Ob zum Mittelaltermarkt, im Kino oder beim Sonntagsausflug: Kaum ein Kulturgut fasziniert die Menschen Mitteleuropas so wie Burgen und Schlösser. Dabei liegen noch unzählige von ihnen versteckt zwischen den Bäumen im Wald oder im Boden unter der Tiefgarage. Das neue Zentrum für Burgenforschung an der Universität Tübingen möchte das ändern. Im Interview verrät dessen Leiter Michael Kienzle: Wie findet man eine Burg? Wie sah das Leben zwischen ihren Mauern wirklich aus? Und sind Serien wie "Game of Thrones" historisch gesehen Blödsinn – oder akkurat?
GEO: Herr Kienzle, Sie sind der Leiter des neuen Zentrums, das die Burgenforschung im deutschsprachigen Raum bündeln soll. Sind Burgen bei uns nicht schon bestens erforscht?
Michael Kienzle: Mittelalterliche Burgen gehören zu den markantesten historischen Bauten in unserer Landschaft. Das Interesse der Bevölkerung ist groß und lebendig. Auf der anderen Seite haben wir unglaublich viele Burgen, die gar nicht erforscht sind; viele sind noch nicht einmal bekannt. Auch an den Universitäten ist das Thema nicht institutionalisiert. Vieles läuft stattdessen verstreut über Initiativen und Vereine, mit viel Ehrenamt und schlechter Finanzierung. Wir wollen die Leute vernetzen und neue Kooperationsprojekte aus dem Boden stampfen.
Macht also bisher jeder, was er will?
Das ist oft tatsächlich so. Ich erlebe das immer wieder: Am Berg über einem kleinen Dorf steht eine Ruine, mit der sich noch nie jemand befasst hat. Und dann gibt es jemanden aus diesem Dorf, der sich für Geschichte interessiert. Eine Privatperson, die vielleicht beruflich gar nichts mit historischen oder archäologischen Themen zu tun hat. Aus solchem Engagement von Einzelnen wachsen oft Burgeninitiativen.
Wie viele Burgen schlummern noch im Boden?
Ich kann keine belastbare Zahl nennen. Am Burgenzentrum gehen wir davon aus, dass in Deutschland, Österreich und der Schweiz Hunderte, wenn nicht Tausende Burgen unentdeckt sind. Weil sie versteckt in dicht bewaldeten Gebieten liegen oder im Zentrum von Siedlungen. Die wurden irgendwann überbaut, weil man das Material gebraucht hat, die Burganlagen baufällig wurden oder man moderne Wohngebäude darüber gestellt hat. Alle diese Burgen sind aus dem Landschaftsbild verschwunden und werden immer mal wieder neu entdeckt, zum Beispiel beim Bau einer Tiefgarage.
In Deutschland forschen wir schon sehr lange an Burgen. Wieso wissen wir trotzdem so wenig?
Das hängt vor allem mit der Zahl der Burgen zusammen. Man schätzt, dass es allein in Baden-Württemberg um die 3000 Burgen gibt, und das ist sicher noch zu kurz gegriffen. Man hat eine riesengroße Masse und kommt schlicht personell nicht hinterher, wenn man die alle erforschen möchte.
Der Deutsche Burgenverein schätzt, dass es in Deutschland insgesamt etwa 25.000 Burgen gibt.
Die Zahl liegt sicher höher. Ich habe viel auf der Schwäbischen Alb geforscht, mit Burgenbüchern und Wanderführern. Da denkt man: Ist doch alles erfasst. Aber wenn man genau hinschaut, ist es das eben nicht. Selbst in einem so kleinen Raum findet man noch neue Burgen. Das kann man auf Deutschland hochskalieren, wo die Situation ja vielerorts ähnlich aussieht.
Wenn man nicht zufällig beim Tiefgaragenbau darauf stößt: Wie findet man eine neue Burg?
Man kann sich von historischer Seite nähern, also über die schriftliche Überlieferung. Darin findet man etwa Adlige, die sich nach einem bestimmten Ort benennen. Nach deren Herrschaftssitz kann man dann suchen. Oder man wertet Flurnamen aus: Oft heißen Orte ja bis heute Burgwald oder Burgäcker. Manchmal stößt man auch auf alte Landkarten.
