GEO: Herr Ruster, Sie haben sich für Ihr Buch "Krallen, Federn, Drachen, Blut" ausgiebig mit Tierdarstellungen im Mittelalter beschäftigt. Welches Tier wird am häufigsten in der mittelalterlichen Kunst dargestellt?
Thomas Ruster: Mit Abstand der Drache, also streng genommen ein Fabelwesen und kein Tier im eigentlichen Sinn. Wahrscheinlich taucht der Drache so häufig in der Kunst auf, weil es das All-in-one-Tier schlechthin ist und Merkmale jener Geschöpfe in sich vereint, die dem Menschen bedrohlich erscheinen: Löwenpranke, Krokodilmaul, Schlangenschwanz. Dazu muss man sagen, dass der Drache auch schon vor dem Mittelalter für die Unheilsmacht der Natur und für Chaos stand, etwa im alten Mesopotamien.
Galt der Drache im Mittelalter denn als reales Wesen?
Zumindest gab es in Europa immer wieder Berichte über vermeintliche Drachensichtungen. Hildegard von Bingen, die große Naturheilkundige des Mittelalters, war überzeugt davon, dass Drachenfett eine heilende Wirkung habe. Nur woher man dieses Fett beziehen konnte, das vermochte auch sie nicht zu sagen.
Wo finden sich in der mittelalterlichen Kunst überhaupt Darstellungen von Tieren?
Quasi überall, vor allem in der kirchlichen Kunst. Die Kirchen wimmeln nur so von Tierdarstellungen: auf Türen und Simsen, in Gemälden und Kapitellen, an Chorgestühlen und Heiligenstatuen.
Warum waren die Tiere in der Kunst so allgegenwärtig?
Weil Tiere für Menschen zu ihrem Alltag gehörten, zu ihrer Lebensgemeinschaft. Man lebte im Mittelalter permanent auf Tuchfühlung mit Tieren: mit vertrauten Wesen wie Schafen, Ziegen, Schweinen, Hunden und Katzen. Aber auch mit wilden, bedrohlichen Tieren wie Wölfen und Bären. Erst ab dem 19. Jahrhundert trennten sich die Wege von Mensch und Tier in Europa mehr oder weniger endgültig.
Was verraten mittelalterliche Tierdarstellungen über das damalige Verhältnis von Mensch und Tier?
Dass es völlig anders war als heute. Einerseits spiegelt die Kunst im Mittelalter die Furcht vor wilden Tieren wider, etwa auf mittelalterlichen Säulenkapitellen, in denen gefährliche Tierköpfe auftauchen und die Menschen bedrohen. Diese damals reale Gefahr durch wilde Tiere spielt heute zumindest in Europa keine Rolle mehr. Andererseits zeigt gerade die kirchliche Kunst aber auch die Sehnsucht nach einem friedlichen Zusammenleben zwischen Menschen und Tieren, die in einer Schöpfungsgemeinschaft verbunden sind. Heute dagegen halten viele Menschen Tiere für eine Art freie Verfügungsmasse, mit all der Grausamkeit, die damit einhergeht.
In der Bibel heißt es doch aber, der Mensch solle über die Tiere herrschen. Wie passt das zusammen?
Das Paradies schreibt Tieren und Menschen zunächst Veganismus vor: "Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung", heißt es in der Genesis. Erst neun lange Kapitel später erlaubt Gott quasi zähneknirschend den Menschen, Tiere zu essen. Das ist aber keineswegs das Ideal: Der Prophet Jesaja sieht in seiner Vision eine Welt, in der Wolf und Lamm, Leopard und Bock, Kalb und Löwe gemeinsam lagern, allesamt nur Pflanzen essen und ein Säugling mit Schlangen spielt. Genau solche idyllischen Darstellungen finden sich auch in der Kunst.
Aber wie lässt sich dann die Weisung verstehen, der Mensch solle über die Tiere herrschen?
