Interview Russische Medien im Exil: "Diese Redaktionen sind zur Innovation verdammt"

Im März 2022 ist das Studio des Radiosenders Echo Moskwy verlassen. Die Redaktion hatte kurz zuvor ihre Auflösung bekannt gegeben. Unter dem Namen "Schiwoi Gwosd" senden ehemalige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nun aus dem Exil, hauptsächlich auf Youtube und Telegram
Im März 2022 ist das Studio des Radiosenders Echo Moskwy verlassen. Die Redaktion hatte kurz zuvor ihre Auflösung bekannt gegeben. Unter dem Namen "Schiwoi Gwosd" senden ehemalige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nun aus dem Exil, hauptsächlich auf Youtube und Telegram
© Alexander Nemenov / AFP
Der JX Fund unterstützt russische Exilmedien. Im Interview erklärt die Geschäftsführerin Maral Jekta, mit welchen Risiken diese Medien kämpfen – und ob sie eine Zukunft haben

GEO: Russland arbeitet daran, sich vom globalen Internet zu trennen. Was bedeutet das für die Exilmedien, die aus dem Ausland die Menschen in Russland erreichen möchten? 

Maral Jekta: Anfang März tritt ein Gesetz in Kraft, das zumindest den Rechtsrahmen dafür schafft, dass die russischen Behörden das Internet zentral steuern, filtern oder vollständig vom globalen Netz abschneiden können. Wann und ob das passiert, wissen wir nicht. Aber die Redaktionen der Exilmedien basteln schon an technischen Lösungen. Irgendjemand hat mal gesagt, dass Exilmedien zur Innovation verdammt sind. Das ist wahr, und sie sind gut darin.

Wie schwer ist es jetzt schon für eine Redaktion in Berlin oder Vilnius, einen Leser oder eine Leserin in Irkutsk zu erreichen? 

Nicht alle, aber viele Exilmedien sind in Russland zu "unerwünschten Organisationen" erklärt worden. Das bedeutet, dass es unter Strafe steht, Inhalte dieser Exilmedien zu teilen oder Zitate daraus zu verwenden. Das kostet 5000 Rubel, umgerechnet etwa 55 Euro, und kann in bestimmten Fällen auch strafrechtliche Konsequenzen bis hin zu Haft nach sich ziehen. Das ist eines der größten Probleme für die Medien, weil es nicht nur die Redaktionen betrifft, sondern auch eine starke abschreckende Wirkung auf das Publikum hat. Nichtsdestotrotz begeistert mich auch hier die Innovationskraft der Redaktionen. Sie sind unheimlich vielfältig aufgestellt und reagieren schnell auf Angriffe. Sie wechseln die Plattformen, nutzen neue Kanäle, entwickeln eigene Apps, gründen Projekte unter neuen Namen.

Der JX Fund

Der JX Fund wurde nach dem Start des russischen Angriffskrieges in der Ukraine gegründet, er ist eine gemeinnützige GmbH. Die Gesellschafter sind der Verein "Reporter ohne Grenzen", die Schöpflin Stiftung und die Rudolf Augstein Stiftung. Im vergangenen Jahr hat der JX Fund eine Fördersumme in Höhe von 1,5 Millionen Euro an Exilmedien ausgeschüttet beziehungsweise damit Projekte unterstützt. Neben der direkten Unterstützung sammelt der JX Fund Daten zu Herausforderungen und Erfolgen von Exilmedien, initiiert Studien und etabliert einen Austausch. Ein Großteil der Unterstützung gilt Exilmedien aus Russland und Belarus, einzelne Projekte betreffen auch Medien aus Afghanistan, Syrien, Aserbaidschan, Nicaragua und Myanmar.  

Können Sie Beispiele für die Reichweite russischer Exilmedien nennen? 

Bekannte Exilmedien wie "Meduza" oder TV Rain erreichen ein Millionenpublikum. Meduza verzeichnet beispielsweise monatlich rund 18 Millionen Website-Besuche und liegt damit vor etablierten internationalen Medien wie "The Economist" oder "The New Yorker". TV Rain hat auf Youtube mehrere Millionen Abonnenten. Diese Medien sind kein Nischenphänomen, sondern relevante Informationsquellen mit loyalem Publikum.

Stimmt überhaupt meine Annahme, dass russische Exilmedien für ein russischen Publikum veröffentlichen? 

Doch, das wollen alle. Gerade die russischen Exilmedien richten ihre Arbeit an die Leute im Land. Sie möchten diesen geschlossenen Informationsraum, der mit Propaganda und Desinformation überfüllt ist, aufbrechen, verifizierte Informationen und andere Perspektiven einbringen. Manche Medien konzentrieren sich auf Moskau, andere, und das finde ich besonders spannend, produzieren extra für ländliche Gegenden, in denen es überhaupt keinen Bezug mehr zu nichtstaatlichen Narrativen gibt. 

Chefredakteur Tichon Dsjadko verließ mit der Redaktion des Radiosenders Doschd im Frühjahr 2022 Russland. Unter dem Namen TV Rain arbeitet der Sender inzwischen von Amsterdam aus 
Chefredakteur Tichon Dsjadko verließ mit der Redaktion des Radiosenders Doschd im Frühjahr 2022 Russland. Unter dem Namen TV Rain arbeitet der Sender inzwischen von Amsterdam aus 
© Denis Kaminev / ASSOCIATED PRESS / picture alliance

Trotzdem glaube ich, dass diese Exilmedien auch Teil der europäischen Medienlandschaft sind. Sie kommen langfristig nicht darum herum, auch ein Zielpublikum außerhalb Russlands anzusprechen. In diesen Redaktionen sitzen Experten und Expertinnen. Sie sind die ersten, die russische Desinformation und Propaganda erkennen und decodieren können. Dieses Kontextwissen ist unheimlich wertvoll. 