Und außer den schriftlichen Quellen?
Man kann auch von der archäologischen, topografischen Seite kommen. Gerade da haben wir neue und spannende, hochtechnische Möglichkeiten, etwa das Airborne Laser Scanning. Dabei scannt ein hochauflösender Laser die Erdoberfläche, woraus sich dreidimensionale Geländemodelle errechnen lassen. Die moderne Archäologie kann so große Gebiete mit überschaubarem Aufwand einfach am PC untersuchen.
Wo bekommt man solche Aufnahmen her? Fliegen Sie selbst die Gebiete ab?
In der Regel werden diese Aufnahmen flächendeckend über die Landesvermessungsämter gemacht. Jedes Bundesland macht das für sich, einige sind weiter als andere. Manche stellen die Daten öffentlich zur Verfügung, bei anderen kommt man ein bisschen schwieriger dran. Vor ein paar Jahren war das noch nicht so zugänglich und auch noch recht pixelig.
Wie sieht das heute aus?
Wir sehen immer mehr Details. Zum Beispiel einen Bergsporn irgendwo am Talrand: Vielleicht erkennt man dort einen künstlichen Graben, deutlich abgetrennt von der Hochfläche. Dann weiß man: Hier wurde etwas befestigt in der Vergangenheit. Und dann geht die Suche los.
Wie funktioniert die?
In meiner Doktorarbeit zum Beispiel habe ich mir ein kleines Gebiet vorgenommen, mit drei Tallandschaften und den Hochflächen dazwischen. Etwa 60 Burgen waren dort bekannt oder wurden vermutet. Am PC habe ich alle auch nur burgenverdächtigen Berge und Geländesporne genau unter die Lupe genommen. Finde ich markante Gräben, quadratische oder rechteckige Strukturen? Alles eben, was offensichtlich nicht natürlich gewachsen ist. Diese Verdachtsfälle habe ich dann besucht, manchmal in dicht bewaldetem Gebiet, oft sehr abgelegen.
Woran erkennt man eine verlorene Burg im Gelände?
Wenn man richtigliegt, findet man typischerweise einen künstlich aus dem Felsen geschlagenen Burggraben. Dahinter liegen oft Schuttwälle, an denen man erkennen kann: Hier waren Mauern oder Gebäude, die zusammengestürzt sind. Manchmal findet man auch Bruchstücke von Dachziegeln. Das deutet meistens auf hochwertige Gebäude hin, die ordentliche Dachdeckungen hatten. So fügt man nach und nach die Spuren zusammen.
Haben Sie mehr oder weniger Burgen gefunden, als man vorher vermutete?
Das geht in beide Richtungen. Für zwei mutmaßliche Fälle, die durch die Literatur gegeistert sind, konnte ich mit ziemlicher Sicherheit nachweisen, dass es diese Burgen nie gegeben hat. Aber ich habe auch neue Burgen entdeckt.
Welche waren das?
Zum Beispiel eine Anlage, sehr spannend, über die seit 100 Jahren gestritten wurde. In der jüngeren Vergangenheit war man zu dem Schluss gekommen, dass dort nie eine Burg gestanden hat. Obwohl es ringsherum auffällige Flurnamen gibt: Der Bereich davor heißt Burgäcker, es gibt einen Burgwald, und der Felsen selbst heißt Burgstein. Es waren also schon Indizien da, aber obertägig konnte man nicht viel sehen. Diesen Platz habe ich untersucht und verdächtige Wälle im Gelände entdeckt. Sie waren teilweise exakt im rechten Winkel abgeknickt. Es gab auch ein paar verdächtige Gruben, bei denen ich das Gefühl hatte, da könnten Gebäude gestanden haben. Dort sind wir erst mit dem Bodenradar drüber und haben danach eine archäologische Grabung durchgeführt.
Was kam heraus?