Darüber gingen auch im Mittelalter die Meinungen auseinander. Manche Kleriker verstanden die Weisung eher in dem Sinn, Verantwortung dafür zu übernehmen, Frieden mit der Tierwelt zu schaffen. Franz von Assisi, der große Tierheilige, rettete mit seinen letzten Groschen Tiere vor dem Schlachter, um sie freizulassen. Andere Heilige sollen mit Wölfen zusammengelebt haben, um sie zum Vegetarismus zu erziehen. Jedenfalls war vielen Menschen bewusst, dass Fleischkonsum ein Problem ist.
Welche moralische oder theologische Bedeutung wurde den einzelnen Tieren in der Kunst zugeschrieben?
Es gab eine gewisse Systematik: Der Biber symbolisierte etwa Keuschheit, weil ihm nachgesagt wird, sich auf der Flucht vor Jägern lieber den Hoden abzubeißen, statt zu sterben. Hirsche stehen häufig für Christus, weil sie mit ihren Hufen Schlangen – also das Symbol des Bösen – töten können sollen. Das Eichhörnchen war mitunter ein Symbol für Verschwendung von Nahrungsmitteln, weil es seine Nüsse im Herbst vergräbt und nicht immer wiederfindet. Das Lamm steht immer für die Gewalt, die Tieren von Menschen angetan wird. Zugleich ist es das Tier, dem in der Apokalypse das Buch mit den sieben Siegeln anvertraut wird. Es erklärt den Sinn der Welt. Es triumphiert über die Gewalt, ohne Gewalt anzuwenden. Die Lammmotive in der mittelalterlichen Kunst versuchen diese Spannung auszudrücken. Der Adler steht für Wiedergeburt und Erneuerung, denn nach der Überlieferung fliegt er zur Sonne, um sein altes Gefieder zu verbrennen, und stürzt sich dann auf der Erde in eine Quelle, um sich zu erneuern. Den Pfau versetzen die Darstellungen oft in einen blühenden Garten, denn er steht mit seiner Schönheit für das Paradies.
Und steht der Esel für Dummheit und Sturheit?
Schon, aber er wird auch gewürdigt, bei der Geburt Jesu dabei zu sein, und Jesus reitet auf einer Eselin in Jerusalem ein. So wird der Esel zum Symbol der wahren Frömmigkeit. Oft finden sich in der Symbolik solche Ambivalenzen und Übergänge: Im Licht des Glaubens wird etwas an den Tieren erkennbar, was über ihre gewöhnliche Natur hinausgeht.
Gab es also einen festen Kanon der Tiersymbolik, der den Menschen bekannt war?
Ganz so einfach war es nicht. Der Löwe zum Beispiel konnte sowohl auf der guten wie auf der bösen Seite stehen: als gefräßiges Ungeheuer oder als "Löwe von Juda", als Symbol für königliche Macht. Die Betrachter und Betrachterinnen der Kunstwerke mussten sich die Bedeutung eines Tieres aus dem Kontext erschließen.
Mal von der Symbolik abgesehen: Lassen sich auch gesellschaftliche Lehren aus den Tierdarstellungen ziehen?
Absolut. Ein Thema ist zum Beispiel die auch heute noch aktuelle Frage: Wie kann Gewalt überwunden werden? Lässt sich das Böse ausschließlich mit Gewalt bekämpfen? Ein interessantes Beispiel dafür bieten geschnitzte Kunstwerke rund um die Legende der Heiligen Margarete, die zeigen, wie diese Frau einen Drachen an einer dünnen Leine führt.
Margarete hat den Drachen also besiegt?
Ja, aber nicht durch einen Gewaltakt. Statt gegen den Drachen, der sie bedroht, zu kämpfen, fragt sie ihn einfach, warum er eigentlich böse ist. So kommt heraus, dass der Drache den Menschen das Glück missgönnt, das er selbst verloren hat – und eigentlich ein armer Hund ist. Margarete bringt das Böse dazu, seine wahren Motive einzugestehen und zähmt es so. Die Botschaft dahinter: Um einen vermeintlichen Feind anzugehen, muss man ihn anschauen, mit ihm ins Gespräch kommen, ihn rationalisieren und nicht dämonisieren. Dieser mittelalterliche Lösungsansatz könnte uns doch vielleicht auch bei unseren aktuellen politischen, militärischen und gesellschaftlichen Problematiken weiterbringen.