteilt den Körper und kocht die sterblichen Überreste sechs Stunden lang ein, bis sich das Fleisch von den Knochen löst. Dann werden die Gebeine sorgsam verpackt – und in einer wochenlangen Reise ins sächsische Königslutter geschafft, wo der Kaiser seine letzte Ruhe findet.
Italienische Chronisten nannten den Brauch "mos teutonicus"
Das Leichenkochen entzweit schon die Zeitgenossen im Mittelalter – so sehr, dass italienische Schreiber die Praxis kurzerhand zu einer "deutschen Sitte" zu erklären, einer Idee, auf die nur die grobschlächtigen Deutschen kommen können. Ganz korrekt ist das nicht, denn auch in Frankreich ist das Verfahren bekannt. Trotzdem ist die Technik bis heute als "mos teutonicus" bekannt.
Der Historiker Romedio Schmitz-Esser hat sich ausgiebig mit dem Brauch beschäftigt und führt in seiner Abhandlung "Der Leichnam im Mittelalter" Dutzende betroffene Kaiser, Könige, Fürsten, Grafen, Bischöfe und Heilige auf. Zumindest für hohe Würdenträger sei das Verfahren selbstverständlich gewesen, beschreibt Schmitz-Esser – wenn sie an einem Ort weit entfernt von der Familiengrablege oder dem eigenen Kloster starben und ihre Gebeine transportiert werden sollten.
Demnach gehen erste Hinweise zum "mos teutonicus" auf das 10. Jahrhundert zurück, wie im Fall des 992 auf dem Rückweg von Rom verstorbenen Bischofs Gerdag von Hildesheim. Dessen Körper wurde "in die einzelnen Glieder zerteilt in zwei Schreinen von seinen trauernden Gefährten in sein Kloster verbracht", beschreibt ein Zeitgenosse. Ob der Leichnam auch gekocht wurde, ist jedoch nicht überliefert.
Nachweise dafür finden sich schließlich im 12. und 13. Jahrhundert, der Zeit der Kreuzzüge, als die sterblichen Überreste hoher Würdenträger teils Tausende Kilometer zurück ins Heilige Römische Reich oder nach Frankreich transportiert werden sollten.
"Bis die Knochen weißer als Schnee erschienen"
Die Schilderungen von Chronisten zeugen von dem hohen Aufwand, der dabei betrieben wurde. Als Ludwig IV. von Thüringen auf dem Weg ins Heilige Land 1227 in Apulien an einer Fiebererkrankung starb, bestatteten seine Gefährten den Leichnam zunächst vor Ort. Auf dem Rückweg vom Kreuzzug gruben sie den Körper wieder aus und kochten die sterblichen Überreste sorgfältig – "bis die Knochen weißer als Schnee erschienen", heißt es in der Chronik des Klosters Reinhardsbrunn, wo Ludwig bestattet wurde.
Weiter schildert die Schrift, dass die Knochen für die Überführung über die Alpen in einen Schrein eingeschlossenen wurden, geschmückt mit einem silbernen, mit Edelsteinen verzierten Kreuz. Auf dem Weg platzierten die Angehörigen den Schrein jede Nacht in einer Kirche, wo er "von andächtigen und frommen Personen eifrig" verehrt wurde. In Bamberg übergab der Bischof im Beisein von weiteren Geistlichen, Adeligen und dem Volk den Schrein schließlich an Ludwigs Witwe.
Ein anderes Beispiel ist der französische König Ludwig IX., der bereits zu Lebzeiten als Heiliger verehrt wurde und 1270 während des Siebten Kreuzzugs bei Tunis starb. Seine Gefährten sollen den Leichnam so lange in Wasser und Wein gekocht haben, bis sich das Fleisch ohne Gewalt von den Knochen lösen ließ. Während nun die Eingeweide auf Sizilien beigesetzt wurden, "wusch man die Knochen des Königs aufmerksam, wickelte sie mit wohlduftenden Spezereien in Seide ein und legte sie in ein Reliquiar für den Transport nach Saint-Denis", schreibt Schmitz-Esser. "Offenbar war man bestrebt, die Grobheit des Kochens durch einen betont ehrenwerten Umgang mit den Gebeinen auszugleichen."
Knochen galten als besonders edler Teil des Leichnams
Auch die Leichname anderer prominenter Heiliger wurden in jener Zeit gekocht, etwa die Thomas von Cantilupes und Thomas von Aquins. Dabei ging es offenbar nicht nur um den Transport des Körpers. "Die Quellen betonen recht einheitlich das Resultat des Kochens, den reinen oder gereinigten Knochen, und damit einen besonders edlen Teil des Leichnams", erklärt Schmitz-Esser. Die Knochen repräsentierten den Toten, und schneeweiße Knochen unterstrichen dessen Heiligkeit und Unschuld.
"Mos teutonicus" kam nicht nur zur Anwendung, um verstorbene Personen aus Italien oder dem Heiligen Land in ihre Heimat zu transportieren. Graf Adolf II. von Holstein etwa fiel 1164 in einer Schlacht gegen die Slawen bei Demmin in Vorpommern: Seine Eingeweide ließ man, so steht es in den Annalen des Klosters Egmond, unter einem Baum begraben, den Körper aber "mit wohlriechenden Kräutern und Salz umsichtig einkochen", aus dem heidnischen Gebiet herausschaffen und ins 450 Kilometer entfernte Minden bringen, wo der Graf in der Gruft seiner Väter bestattet wurde.
Papst Bonifaz VIII. sorgte für das Ende des "mos teutonicus"
Doch wer war überhaupt für das Leichenkochen zuständig? Die Quellen schweigen. Infrage kommen Leibärzte der Herrscher, nahestehende Personen, Bedienstete, aber auch andere, praktisch veranlagte Berufsgruppen – wie Köche und Metzger, die sich mit Konservierungstechniken für Fleischwaren gut auskannten. Nicht umsonst wandte sich König Balduin I. von Jerusalem 1118 mit Anweisungen zur Entnahme der Innereien seines Leichnams und dem Einsalzen an seinen Koch Addo und nicht an seinen Leibarzt.
Ende des 13. Jahrhunderts fand die Praxis des Leichenkochens ein jähes Ende. Als König Philipp III. von Frankreich 1285 starb und sein Leichnam zerteilt und gekocht wurde, stritten sich das Dominikanerkloster von Paris und die Abtei Saint-Denis um den letzten Ruheort des königlichen Herzens.
Die Debatte rief Papst Bonifaz VIII. auf den Plan, der 1299 in der Bulle "Detestandae feritatis" das Kochen von Leichen verbot. Wer diesen Brauch dennoch durchführte, dem drohte der Papst mit der Exkommunikation. Mehr noch: "Jene, deren Körper auf diese unmenschliche Weise traktiert wurden", müssen auf eine kirchliche Bestattung verzichten. Damit verschwand "mos teutonicus" schlagartig aus den Quellen.