Wir sind im Untergrund auf Reste von Fundamentmauern gestoßen. Sie waren stark ausgebrochen, wahrscheinlich durch Steinraub in den letzten Jahrhunderten. Wir haben auch mittelalterliche Keramik aus dem 11. und 12. Jahrhundert entdeckt, die klassische Zeit des Hochmittelalters und des Burgenbaus. Und wir haben – und das hat uns alle überrascht –, ein Set hochwertiger Spielfiguren gefunden: eine Springer-Schachfigur, einen Würfel und vier Spielsteine. Die sehen in etwa aus wie die Spielfiguren bei Dame und gehörten wohl zum mittelalterlichen Spiel Trick-Track, das man mit Backgammon vergleichen kann. Wir haben also nicht nur eine Burg gefunden, sondern auch einen Einblick in die ritterlich-höfisch-adlige Lebenswelt gewonnen.
Wie heißt die Burg?
Das ist spannend: Es ist kein Name überliefert, nur der Felsen heißt Burgstein. Solche Namen tauchen überregional meistens dann auf, wenn der richtige in Vergessenheit geraten ist oder auf einen Neubau an anderer Stelle übertragen wurde.
Durften Sie die Burg selbst benennen, wie der Entdecker einer neuen Art?
Nein. Wir bleiben beim Flurnamen Burgstein. Zumindest so lange, bis wir eines Tages über die schriftliche Überlieferung den ursprünglichen Namen herausbekommen.
Haben Sie eine Lieblingsburg?
Oh, das werde ich oft gefragt! Aber das ist schwierig zu beantworten. Das Schöne an unseren mittelalterlichen Burgen ist, dass sie unglaublich individuell sind. Manche liegen oben auf dem Berg, andere in Tälern, manche stehen als Wasserburgen in Seen oder Flüssen. Die Burgen des Niederadels, der einfachen Ritter, waren teilweise nur aus Holz oder Fachwerk gebaut und sind kaum erhalten. Dagegen sieht man die großen Hochadelsburgen heute noch als mächtige Steinruinen auf den Bergen. Jede Burg hat ihren Reiz.
Welche Burgenform finden Sie am spannendsten?
Man möchte meinen, dass die wohlbekannten, großen Steinruinen am spannendsten sind. Das stimmt auch, zumindest, um sie zu besuchen. Aber für Wissenschaftler sind es oft die unbekannten Anlagen, die weitgehend verschwunden sind. Weil man dabei noch viel Neues entdecken kann.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Wir Forscher in Tübingen sitzen auf einem Schloss, das auf die mittelalterliche Burg der Pfalzgrafen zurückgeht. Später wurde sie von den Grafen von Württemberg zu einer frühneuzeitlichen Landesfestung ausgebaut. Und heute wird das Schloss von der Universität genutzt. Man arbeitet in seinem Büro, befindet sich aber eigentlich in einer Burg, über die man wenig weiß, denn geforscht wurde hier bislang kaum. Es reizt mich jeden Tag, sie genauer zu untersuchen.
Die idealtypische Burg aus dem Märchen gibt es also gar nicht?
Genau. Erste Burgen oder burgartige Befestigungen haben wir schon seit dem Frühmittelalter: großräumige Anlagen mit Wällen und Gräben; über die Innenbebauung wissen wir nicht viel. Etwas mehr weiß man über die großen Pfalzen der Könige, aber auch das sind eher großräumige Befestigungen. Das, was man gern als mittelalterliche Burg im Kopf hat, beginnt erst langsam im 10., eher im 11. und 12. Jahrhundert zu entstehen. Aber auch diese Bauwerke sahen anders aus als die spätmittelalterlichen Burgen des 15. oder die frühneuzeitlichen Festungen und Schlösser des 16. und 17. Jahrhunderts. Wenn eine Burg durchgehend 500 Jahre lang erneuert und bewohnt wurde, findet man ein Sammelsurium an Baustilen. Und dann kommt es auf die Lage an.
Inwiefern?
Je nachdem, in welches Bundesland man schaut und in welche Landschaftsform, haben sich Burgen unterschiedlich entwickelt. Auf der Schwäbischen Alb, eine der burgenreichsten Landschaften Deutschlands, findet man oft schlecht erhaltene Ruinen. Das heißt, die meisten Burgen wurden irgendwann aufgegeben. Wenn ich dagegen ins Rheintal schaue, etwa an den Mittelrhein, dann zeigt sich ein ganz anderes Bild. Dort hat man in der Neuzeit, im Zuge der Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts, viele Burgen wieder aufgebaut. Viele sind heute noch bewohnt oder werden als Museen genutzt. Und in Norddeutschland geht man durch die Landschaft und hat vielleicht im ersten Moment den Eindruck, dass es überhaupt keine Burgen gibt. Das stimmt natürlich nicht. Auch dort gibt es Burgen, aber sie sahen an Orten ohne Berge grundsätzlich anders aus. Sie standen in der flachen Landschaft oder waren als Wasserburgen ausgeführt, mit künstlichen, wassergefüllten Gräben außen. Diese Burgen wurden noch viel schneller als in den bergigen Landschaften überprägt und sind heute in großen Teilen verschwunden.
