Nackt steht er auf dem weiten Platz vor dem Bischofspalast und der alten Kathedrale Santa Maria Maggiore in der umbrischen Bergstadt Assisi, nackt unter dem hohen Himmel Italiens, nackt vor der Menschenmenge und den steinernen Mauern, ein kleiner, dünner Mann mit schütterem Bart und Segelohren.
Seine dunkle Stimme klingt laut und klar über die Piazza. Er spricht von den Kleidern, die er abgelegt hat im Palast des Bischofs, von dem Erbe, auf das er verzichten will wie auf alles, was ihn mit dem Mann verbindet, den er seinen Vater genannt hat bis zu diesem Tag. Vorbei. Von heute an kennt er als Vater nur noch Gott, den Allmächtigen.
Ausstellung der Gebeine in Assisi
Nach fast 800 Jahren nach seinem Tod am 4. Oktober 1226 werden die sterblichen Überreste des katholischen Heiligen Franz von Assisi erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen sein. Seine Heimatstadt, die 27.500-Einwohner-Gemeinde Assisi in Mittelitalien, erwartet dazu mehrere Hunderttausend Besucher. Die sogenannte Ostension findet vom 22. Februar bis zum 22. März 2026 statt. Nach Angaben des Franziskanerordens haben sich bereits mehr als 350.000 Menschen angemeldet, um in der päpstlichen Basilika San Francesco die Reliquien zu sehen.
Franziskus, Sohn des reichen Tuchhändlers Pietro Bernardone, sagt sich los von allen Bindungen an die Welt, verzichtet auf allen Besitz, bricht mit Familie und Vergangenheit, um von nun an einzig und allein nach dem Evangelium zu leben, in der wahren Nachfolge Christi, in Wort und Tat. Viele werden sich ihm anschließen. Aber wohl keinem von ihnen wird es gelingen, so radikal gegen sich selbst zu sein, wie Franziskus es vorlebt, der fortan der Ärmste der Armen sein will.