Von wie vielen Redaktionen sprechen wir? 

Für Russland beobachten wir 63 Exilmedien, die sich zum Beispiel in Deutschland, Polen und im Baltikum niedergelassen haben. Für Belarus sind es 47. Das heißt nicht, dass es darüber hinaus nicht noch welche gibt. 

Wie groß sind diese Redaktionen?

Meistens haben sie nur eine Handvoll Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Es gibt aber auch große etablierte Redaktionen mit Teams von 50 bis 100 Personen.

Gab es diese Medien schon vor dem russischen Angriff auf die Ukraine? 

Die meisten. Einige erfolgreiche Medienprojekte wurden aber erst im Exil gegründet, zum Beispiel "Verstka", das sich auf investigative Geschichten fokussiert. Einige haben auf langjährigen prominenten Marken neue Medien im Exil gestartet, so wie "Novaya Gazeta Europe" oder "Echo".

"Meduza", früher Lenta.ru, arbeitet seit 2014 in der lettischen Hauptstadt Riga. Was wissen die Journalisten und Journalistinnen überhaupt noch über das, was in Russland passiert?

Der Anspruch der Exilmedien ist es, die Realität besser abzubilden als die Medien vor Ort. Mein Eindruck ist, dass Ihnen das sehr gut gelingt. Die Redaktionen haben noch ihre Netzwerke und Quellen im Land. Die wissen deshalb ganz genau, welche Themen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene relevant sind. Und wie viele Menschen vielleicht wirklich nicht zufrieden sind mit dem, was vor Ort passiert. 

Viele Exilmedien wie TV Rain müssen sich immer wieder verändern, um ihr Publikum in Russland zu erreichen. Sie wechseln die Plattformen, nutzen neue Kanäle, entwickeln eigene Apps 
Viele Exilmedien wie TV Rain müssen sich immer wieder verändern, um ihr Publikum in Russland zu erreichen. Sie wechseln die Plattformen, nutzen neue Kanäle, entwickeln eigene Apps 
© Koshiro K / Alamy Stock Photos / mauritius images

Besteht bei diesen Exilmedien nicht die Gefahr, dass sie sich in einer oppositionellen Blase bewegen, also eben nicht die Realität abbilden? 

Die Gefahr, dass man nur bestimmte Perspektiven repräsentiert, besteht im Journalismus allgemein. Professionelle Journalisten wissen damit umzugehen. Im politischen und medialen Exkurs werden Exilmedien immer wieder in einen europäischen Verteidigungs- oder Sicherheitskontext eingeordnet. Einige Chefredakteure von russischen Exilmedien, mit denen ich geredet habe, sprechen sich klar dagegen aus. Sie sagen: Wir sind nicht Teil eines politischen Lagers. Wir sind nicht per se für oder gegen Wladimir Putin, wir sind Journalisten und Journalistinnen und berichten, was passiert. Wenn ich mir die Themenvielfalt anschaue, trifft das auch zu. Die Medien berichten über marode Krankenhäuser, sexuellen Missbrauch in Bildungseinrichtungen, Umweltprobleme, um nur ein paar Beispiele zu nennen.   

Die meisten russischen Exilmedien haben 2022 ihr Heimatland verlassen. Wie langen können die Redaktionen im Exil noch durchhalten? 

Wir haben gerade eine Umfrage unter den Redaktionen durchgeführt. Unsere Auswertung zeigt eine Finanzierungslücke von 15 Millionen Euro. Es fehlt also eine langfristige Planungssicherheit. Viele Medien können den Betrieb vorerst aufrechterhalten. Sie wissen aber nicht, wie es in ein oder zwei Jahren weitergeht.

Maral Jekta ist seit Herbst 2025 die Geschäftsführerin des JX Funds. Sie sagt: "Bekannte Exilmedien wie Meduza oder TV Rain erreichen ein Millionenpublikum"
Maral Jekta ist seit Herbst 2025 die Geschäftsführerin des JX Funds. Sie sagt: "Bekannte Exilmedien wie Meduza oder TV Rain erreichen ein Millionenpublikum"
© Maral Jekta

Haben Sie einen Plan, wie es weitergehen könnte? 

In der Akutphase nach 2022 ging es vor allem darum, die Redaktionen handlungsfähig zu halten. Wir haben das deutsche Steuersystem erklärt, Redaktionsräume gesucht. Die finanzielle Förderung war vor allem strukturell, es ging also um Technik, Personalkosten, Reisekosten, Büromieten, all das, was klassischerweise zum Betrieb einer Redaktion gehört. Diese Art der Förderung verschiebt allerdings das Problem der Redaktion immer nur von einem Jahr in das nächste. Ihre vorherigen Einkommensquellen sind weggebrochen, und sie haben keine neuen. Dazu kommt, dass die Fördersummen insgesamt sinken. 

Gibt es also keinen Plan? 

Doch. Wir legen unseren Fokus darauf, dass die Medien Geschäftsmodelle entwickeln, mit denen sie selbst Einnahmen generieren. Damit sie auch langfristig überlebensfähig bleiben. 

Also nur die Redaktionen mit Unternehmergeist überleben? 

Bei aller Liebe zum Unternehmergeist glaube ich nicht, dass der ausreicht, um die Medien zu schützen. Ja, sie müssen lernen, zusätzliche Einnahmequellen zu generieren. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Förderung des gemeinwohlorientierten Journalismus wichtig ist. Auch für Deutschland. Die Perspektiven der Exilmedien dürfen nicht verloren gehen.