Woher stammt denn unser Idealbild einer Burg?
Die klassische mittelalterliche Adelsburg war am Anfang viel einfacher in ihrer Gestalt als das, was man heute kennt. Meist besaß sie einen einzelnen zentralen Turm, als Wohnturm für die adlige Familie. Drumherum zogen sich eine Ringmauer und ein Burggraben. Im Vorbereich lagen wirtschaftliche Gebäude, Ställe und Scheunen. Im Spätmittelalter, also im 14. und 15. Jahrhundert, kamen viele Bauelemente dazu: zusätzliche Mauerringe, mehrere Türme, Wehranlagen. Man wollte es wehrhafter und moderner haben. Das sind oft die Burgen, die wir noch heute in der Landschaft stehen haben.
Das Klischeebild stammt also schlicht daher, dass wir diese spätmittelalterlichen Burgen heute noch sehen können?
Genau so kann man das sagen.
Wie viel Romantik steckt in diesem Bild?
Wenn man sich von wissenschaftlicher Seite einer Burg oder einer adligen Familie nähert, hat man oft ein Problem: Vieles wurde über die Jahrhunderte verfälscht. Man findet spannende Sagen, von Raubrittertum und Schlossgespenstern, die bisweilen durchaus einen wahren Kern haben. Aber man muss erst mal viel Mythos und Klischee abschälen, um neues Wissen zu schaffen.
Sind "Game of Thrones" und "Herr der Ringe" also Quatsch?
Nicht grundsätzlich. Aber man sollte wegkommen vom Klischee des reinen Wehrbaus. Viele Menschen stellen sich vielleicht vor, dass auf einer Burg ständig gekämpft wurde. Das stimmt so nicht. Wenn wir genau hinschauen, wie viele Burgen belagert oder durch Kriege zerstört wurden, sind es tatsächlich gar nicht so viele. Die meiste Zeit des Burgenlebens hat man wahrscheinlich im Frieden zugebracht. Man hat gelebt, musiziert, Feste gefeiert, Verträge geschlossen und Standesgenossen getroffen. Man nahm nicht nur die Abgaben von Leibeigenen und Bauern entgegen, sondern wirtschaftete auch selbst: auf Feldern und Wiesen, mit Vieh, Fischteichen und Mühlen. Eine Burg steht eben nicht isoliert auf einem Berg.
Was meinen Sie damit?
Man hat das Land lange Zeit von Burgen aus erschlossen und geprägt, und sehr vieles in unserer Kulturlandschaft geht genau darauf zurück. Was wir heute sehen: Wo diese lang bewährten Nutzungsformen aufgegeben wurden, bekommt man plötzlich ökologische Probleme. Traditionelle Weidewirtschaft zum Beispiel, oder wenn alte Flussauen kanalisiert werden, die über Jahrhunderte Hochwasser aufgenommen haben. Eine Lösung ist, die historische Kulturlandschaft wiederherzustellen. Da wird die Burgenforschung interessant: Wenn wir die Burg nicht nur als Einzelobjekt verstehen, sondern als Teil dieser Kulturlandschaft, kann man aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen.
Wieso sind Menschen bis heute so fasziniert von Burgen?
Wenn man sich als moderner Mensch mit Geschichte befassen möchte, ist ja die Frage: Wo findet man einen Zugang? Und dafür eignen sich Burgen hervorragend. Sie sind Punkte in der Landschaft, an denen Geschichte wirklich sichtbar wird. Mit denen man sich identifizieren kann, deren Legenden man vielleicht schon als Kind gehört hat. Und man kann sie am Wochenende selbst erwandern: Ein Ausflug zur Burg ist historisches und Naturerlebnis in einem.